Die Ärzte


Kurz bevor sie als Laternen-Joe eine Minitour durch die Provinz antreten, verwöhnen sich Belafarinrod noch mit einem Heimspiel in der Berliner C-Halle – im Vorprogramm von Bonaparte!

Warum um alles in der Welt hat das funktioniert? Anderthalb Wochen vor dem Berliner Bonaparte-Konzert erhält der Musikexpress – mit der Bitte um strengste Geheimhaltung – einen sehr konkreten Tipp, dass sich frühes Erscheinen in der C-Halle lohne. Der Supportact sei nicht der angekündigte Experimental-Elektroniker Jason Forrest, sondern Belafarinrod. Wie bereits erwähnt: Der Tipp war sehr konkret. Doch welche Bedeutung hat er? Im Zeitalter der Social Media lässt sich eine für so viele Menschen interessante Information doch nicht über eine Woche geheim halten. Und wie blauäugig muss man als Musikexpress sein, sich als alleiniger Empfänger dieser Information zu wähnen?

Wenige Tage vor dem Konzert dann das erwartete Gegengerücht: Zu viele Menschen hätten Wind von der Sache bekommen, Die Ärzte hätten sich aus Sicherheitsbedenken gegen die Show entschieden. Dann das nächste Gerücht: Bonaparte? Nee, was haben denn Die Ärzte mit Bonaparte zu tun? Die spielen zwar einen Überraschungsgig an dem Abend, aber vor den Beatsteaks im Huxley’s! Ist doch klar, sind doch alte Kumpels, Mensch!

Der Anblick, der sich einem bei frühzeitiger Ankunft zum Bonaparte-Auftritt bietet, scheint das Gerücht zu bestätigen: Leere. Nichts weist darauf hin, dass hier gleich eine der größten, beliebtesten, besten Bands des Landes spielen soll. Langsam, ganz langsam füllt sich die Halle mit Kids in für den Hauptact typischen Tierkostümen. Kurz bevor Jason Forrest auf der Bühne erwartet wird, ertönt ein Tschingdarassabumm vom Saalende. Ein uniformierter Spielmannszug um Bonaparte-Chef Tobias Jundt durchquert mit Pauken und Trompeten die Halle Richtung Bühne. Als der Scheinwerfer den Schluss der Truppe beleuchtet, setzt das Kreischen ein: Es sind die Super Drei, die Band, die sie Pferd nannten. Und dann stehen sie auch schon auf der Bühne. „Schunder-Song“, „Schrei nach Liebe“, die vergessene B-Seite „Die Wiking-Jugend hat mein Mädchen entführt“ und das einen vulkanausbruchartigen Moshpit verursachende „Junge“. Die Menge, man kann es nicht anders sagen: rastet aus, tanzt noch vor dem ersten Ton. Die Band ist, man kann es nicht anders sagen: in Höchstform. Vor „Schrei nach Liebe“ improvisieren sie, weil sie es „lieben, politische Songs zu verhunzen“ ein neues Stück, „Ärzte gegen Atomkraft“. Dann loben sie sich dafür, „sogar den Hass gegen Rechts kommerzialisiert“ zu haben und fordern das Publikum mit einem Fragenstakkato zum Farbebekennen auf: „Seid ihr gegen Rechts?“, „Seid ihr gegen Links?“, „Seid ihr gegen Mitte?“, „Seid ihr gegen Prenzlberg?“

Später stellt Farin, während er „Das Modell“ anspielt, Bela als „das Kraftwerk der Kraftwerke“ vor, der im Anschluss „Deine Schuld“ mit den Zeilen eröffnet: „Ich bin eine politische Botschaft und du bist eine politische Pottsau.“ Warum hat Twitter dieses Konzert nicht zerstört? Warum können die über 3.000 von den Ärzten zerrockten Besucher bei Bonaparte immer noch so abgehen? Man weiß es nicht. Aber man weiß mal wieder, was und wie verdammt viel davon man an dieser Band hat.