Popkolumne, Folge 200

Die 12 größten Pop-Aufreger aus „Wetten, dass…?“ – mit Angelo Kelly, Michael Jackson, Johnny Cash & Sarah Connor

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

Zum Geleit

Alptraum: Nostalgie. Unter Adenauer (oder Nena, Grunge, Michael Schumacher, No Angels, Samy Deluxe – Passendes bitte einsetzen) war die Welt noch in Ordnung! Allzu verächtlich schaute ich stets auf solch seufzende Gegenwartskeptiker und erloschene Zukunftshaderer. Mittlerweile ist aber selbst mir als optimistischem Tatmensch und professionellem Pragmatiker der Glaube an den guten Ausgang der Welt ziemlich abhanden gekommen. Ich höre mich sagen: „Alles ist dermaßen schrecklich gerade, kann ich vielleicht doch noch mal Thomas Gottschalk sehen?“

Das ZDF tut mir dieses Wochenende (Samstag 19. November 2022, 20:15 Uhr) den Gefallen und rollt die alte BRD zurück ins Wohnzimmer. Sich kurz mal wieder so fühlen wie bei einer samstäglich beruhigenden Couch-Ödnis, als man noch bei Eltern oder ähnlichen Gestalten wohnte – und es statt Second Screen wenigstens noch Schnittchen gab.

Vergangenes Jahr wurde Thomas Gottschalk für diesen Analog-TV-Flashmob bereits entstaubt und es hieß noch einmal „Top, die Wette gilt“. Doch auch wenn alles aussah und klang wie früher, war es irgendwie anders: Statt gemeinsam in den Ohrensessel saßen Alt und Jung vornehmlich zusammen an ihren Smartphones und hofften nicht so sehr auf spannende Wetten als darauf, dass sich Opa Gottschalk mit irgendeiner Aussage vergaloppierte und man vielleicht derjenige sein könnte, der das auf Twitter mit dem passenden Hashtag gewinnbringend zuspitzen und empören könnte.

Diese Hoffnung kommt nicht von ungefähr. Immerhin steht mit Thomas Gottschalk jemand ganz vorn im Rampenlicht, der bereits vor der Digitalisierung großflächig zu triggern wusste. Flapsige Kommentare zu Religion, Sexualität, Herkunft der Gäste? Gottschalks Live-Moderationen boten allzu oft ein üppiges Fettnäpfchen-Buffet.

In der peinlichen WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ von Anfang 2021 war es gerade Gottschalk, dessen Beharren auf der überwunden geglaubten Benennung einer Paprika-Soße die Episode nachträglich zum Skandal geraten ließ.

Ende 2021, also ein gutes halbes Jahr später, als sich der „Wetten, dass…?“-Kadaver aus der Gruft erhob, blieb der große Skandal indes aus – was die Stimmung auf Twitter aber auch nicht gerade besser machte, wie ich mich erinnere.
Mal schauen, was die aktuelle Neuauflage bringt.

In meiner Paraderolle als Popjournalist möchte hier zur Einstimmung nicht verpassen, 12 skurrile Momente der „Wetten, dass…?“-Historie aufzutürmen, die mit dem Thema Musik in Zusammenhang stehen.

01 Popstars zu Gast in Mehrzweckhallen

Man mag das Format heute eher belächeln, doch die Liste der gesammelten Musikauftritte über die Jahrzehnte bei „Wetten, dass…?“ liest sich wie das best besetzte Benefizkonzert der Popwelt. Kleiner Auszug gefällig? Barry Manilow, Depeche Mode, Leonard Cohen, Eartha Kitt, Tina Turner, Madonna, Julian Lennon, Paul McCartney, David Bowie, Janet Jackson, Spice Girls, Take That, Britney Spears… und da ist noch nicht mal David Hasselhoff erwähnt!

02 Johnny Cash – Betrunken im Dienst

Doch schon zu frühen Zeiten sah sich die Sendung von Skandalen wie Skandälchen begleitet. Jeder mag selbst beurteilen, wie schamlos oder nachvollziehbar man es finden mag, dass Johnny Cash seinen Auftritt 1983 (bei der damals noch von Frank Elstner gehosteten Show) betrunken antrat.

03 Begrüß uns, Du kleiner Jingle!

Die über die Jahrzehnte immer wieder neu arrangierte Titelmusik von „Wetten, dass…?“ ist aus einem Stück namens „El Gato“. Komponiert wurde es 1981 von Harold Faltermeyer (der unter anderem bekannt wurde mit dem Song „Axel F“).

04 Haarige Angelegenheit – die Kelly Family

Unser Goldstück der 90er! Erinnert ihr euch noch an die Kelly Family? Ganz sicher vermutlich. Dass der Act in Medien und Öffentlichkeit immer wieder aufs Neue vornehmlich über Klamotten, Hausboot, Geruch und die langen Haare erzählt wurde, spiegelt sich auch in der „Wetten, dass…?“-Episode vom 7. Oktober 1995 wieder. Dem damals noch übertrieben goldigen Angelo (#angel) sollen ganz dringend die Locken gestutzt werden. Von heute aus betrachtet wirkt das alles eher übergriffig und gehässig denn irgendwie originell. Shame on you, Kelly-Haters of the world!

05 Der Fall Michael Jackson – erster Aufzug

52 Prozent Marktanteil und knapp 18 Millionen Zuschauer – Die Sendung im November 1995 performt überdurchschnittlich: Michael Jackson ist in Duisburg vor Ort – genau wie unzählige Menschen ohne Karten für die Show. Für diese muss vor der Halle eine Art „Public Viewing“ aufgebaut werden, lange bevor es dieses Wort und die dazugehörige Event-Praxis in Deutschland gibt. Michael Jackson singt den „Earth Song“ mit einer aufwändigen, sehr physischen Show. Regisseur Alexander Arnz erinnert sich später an die Professionalität des Superstars: „Wir haben sehr viel Probenzeit gebraucht für ihn“ und ergänzt: „weil er sie sich auch einfach genommen hat…“

06 Der Fall Michael Jackson – großer Absturz

1999 sehen sich Ruhm und Ansehen Michael Jacksons deutlich angekratzt. Multiple Missbrauchsvorwürfe gegenüber Kindern sind Thema, genau wie angebliche Gesichtsentstellungen durch Schönheitsoperationen. Dennoch lädt das ZDF den strauchelnden „King Of Pop“ erneut zu „Wetten, dass…?“ ein. Dass er nicht performen, sondern lediglich zwei Konzerte (eines davon in Korea) bewerben will? Geschenkt! Der Auftritt wird zu einer Groteske. Jackson lässt sich mit gleißenden Scheinwerfern anstrahlen, so dass man keine Konturen seines Gesichts erkennen kann, kreischende Fans verunmöglichen das Gespräch mit Gottschalk, zum Schluss erzählt ein Plattenfirmen-CEO, was dieses Konzert-Projekt sei – nach wenigen Minuten ist der (im wahrsten Sinne) Spuk auch schon wieder vorbei.

07 Couchgeschichten mit Robbie Williams

Was wohl der Musik-Act mit den meisten Auftritten bei „Wetten, dass…?“ war? Nun, dieser Titel gebührt Robbie Williams. Nimmt man seine Auftritte mit Take That hinzu, hat er zwölfmal den Samstagabend in deutschen Wohnstuben mit Musik unterlegt. Hier die Performance zu seinem Welthit „Supreme“ Heißer gehandelt als im Jahr 2000 war Robbie vermutlich nie.

08 Der Moderator, der zuviel rockte

Da „Wetten, dass…?“ vor allem auch eine Bühne für Langzeit-Moderator Thomas Gottschalk darstellte, wundert es nicht wirklich, dass er selbst in der Sendung auch mal Musik spielte, pardon, abrockte. Sein „Whatever Happened To Rock’n’Roll“ beinhaltet den legendären Reim: „Sag mal, ist der Kerl plemplem? / Nein, Papa, das ist Eminem“. Der grelle Rock-Trash fungiert dabei unter dem Namen Thomas Gottschalk und die besorgten Väter. Der ultimative Soundtrack zum Ausspruch: „Ok Boomer!“

09 Helge Schneider in der Mitklatsch-Falle

Dass Helge Schneider mit allen Ecken, Kanten und Manierismen den Weg in den breiten Mainstream fand, dazu trug entscheidend sein Auftritt bei „Wetten, dass..?“ 1994 bei. Irritationen gab es auf beiden Seiten: Das Publikum staunte über den auffällig seltsamen Künstler, der Künstler hingegen darüber, wie sehr sein holperndes „Katzeklo“ sich dann doch zum rhythmischen Mitklatschen eignete.

10 Frauen haben Körper – Der Sarah-Connor-Skandal

Die Performance von „From Sarah With Love“ von Sarah Connor bei „Wetten, dass…?“ im Jahre 2002 beschäftigte Boulevardmedien und Kirchenvertreter noch weit über den Samstagabend hinaus. (Geifernder) Grund: Der weite Ausschnitt des Oberteils der Sängerin und die Tatsache, dass ihr Rock im Scheinwerferlicht transparent erschien.

11 Wetten Ballermann! The Lanz Years

Niveau und Akzeptanz hatten es in der „Wetten, dass…?“-Ära von Markus Lanz (2012 – 2014) eher schwer. Das spiegelte sich deutlich auch in der Musikauswahl wieder: Tim Toupet, Jürgen Drews und Mickie Krause singen 2013 gemeinsam. Doch auch der Ballermann-Move rettet die Sendung nicht. Sehen wollten das nur noch 6,7 Millionen Menschen. Ein YouTube-Link ersparen wir uns an dieser Stelle lieber mal. Am Ende klickt man noch drauf.

12 Die Musikwetten

Musik fand sich oft auch bei Wetten wieder: Songs beispielsweise anhand des Ausschlags auf der der Lautstärkeanzeige erkennen, das gab es genauso wie einen Kandidaten, der Lieder benennen konnte, nachdem dazu rhythmisch mit den Schultern gezuckt wurde. Don’t try this at home. Obwohl… das vielleicht schon.

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