Popkolumne, Folge 137

Die Gerhard Schröder des Pops: Warum Coldplay Musik für Menschen machen, die Musik hassen

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

Für den einen oder die andere ist es vermutlich wirklich „ein Träumchen“, wenn die Band um die Stabheuschrecke Chris Martin eine neue Platte droppt.
Der Rest wartet dagegen aber erstmal ab, bevor die Luftballons aufgeblasen werden und fragt sich: Coldplay, brauch‘ ich das wirklich? Diese Kolumne hier geht dem Mythos Coldplay tagesaktuell (neues Album „MUSIC OF THE SPHERES) auf den Grund. Na, dann mal los!

Coldplay – die PRO-Seite:

– Nickerchen-Swag
Attraktion kann uns einfache Leute ja auch überfordern. Im Fahrstuhl steckenbleiben mit Lady Gaga in ihrem Bühnendress… Was für eine stressige Vorstellung, oder? Die sedierte Aura von Coldplay dagegen besteht ausschließlich aus Herbstfarben und einem lehrerzimmerhaftigen Nickerchen-Swag. Hier erwartet wirklich niemand mehr überhaupt noch irgendwas von Dir. Auch mal schön.

– Edelfans
Donald Trump kann den Wendler an seiner Seite wissen, bei Coldplay ist es meine geschätzte Kolumnen-Kollegin Paula Irmschler. Als ich zum ersten Mal in den Top 10 ihrer liebsten Platten des Jahres Coldplay mit PARACHUTES (auf allen zehn Plätzen) notiert sah, hielt ich das für einen brillanten Meta-Gag über den Penis in der Popkultur. Als ich die rüstige Dresdnerin aber immer wieder „Viva La Vida“ pfeifen hörte und das „CP4Eva“-Tattoo auf ihrem Unterarm entdeckte, staunte ich nicht schlecht: Paula ist Coldplay-Ultra. Und, Leute, dagegen kann keiner was sagen! (Glaubt mir, ich habe es versucht, meine Nase blutet noch immer.)

Diese Performance zum Tode von Chester Bennington
Okay, ganz unironisch: I give you that, Coldplay. Schöne Nummer.

– The Hardest Part
Okay, wenn wir gerade dabei sind: Dieser skurrile Clip zu „The Hardest Part“ ist, und auch das meine ich ernst, echt unterhaltsam. Musikjourno-Geheimtipp: Er gewinnt noch, wenn man den furchtbaren Song dazu stumm schaltet.

Radiohead
Wie undankbar ist man manchmal gegenüber Thom Yorke und den anderen Astlöchern der Gruppe Radiohead? Doch nur ein Umlauf Coldplay genügt und man weiß wieder die große Qualität von Radiohead zu schätzen. Die ist nämlich Folgende: nicht Coldplay zu sein.

– Superbowl
Nichts gegen den amerikanischen Lifestyle! Auch ich habe schon mal ein Duff-Bier gezischt und einen Big Mäc gestreichelt, doch dieses Gehubere um den sogenannten „Superbowl“ kann man im alten Europa bloß ertragen, wenn man bereits als Baby mit weißem Toast gesäugt wurde. Bei uns daheim gab es allerdings Brei, Spinat und Lebertran – daher weiß ich es auch zu schätzen, dass die Briten im Jahre 2016 so vielen Amerikaner*innen mit ihrer Half-Time-Show den Abend verdorben haben. Coldplay beim Superbowl, das war ein bisschen wie wenn der Brautvater mit offener Hose und Klopapier am Schuh eine Rede bei einer Hochzeit hält – und keiner über seine seit Monaten aufgesparten Dad Jokes lacht.

Coldplay – die CONTRA-Seite:

– Cringe
Coldplay-Sänger Chris Martin hat sein Kind Apfel getauft.

– Super-Cringe
Man könnte ihm hinsichtlich dieser Namensgebung zugute halten, dass es ihm als bodenständigem Langweiler-Superstar nicht schlecht steht, exzentrische Züge zu simulieren. Doch seine Kooperation mit der Firma Apple und Steve Jobs nährt Zweifel. Chris Martin hat seine Tochter wohl doch nicht nach einem wilden Stechapfel-Trip benannt. Die trostlose Wahrheit viel mehr: Sie heißt einfach nach der Firma von Macintosh. Dagegen wirken selbst Stadionnamen wie „Allianz Arena“ noch romantisch und street.

– World’s sexiest vegetarian in the slaughterhouse
Durch Gwyneth Paltrow, mit den ihn zwei seltsam benannte Kinder verbinden, kam Chris Martin auf den Fleischverzicht. Das damit verbundene, neue und progressive Image schlachtete der Berufs-Opportunist dermaßen schamlos aus, dass er 2005 zum „World’s sexiest vegetarian“ gekürt wurde. Nach der Trennung von Gwyneth Paltrow 2016 fand Martin allerdings schnell eine neue und zwölf Jahre jüngere Freundin. Im Zuge dessen legte er auch knorpelschmatzend allen Vegetarismus zu den Akten.

– Chris Martin ist Gerhard Schröder
„Endlich Schluss mit Algen, Körnern und Tofu-Burgern: Schon kurz nach der Trennung von Ehefrau Gwyneth Paltrow verabschiedete sich Coldplay-Star Chris Martin auch von deren vegetarischem Lebensstil“, hieß es dereinst in der Popillustrierten „Die Welt“.

Man könnte auch sagen: Chris Martin hat einen Gerhard Schröder gebaut. War dieser doch einst verheiratet und Vegetarier – als er sich von seiner „Hillu“ lossagte und den Wähler*innen die „new love“ mit der 19 Jahre jüngeren Doris Köpf präsentierte. Danach ließ sich der unsympathische Alt-Kanzler und Putin-Botschafter gefühlt mehrere Monate lang bloß mit Bratwurst ablichten. Dazu lief „X&Y“ von Coldplay im Hintergrund.

– A Rush Of Blood To The Head oder doch lieber Hartz IV?
Bleibt nur die Frage, wer mehr Vertrauen in die Sozialdemokratie zerstört hat: Gerhard Schröder mit seiner Agenda 2010 oder Coldplay mit ihrem immergleichen Song, den sie 2021 nun schon ins vierte Jahrzehnt strecken?

– Diese Texte
In Coldplays suggerierter Innerlichkeit steckt immer auch die Unterstellung, die Band und ihre Stücke seien irgendwie smart. Die Texte allerdings lassen eher Gegenteiliges vermuten:

„And I tried to sing / But I couldn’t think of anything / That was the hardest part“
(Coldplay – „The Hardest Part“)

And high up above or down below / When you’re too in love to let it go / But if you never try you’ll never know“
(Coldplay – „Fix You“)

– Kitsch
Ein Elefant will aus dem Zoo fliehen und seine Heimat Afrika sehen. Wem dieser Kinderbuch-Plot etwas zu flach und kitschig erscheinen mag, hat wohl noch nie den Coldplay-Clip dazu gesehen. Dort wird der kleinste gemeinsame Nenner von sinnlos ornamentiertem Emotionskleister noch mal weiter runtergerechnet.

– Outfit-Shaming
Chris Martin sieht immer aus wie dieser Typ im Telefonladen, der dir bei Vertragsabschluss doch schon wieder eine zweite SIM-Karte noch fürs Haustier ins Kleingedruckte untermischt. Seine Bandkollegen indes wirken so dermaßen unscheinbar, dass sie die perfekten Kaufhausdetektive abgeben würden. Wer hätte nicht Bock auf ein Crowdfunding für eine solche Umschulung der drögen Coldplay-Wasserträger?

– „People like Coldplay and voted for the nazis“
In der britischen Comedy-Sendung „Peep Show“ äußert sich die Figur Super-Hans in Episode 02 in Staffel 3 zum Thema Coldplay. Schöner kann man den rätselhaften Erfolg von Coldplay kaum in ein Gesamtbild packen: „People like Coldplay and voted for the nazis. You can’t trust people!“

_________

Das neue Coldplay-Album „Music Of The Spheres“ – Track-by-Track-Review

Erster Song: [Saturn-Emoji] 00:53
Die Stücke mit Emojis zu betiteln – wenn das nicht die schlimmste, whatsapp-familiengruppiges Boomer-Idee des Jahres ist, weiß ich auch nicht.

Zweiter Song: „Higher Power“ 03:26
So leicht kann man sich täuschen. Was man für einen debilen Warteschleifen-Jingle hält, der ertönt, wenn man bei der FIFA oder der GEMA nicht durchgestellt wird, ist in Wahrheit eine der beiden Lead-Singles des Albums.

Dritter Song: „Humankind“ 04:26
Auch bei dieser Platte gilt: Je banaler die Musik, desto bombastischer die Titel. Und warum nicht auch aus ein paar liegengebliebenen Keyboard-Fanfaren von Powerballaden der 80er (Don Johnson, Richard Marx, Foreigner) und Erinnerungen an die Gesangsmelodie von „Viva La Vida“ ein „neues“ Stück „kreieren“?

Vierter Song: [Sternen-Emoji] 00:53
Ein weiterer sogenannter Interlude a.k.a. der Tasten-Dude der Band Guy Berryman (Deckname?) ist kurz auf seinem Instrument eingenickt und Chris Martin so: „Klingt irgendwie geil, Leute, oder?“ Antwort: „Nein, aber wir wollen alle heute früher heim, Chris, also nimm’s halt mit auf die Platte!“

Fünfter Song: „Let Somebody Go“ 04:01
„We brought someone who could really sing“ (Chris Martin über das Featuring von Selena Gomez auf „Let Somebody Go“ in der Latenight-Show von James Corden)

Sechster Song: [Herz-Emoji] 03:08
Ein Acapella-Tränenzieher mit nicht so sehr dem Gospel-Charme von Housemartins‘ „Caravan Of Love“ als mehr einer Mischung aus Boyz II Men und einem von den eigenen Feelings besoffenen Liederabend – abgehalten in der örtlichen Schul-Aula.

Siebter Song: „People Of The Pride“ 03:37
Möglicherweise geht es in dem halbfertigen Text darum, dass man lieben können sollte, wen man wolle. Und dass Religion womöglich falsch liegt, wenn sie das anders sieht. Dazu kommt das Wort „fucking“ in einer Zeile vor. Wow! Wer’s noch krasser und direkter will, kann höchstens noch zu Helene Fischer gehen.

Achter Song: „Biutyful“ 03:12
Die Stimme von Chris Martin ist mit Helium hochgepitcht, dazu ein egaler elektronischer Pop-Song, den Erobique beim Zähneputzen (ließ: Scheißen) besser schreiben könnte. Kein Wunder, dass Chris Martin hier auf Stimmverfremdung setzt, mit diesem musikalischen Sperrmüll möchte nicht mal er in Verbindung gebracht werden. Macht auf jeden Fall mal wieder „Lust“ auf die Platte „Die Schlümpfe – Tekkno is Cool“.

Neunter Song: [Erdkugel-Emoji] 00:21
Einfach mal zwanzig Sekunden Live-Atmo und Applaus einflechten? Also wenn diesen Interludes hier wirklich ein konzeptuelles Albumhörerlebnis zugrunde liegt, müsste man zumindest der Deluxe-Version der Platte schon die Drogen beilegen, die die Beteiligten intus hatten, als sie diesen Quark hier zusammengepuzzelt haben.

Zehnter Song: „My Universe“ 03:46
Wie verzweifelt beziehungsweise geschäftstüchtig Coldplay immer Featurings einsammeln, von denen sie sich popkulturelle Relevanz erschnorren wollen. Hier ein Stück mit den K-Pop-Überfliegern von BTS. Guter Move, aber leider wurde erneut am Songwriting gespart. Immerhin entstand so ein Song, deren Melodie man, schon während man sie hört, wieder vergisst.

Elfter Song: [Unendlichkeits-Emoji] 03:46
„Olééé, olé, olé, olééé“ als aufgezuckerte Endlosschleife und mit diesem einzigartigen immer gleich klingenden Coldplay-Gitarrenlauf ab Minute zwei. Hier wird’s wirklich peinlich. Wie wenn beim Fußball das sechste Tor gegen dich fällt – und du siehst auf der Anzeige, dass noch über zehn Minuten zu spielen sind.

Zwölfter Song: „Coloratura“ 10:17
Ein verzetteltes Stück, dass seine Banalität damit kaschiert, einfach übertrieben lang zu sein. Unter dem Motto: Wird schon irgendwas dran sein. Ein Hybrid aus Krautrock, Baldrian-Musical und der totalen ästhetischen Ratlosigkeit, die schon das ganze Album bestimmt.

Fazit: Wer Musik hasst, sollte hier unbedingt mal reinhören!

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

ME

Naked Solidarity: Berlinerin entwirft feministischen Charity-Nacktkalender
Weiterlesen