Interview

Dein Freund, der Joint: Bereichert der Rausch den Alltag?

von

Sex, Drogen und Sport haben eines gemein, sagt der Wissenschaftler und Buchautor Henrik Jungaberle: Sie verhelfen uns zu Rauschzuständen. Die brauchen wir, um den Alltag zu meistern – auch, wenn sie ein Risiko bedeuten können.

ME.URBAN: In Berlin ist der Görlitzer Park zu einer Anlaufstelle für Dealer und Partytouristen geworden. Nun gibt es Pläne, dort einen Coffeeshop zu eröffnen, um kontrolliert Cannabis abzugeben. Würde das die Situation deeskalieren? 

Henrik Jungaberle: Eine durchdachte Regulierung würde auf jeden Fall helfen, die Rechte der Anwohner und die Konsumenten zu schützen. Das Problem sind die zum Teil gegenläufigen Interessen. Die derzeitige rechtliche Situation sieht eigentlich eine Verfolgung der Dealer vor. Dies geschieht nicht oder nicht in ausreichendem Maß, um Rechtsfrieden herzustellen. Der Polizei fehlen entweder Ressourcen oder sie verspricht sich nichts von einer Verfolgung, da der Schwarzmarkt dann in einen anderen Stadtteil abwandern würde. Cannabis ist in größeren Teilen der Bevölkerung, speziell der Berliner Bevölkerung, eine Alltagsdroge.

Wozu würden Sie den Politikern raten?

Am vernünftigsten wäre eine radikale Lösung, die den Cannabisverkauf staatlich reguliert, also lizenzierten Fachgeschäften den Verkauf ermöglicht. So, wie das auch bei Alkohol und Tabak gemacht wird. Mit diesen Verkaufsstellen würde eine seriöse Konkurrenz zum Untergrund-Dealer-Markt aufgebaut. Man müsste sich dann natürlich Gedanken machen, was mit den Menschen geschehen soll, die diesen Schwarzmarkt bisher aufrecht erhalten. Mit einem staatlich regulierten Verkauf würde der Staat außerdem seiner Pflicht gerecht, die gesundheitlichen Interessen der Bürger zu wahren: durch Qualitätskontrolle und Warnhinweise. Die Prohibition tut das nicht. Sie ist ein in weiten Teilen gescheiterter Ansatz. Gleichzeitig muss man die Anwohner und Geschäfteinhaber schützen, indem man gerade in der Übergangszeit nach einer solchen Lösung die illegale Konkurrenz konsequent verfolgt und Straßenkriminalität hart bekämpft. Das braucht Geld, ein Konzept für die Polizei und die Mitarbeit der konsumierenden und nicht-konsumierenden Bürger.

Würde eine solche Lösung den Drogentourismus in der Stadt nicht noch fördern? 

Mit ziemlicher Sicherheit würde sie das. Trotzdem: Wenn staatliche Regulierung greifen soll, muss diese konsequent sein und darf sich nicht nur auf einen Stadtteil beziehen. Sonst lockt man alle an diesen Brennpunkt. In der Übergangszeit, der sogenannten Konversionsphase, gibt es immer Probleme und eine Erhöhung der Konsumraten. Was zählt, sind jedoch die langfristigen Erfolge.

In den Niederlanden war diese Konversionsphase nach der Legalisierung deutlich zu spüren.

In den Niederlanden gibt es keine Legalisierung, nur eine Entkriminalisierung von Cannabis. Nachdem in den 70er-Jahren neue Gesetze erlassen wurden, stieg der Cannabis-Konsum in den 80er-Jahren vorerst an. Danach blieb er aber weitgehend auf dem gleichen Niveau. Er ist auch nicht höher als in Deutschland. Ähnliches gilt für Portugal. Die Portugiesen betreiben wohl die fortschrittlichste Regulationspolitik in Europa. Anfang der 2000er Jahre beschloss dort eine Koalition aus rechten und linken Parteien eine komplette Entkriminalisierung aller Drogen. Nicht nur von Cannabis, sondern auch von Kokain oder Heroin. In Portugal darf jeder Mensch bis zu zehn Tagesrationen einer Droge bei sich führen, ohne mit strafrechtlicher Verfolgung rechnen zu müssen. Das so freigesetzte Geld wird in die Aufklärung und die Behandlung Kranker gesteckt. Erstaunlicherweise verzeichnet man in Portugal trotz dieser Politik keine wesentlich steigenden Konsumraten.

Sie haben mit „High Sein“ gerade ein Drogen-Aufklärungsbuch veröffentlicht. Auch in Hinblick auf eine mögliche Legalisierung?

Bis es zu der kommt, werden noch einige Jahre vergehen. Mein Co-Autor und ich haben dieses Buch geschrieben, um Jugendliche und Erwachsene zu einem Gespräch über Drogen zu motivieren. Vieles, was es darüber zu lesen gibt, erschien uns überholt und veraltet. Wir wollten die Debatte versachlichen und auf den neuesten Stand bringen.

Halten Sie eine Freigabe von Cannabis in Deutschland denn in absehbarer Zeit für möglich?

Ich halte nichts von Astrologie. In den nächsten 15 Jahren dürfen wir aber sicher damit rechnen.

Im Jahresbericht der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht heißt es, es gäbe eine wachsende Akzeptanz gegenüber Cannabis. Was hat dazu geführt?  

Die Legalisierungsdebatte in den USA hat dazu beigetragen, dass die Akzeptanz von Cannabis auch in der deutschen Bevölkerung gestiegen ist – obwohl nur knapp ein Drittel der Deutschen schon mal welches probiert hat. Die Medien berichten nicht mehr so reißerisch und mehr Künstler sprechen sich öffentlich für die Freigabe aus. Durch Serien wie „Weeds“ oder „The Culture High“ wird das Thema zur Abendunterhaltung.

„Breaking Bad“ hat die Deutschen mit Crystal Meth vertraut gemacht. Profitieren auch solche harte Drogen vom Imagewandel?

Nein. Es liegt an der besonderen Beschaffenheit von Cannabis, dass diese Droge so viel positiver wahrgenommen wird. Verglichen mit Alkohol, den ja ganze 96 Prozent der Deutschen zumindest schon mal probiert haben, ist Cannabis die ungefährlichere Substanz. Da Alkohol toxisch ist, kann er eine ganze Reihe von ernsthaften Erkrankungen auslösen. Wir verzeichnen mindestens 42.000 Alkoholtote pro Jahr, aber keinen echten Cannabistoten. Ausgenommen sind die indirekten Todesfälle, also zum Beispiel durch Unfälle im Verkehr oder wenn Konsumenten, die Herzinfarkt-gefährdet sind, sich in starke Gefühle hineinsteigern und dann sterben.

Die Droge ist also illegal, obwohl sie nahezu ungefährlich ist?

Keine Droge ist ungefährlich. Cannabis kann Psychosen auslösen. Etwa ein Prozent der Bevölkerung wird diese ohnehin im Lauf des Lebens erleiden, Cannabis kann sie jedoch triggern. Und es gibt drogeninduzierte Psychosen, die durch die Wirkung der Cannabinoide im Gehirn hervorgerufen werden. Diese sind aber oft nur vorübergehend.

Woher weiß ich, ob ich zu dieser Risikogruppe gehöre?

Menschen, die Psychose-gefährdet sind oder Traumata verarbeiten müssen, die also psychisch nicht stabil sind, sollten davon die Finger lassen. Auch für sogenannte Sensation-Seeker, die ohnehin ständig den Nervenkitzel suchen, besteht ein Risiko. Oder wenn es in der Familiengeschichte schon Suchtepisoden gab. Es gibt Belege dafür, dass Menschen aus Suchtfamilien häufiger selbst süchtig werden. Selbst ein Mensch, der seine Ziele normalerweise gut erreicht, sollte auf Rauschzustände verzichten, wenn gerade ein wichtiges Projekt ansteht – das Examen zum Beispiel oder die Kindererziehung. Aber wer sein Leben im Griff hat, darf sich Rauschmomente leisten. Er sollte sich nur der rechtlichen und gesundheitlichen Konsequenzen bewusst sein.

Befürworten Sie also gelegentliche Rauschzustände?

Wir sollten uns zumindest fragen, wie gut es uns tut, in einer Gesellschaft zu leben, die jede Art von Rausch stigmatisiert. Dieser kann in bestimmten Formen durchaus gesund für den Menschen sein. Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass wir zehn Stunden am Tag am Arbeitsplatz sitzen, nur um dann zuhause weiter zu arbeiten. Das entspricht nicht dem, was wir brauchen. Wir brauchen Zeit. Wir brauchen Freiraum. Wir müssen loslassen dürfen.

Was macht einen guten Rausch aus?

Rausch ist ein veränderter Bewusstseinszustand, der zum Beispiel durch Spiel, Sex, Sport aber auch durch Drogen begünstigt wird. Ein „High“ hilft uns, zu entspannen. Die mentale oder körperliche Energie wird gesteigert. Die Gedanken fließen leichter. Positive Formen des Rauschs führen zu gesteigerter Kreativität, besserer Kommunikation und zu mehr sozialem Zusammenhalt. Negative betäuben, machen dumpf oder aggressiv, zerstören Beziehungen.

Im 19. Jahrhundert gründeten angesehene Pariser Wissenschaftler, Literaten und Künstler den Club des Hachischins, um gemeinsam Rauschzustände auszutesten. Warum sind uns solche Arten des Exzesses heute so fremd?

Alles, was mit Kontrollverlust zu tun hat, wird von einer bürgerlichen Gesellschaft erstmal schräg angesehen. Dahinter steht ein – durchaus berechtigter – Wunsch nach Ordnung. Manchmal erwächst daraus jedoch eine Überstrukturiertheit, die kaum noch Raum lässt für Muße. Die brauchen wir aber, um unsere Arbeitskraft zu erhalten. Wer jede Form von „High“ meidet, wird krank.

Wie kann man sich solche Freiräume schaffen?

Am besten, indem die Rauschzustände nicht alltäglich werden! Das Schöne daran ist die Einmaligkeit. Als Erwachsener einmal im Monat oder gelegentlich am Wochenende einen Joint zu rauchen, reicht völlig aus, um diese Erfahrung zu machen. Es kann auch angenehm sein, gemeinsam mit dem Partner auszuprobieren, welche aphrodisierenden Effekte Cannabis hat. Aber eben nur ab und zu. Denn die Wirkung flacht bei regelmäßigem Gebrauch ab. So, wie das bei allen schönen Dingen im Leben ist. Wer das nicht versteht, läuft Gefahr, statt sich zu mäßigen immer nach dem nächsten, nach dem härteren Kick zu verlangen. Und sich damit in die Einstiegsspirale zu begeben.

Wer in aller Heimlichkeit seinen ersten Joint raucht, wird möglicherweise kein schönes Erlebnis haben.

Heimlichkeit ist ein Problem. Wie soll man lernen, seinen Rausch zu kontrollieren, wenn  man niemanden kennt, der weiß, wie ein vernünftiger Umgang mit Substanzen aussieht? In unserem Buch gibt es deswegen ein Kapitel über „Das erste Mal“, aber auch über „Das letzte Mal“.

Wann sollte man aufhören?

Wenn man merkt, dass man seine Ziele nicht mehr erreicht oder aufgehört hat, diese zu definieren. Vernünftiger Konsum ist nur möglich, wenn man versteht, was man im Leben braucht. Glück und Erfolg sind dafür gute Maßstäbe – egal, wie man diese definiert.


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