Die 700 besten Songs aller Zeiten: Plätze 350 bis 301

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Am 13. März 2014 ist sie erschienen, die sage und schreibe 700. Ausgabe des Musikexpress. Und die hatte es in sich: Wir hatten eine prominente zigköpfige Jury aus Musikern wie etwa Lana Del Rey, Mark Lanegan, Danger Mouse, Marteria, Thees Uhlmann, Judith Holofernes, WhoMadeWho sowie aus Autoren, Journalisten und Fachleuten von anderen Magazinen, Tageszeitungen, Radiosendern und Plattenlabels nach ihren Lieblingssongs aller Zeiten gefragt. Herausgekommen war in mühevoller Kleinarbeit nicht weniger als eine Liste mit den 700 besten Songs aller Zeiten inklusive Texten zu jedem (!) dieser Songs, und diese Liste haben wir Euch nach und nach online auf Musikexpress.de/700 präsentiert.

Hier die Einzelteile unserer „700 besten Songs aller Zeiten“ in der Übersicht:

Und hier kommen nach unseren Plätzen 700 bis 651, 650 bis 601, 600 bis 551, 550 bis 501, 500 bis 451, 450 bis 401 und 400 bis 351 unsere Plätze 350 bis 301 im Detail:

350. Hercules And Love Affair – „Blind“

Hier führte Andy Butler zwei unterschiedliche schwule Traditionslinien zusammen: den Transgender-Diskurspop von Sänger Antony Hegarty und den Geist der „Paradise Garage“

349. Thin Lizzy – „The Boys Are Back in Town“

Wie es Thin Lizzy nur geschafft haben, Hardrock zu spielen, der so triumphal und doch so federnd, warmherzig und unschuldig klingt? Eine mitreißende und zum Heulen schöne Hymne auf Glanz und Gloria der Jugend.

348. The Beatles – „A Hard Day’s Night“

Der Titelsong ihres ersten Films, ziemlich genial vom rätselhaften Intro-Akkord über die Solo-Dopplungen bis hin zum Arpeggio im Fade-out. Soviel zur Theorie. In der Praxis: ein vorwärts strebender Midtempo-Rocker, dem man seine 50 Jahre kaum anhört.

347. Adriano Celentano – „Il ragazzo della via Gluck“

Seine Paraderolle als leicht naiver, latent zivilisationskritischer Volkstribun füllt Celentano perfekt in dieser autobiografisch gefärbten Geschichte vom Glück, das Geld nicht kaufen kann.

346. The Postal Service – „Such Great Heights“

Auch Songs können zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Die Welt hatte 2003 darauf gewartete: Ein neuer Sound, der Elektronik mit Indie verbindet. Dazu eine Sehnsuchtsmelodie, die auch den Emo-Freund mitnahm.

345. Aretha Franklin – „Say A Little Prayer“

Von Burt Bacharach für seine Muse Dionne Warwick geschrieben, die damit ein kleines Comeback feierte, ist die Fassung von Aretha Franklin die definitive. Von ihr und den Sweet Inspirations zunächst nur als Jux einstudiert.

344. Kraftwerk – „Computerwelt“

Klingklang klang niemals moderner: Kraftwerk legen mit einem ultimativen Statement das Fundament für Depeche Mode, Techno, House und lassen die Maschinen tanzen, während sie vor den Gefahren moderner Kommunikationsmittel warnen. Ihrer Zeit voraus? Mehr als man meinen mag.

343. Bob Dylan – „Don’t Think Twice, It’s All Right“

Wenn das simple Gitarrenspiel und die Mundharmonika nicht etwas derart Liebliches hätten, würde man Dylans Folksong den Groll über die hier besungene, gescheiterte Beziehung gleich noch eher abkaufen.

342. The Association – „Never My Love“

Den größten Erfolg der Songwriter-Zwillinge Addrisi spielte die kalifornische Band The Association in der Tradition des 60s-Sunshine-Pop ein. Ein schwereloses Stück Musik, das zwischen seinem tiefen Trademark-Basslauf und einer verspielten Piano-Line changiert.

341. The Velvet Underground – „All Tomorrow’s Parties“

Das Single-Debüt der Velvets, das die Welt noch nicht verstehen wollte: Die Band versenkte die süßen Hippie-Träume dieser Tage in einem kalten Acid-Bad, obendrauf: Nicos teutonisches Raunen, Reeds loopartige Jingle-Jangle-Gitarre und Cales Minimal-Piano.

340. America – „A Horse With No Name“

Da waren Pflanzen und Vögel und Felsen und Zeug, und auf einmal hatten America Erfolg. Inspiriert von Gemälden von Dali und Escher ritt die Band im soften Neil-Young-Groove durch eine Wüste, in der die Hitze heiß und die Wortspiele drogengetrübt waren.

339. Michael Jackson – „Beat It“

Produzent Quincy Jones wünschte sich vom zuerst skeptischen Michael Jackson eine Rocknummer. Der lieferte nichts weniger als „Beat It“ ab – diese fingerschnipsende R’n’B-Hommage an den Rock’n’Roll.

338. The Cure – „A Forest“

Jeder weiß, wie es aussieht, wenn Goths zu „A Forest“ tanzen. Man will dann lächeln, merkt aber auch, wie die Dunkeldisco um fünf Grad herunterkühlt, so kalt weht der Wind, der diesem Song innewohnt.

337. Big Star – „September Gurls“

Wenn 1973 nur annähernd soviele Menschen wie die, die heute in „September Gurls“ den besten Powerpopsong aller Zeiten sehen, die Single gekauft hätten, dann hätte Alex Chilton ein anderes Leben führen können. So ist das Stück ein Beispiel mehr für einen perfekten Popsong, der niemals ein Chartshit war.

336. R.E.M. – „Everybody Hurts“

Während die eine Hälfte der Jugend der Welt in Techno-Clubs seinen Spaß hatte, sorgte sich die andere um die Zukunft, trank Tee und erhob das Jammern zur Kunstform. Denen schrieben R.E.M. mit „Everybody Hurts“ ihre Hymne.

335. Eurythmics – „Sweet Dreams (Are Made Of This)“

Saurer Regen, NATO-Nachrüstung, Kalter Krieg: Weil die Achtzigerjahre so dunkel waren, leuchtete der Eskapismus der Eurythmics umso heller – Weltflucht in seiner schönsten Form.

334. Abba – „Dancing Queen“

Bitte bleiben Sie nicht stehen! Es ist wirklich alles gesagt. Tanzen Sie einfach weiter!

333. The Walker Brothers – „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“

Die satte Schicht Streicher, der klagende Hall der Blechbläser, die mehrstimmigen Harmonien – das, was die Walker Brothers auf ihrem Frankie-Valli-Cover ablieferten, klang sehr nach einer Kopie von Phil Spectors berühmten „Wall of sound“. Aber einer ziemlich guten.

332. The Stone Roses – „I Wanna Be ­Adored“

Wer einen Song so aufbaut, hat großes vor Augen: Aus weißem Rauschen schält sich erst ein Bass, dann die Gitarre, ein halliges Schlagzeug und der Sänger, der über den Teufel singt und nach Bewunderung strebt. Neo-psychedelischer Britpop, bevor es diesen Begriff überhaupt gab.

331. Simon & Garfunkel – „Mrs. Robinson“

Eine Geschichtsstunde, ein Gesellschafts­panorama, ein Lied über ein Land im Wandel. Eine der großartigsten Melodien aller Zeiten und eine Süßlichkeit, der man seltsamerweise nie überdrüssig wird. Selten war Pop so groß.

330. Ramones – „Blitzkrieg Bop“

„Sie waren die perfekte Band. Sie waren schnell, und schnell fand ich gut. Beethoven-Quartette können langsam sein, Rock’n’Roll muss schnell sein.“ Danny Fields in „Please Kill Me“.

329. The Verve – „Bittersweet Symphony“

Dumm, dass sich The Verve nicht bei den Rolling Stones um die Samplerechte gekümmert hatten, so verdienten andere das Geld. Was Richard Ashcroft bleibt, ist der Ruhm: Er führt den Britpop-Song nah an eine Soulballade.

328. Abba – „SOS“

Die Sex Pistols klauten die Melodie für den Refrain von „Pretty Vacant“. Warum auch nicht: Abba war eine dreiminütige Minioper ohne Fehl und Tadel gelungen.

327. The Who – „My Generation“

Die Hymne der Swinging Sixties basiert auf Mose Allisons „Young Man Blues“, und ist zugleich die Blaupause für den Punk-Rock der Siebziger – mit einem vor Wut stotternden Daltrey und dem ersten Bass-Solo der Rockgeschichte.

326. The Beatles – „All You Need Is Love“

Der fast kinderliedhaften Melodieführung wurde die unkonventionelle 7/4-Rhythmik entgegengesetzt, wodurch Gefälligkeit und Wohlklang interessant aufgebrochen werden. Im Auftrag der BBC als britischer Beitrag zur ersten per Satelliten-Liveschaltung ausgestrahlten TV-Sendung, „Our World“, schrieben bzw. performten die Beatles ihren Hit. Und waren dabei umgeben von lässig herumlümmelnden Rockstar-Freunden.

325. Justice Vs. Simian – „Never Be Alone“

Justice schälten aus Simians Popsong einen großartigen Remix – und erfanden so Nu Rave, Simian Mobile Disc0 und ihren eigenen Erfolg. 2006 wurde der Song als „We Are Your Friends“ zum Hit.

324. Jonathan Richman – „Egyptian Reggae“

Jonathan Richman war nie zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Das Fundament für Punk legte er zu früh, sein entsprechendes Album erschien zu spät. Sein einziger Hit war eine ulkige Lachnummer.

323. The Small Faces – „Itchycoo Park“

„We get high!“ Eigentlich waren die Small Faces ja eine R’n’B-Band fürs adrette Mod-Publikum, aber im „Sommer der Liebe“ ließen sie’s psychedelischer angehen, denn: „It’s all too beautiful“!

322. Stereo MCs – „Connected“

Hier steckt alles drin, was den brückenschlagenden HipHop-Pop Anfang der 1990er-Jahre auszeichnete: Das Stück schleicht und groovt, das Arrangement ist smooth, der Typ am Mikrofon singt mehr, als er rappt. Kein bisschen Dreck. Aber sehr edel im Ohr.

321. Soft Cell – „Tainted Love“

Perfekt umgesetzte Synthie-Pop-Adaption eines alten Soulsongs (Gloria Jones, 1965 – ein Flop), besonders reizvoll durch den Kontrast zwischen dem stilvoll unterkühlten Backing-Track und Marc Almonds leidenschaftlichem Gesang.

320. Max Romeo – „Chase The Devil“

Ohne Prodigys „Out Of Space“ stünde der Song vermutlich nicht in dieser Liste und wäre auch nicht von Kanye West und Jay-Z gesampelt worden („Lucifer“). Ein großartiges Stück Roots Reggae war er auch davor schon: furios verballert und doch von alttestamentarischer Wucht.

319. The Zombies – „Time Of The Season“

Ein echtes Pop-Kleinod, getragen von Colin Blunstones heller Stimme, dem Frage-Antwort-Schema des Textes, glockenreinem Harmoniegesang und Rod Argents satter Hammondorgel. Avancierte ironischerweise aber erst nach Auflösung der Band zum Klassiker.

318. Afrika Bambaataa & The Soulsonic Force – „Planet Rock“

Gehen Kraftwerk, Bootsy Collins, Kool DJ Herc, Ennio Morricone, Bon Harris und Sun-Ra in eine Kneipe. Sagen alle „Planet Rock“.

317. Roxy Music – „Love Is The Drug“

„Love Is The Drug“ ist für Roxy Music, was „Let’s Dance“ für David Bowie ist: der unverhoffte, unverschämte Tanz im Glanz der Glitzerkugel.

316. Blur – „Song 2“

Als sich Blur vom Britpop entfernten, platzierten sie an die zweite Stelle ihrer Selbstfindungs-LP BLUR diesen kurzen Post-Grunge-Kracher. Millionen US-Bands versuchten sich an so einer Hookline. Die Briten bekamen es hin.

315. Dusty Springfield – „Son Of A Preacher Man“

Die beiden großen Themen des Soul, die Religion und die Lust, finden hier in all ihrer Gegensätzlichkeit zueinander. Solche Dialektik konnte nur eine fachfremde Pop-Sängerin aus Großbritannien leisten.

314. Ann Peebles – „I Can‘t Stand The Rain“

Der Regen, er war tatsächlich Ideengeber dieses Songs. Davon ausgehend, schuf Ann Peebles eine der wichtigsten Soul-Nummern der Frühsiebzigerjahre. Gefühlvoll, aber doch gewaltig und oft gecovert und gesampelt.

313. Daft Punk – „Da Funk“

Knapp zwei Dekaden, bevor deine Mutter „Get Lucky“ mitsummte, schufen die Franzosen einen im HipHop verwurzelten Acid-Stampfer, der House perfekt in Szene setzte.

312. T.Rex – „20th Century Boy“

Zwei Jahre war Marc Bolan unantastbarer Sonnenkönig im Reich des Glam. Dann sägte David Bowie an seinem Thron. T.Rex aber zeigten Zähne: mit einem umwerfenden Hardrock-Geschütz, das Glam mit mächtigem Gtarrenriff und Engelschorälen einen neuen, ähem, Höhepunkt bescherte.

311. The Human League – „Don’t You Want Me“

„You were working as a waitress in a cocktail bar“: Phil Oakeys Worte eröffnen eine Geschichte von Liebe und Macht, die zum Synthie-Pop-Klassiker wurde – weil mal die besungene Frau auch zu Wort kommt.

310. Queen – „Killer Queen“

Bis hierhin hatten Queen mit pompösem Hardrock von sich reden gemacht. In „Killer Queen“ aber waren sie zum ersten Mal nur noch pompös: Dekadenter Dandy-Rock zur Teatime, mit abgespreiztem kleinen Finger und kalkweiß geschminktem Gesicht.

309. R.E.M. – „Losing My Religion“

Ein ungewöhnlicher Ohrwurm, weil sich Michael Stipe kaskadisch durch die Struktur singt und Hooklines erzeugt, die man so noch nicht gehört hatte. Ein weiteres Merkmal: Peter Bucks Mandoline, die er sich gerade erst beibrachte.

308. Johnny Cash – „I Walk The Line“

Gut zweieinhalb Minuten, die Popgeschichte schrieben: Dieser Cash schickte den lahmen alten Country per Rockabilly­antrieb in eine neue Umlaufbahn.

307. Kraftwerk – „Die Roboter“

Auf dem letzten Schritt zur Mensch-Maschine-Werdung sind Kraftwerk zum ersten Mal purer Pop, wenngleich immer nur dem eigenen Regelwerk verpflichtet. Und dem Zuhörer, während es funkt und fiept: Ich bin dein Arbeiter. Ich bin dein Sklave.

306. The Libertines – „What A Waster“

Als Debütsingle hätte man sich keine wuchtigere Nummer ausdenken können: Zeilen über Verlangen, Verzweiflung und verschnupfte Nasenflügel vermischen sich in einem Rausch aus Gitarren und Schlagzeug zu dem Aufregendsten, was Anfang der Nullerjahre zu hören war.

305. Frankie Goes To Hollywood – „The Power Of Love“

Nach zwei Singles hatten Mastermind Paul Morley und Meisterproduzent Trevor Horn schon viel Schläue bewiesen – mit der minimal sarkastischen, aber maximal festlichen Ballade „The Power Of Love“ wurde klar: Frankie Goes To Hollywood haben auch eine Seele im Leib.

304. Echo & The Bunnymen – „The Killing Moon“

Ian McCulloch sagt: „Einmal Bunnyman, immer Bunnyman. Dieser Gedanke jagt mir manchmal Angst ein. Aber dann singe ich ,The Killing Moon‘ und weiß, dass es auf der Welt niemanden gibt, der einen solchen Song zu bieten hat.“ Das ist nicht gelogen, denn so elegant klingt New Wave nur hier.

303. The Doors – „Light My Fire“

Es hat schon weniger geschickte Versuche gegeben, eine Frau in die Kiste zu kriegen. Jim Morrison als größter Womanizer der Hippie-Zeit. Schlussendlich aber sind es vor allem der schlürfende Rhythmus und die verhangene Orgel von Ray Manzarek, die Sex versprechen.

302. The Rolling Stones – „Play With Fire“

Jagger und Richards waren die einzigen anwesenden Stones, den Bass spielte Phil Spector, das Cembalo Jack Nitzsche. Jagger räsoniert in düster-bedrohlichem Tonfall und zu exquisiter Akustik-Begleitung über Londons Schicki-Micki-Mädels. Wunderschön.

301. Air – „All I Need“

Von all den perfekten Stücken auf MOON SAFARI ist dieses nicht nur das perfekteste, sondern auch jenes, das dem Albumtitel am besten gerecht wird – davon abgesehen, dass all diese Synthies in kein Raumschiff der Welt passten. Das „Dreams“ seiner Generation.


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