Popkolumne, Folge 136

Köln-Kalk-Verbot extrem – Paulas Popwoche im Überblick

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Ode der Woche: an die WG-Party

Immer wieder denke ich, wie verschieden das Leben meiner Freund*innen und mir im Vergleich zu dem unserer Eltern, als sie in unserem Alter waren, ist. Ich glaube nicht, dass das nur ein Generationending ist, sondern auch die Frage von Klasse, wo man lebt und mit wem zusammen, ob man Kinder hat, welche Sexualität man hat und so weiter. Bestimmte Leute finden sich halt. Es gibt auch Millennials, die genauso leben wie es ihre Eltern in ihrem Alter getan haben oder Vertreter*innen der Elterngeneration, die auch noch mit über 30 durch die Gegend getingelt sind, nicht sesshaft waren und auf ihre Sneaker gekotzt haben. Womit ich nicht meine, dass Kotzen auf Sneaker kultigcool ist, aber dieses verlängerte Teenagerdasein ist schon ein auffälliges Phänomen um mich herum. Und es geht natürlich über die Partynummer hinaus. Aber hier soll es jetzt mal um ebenjene gehen, weil ich habe etwas wiederentdeckt, von dem ich eigentlich dachte, es nicht mehr so häufig zu erleben: die WG-Party.

Klar werden viele von uns künftig für immer in Wohngemeinschaften leben, einfach, weil wir uns Alleinemieten nicht leisten können und es für manche von uns eine naheliegendere Angelegenheit ist als mit jemandem wegen Romantik zusammenzuwohnen. Auf diesem schmalen Grad zwischen Zwang und – im Glücksfall – Sympathie gibt man dann eben ab und an eine Party. Die sind momentan das perfekte Vergnügen für die, die sich noch nicht in die Kneipen, Clubs und Konzerte trauen, obwohl bereits geimpft und gut getestet. Man weiß halt, wer kommt und im Gegensatz zu früher hat man eine gute Ausrede, wenn sich Stefan Müller mit seinen zehn unangenehmen Bros noch spontan ankündigt und dann die ganze Stimmung versaut. Stattdessen nur die guten Sachen: Sich kennenlernen auf dem Raucherbalkon, Schmetterlingsnudeln mit Feta und Austausch über Updates und Erinnerungen.

Also erwischte ich mich zuletzt auf ein paar dieser WG-Parties mit Bekannten, Geliebten und völlig Fremden zu den Hits unserer Jugend grölen und bemerkte: Das sind sie – meine ersten Ü-30-Parties, deren Ankündigungsplakate mir als Teenie das Gesicht vor Scham verzwirbelten. Aber ich wusste ja damals nicht, wie cool ich heute sein würde … Ähähä. BACKSTREET’S BACK, ALRIGHT.

Ih der Woche: Megan Fox und Machine Gun Kelly

Uns ist da ein heftiger Fauxpas gesamtgesellschaftlich passiert, der nun bitte rückgängig gemacht werden muss. Ich weiß nicht, ob ihr eingeladen wart zum Plenum, auf dem bestimmt wurde, was jetzt für immer und ausschließlich als schön und sexy gilt, aber ich war es definitiv nicht. Nun ist es so, dass man vollkommen ungefragt damit zugehämmert wird, was „attraktiv“ sein soll und ich lehne das ab sofort ab. Ich möchte fortan gefragt werden ob ich dabei sein will, wenn normschöne Heterohansel öffentlich Sex oder Quasi-Sex haben. Seit nunmehr drei Jahrzehnten muss ich mir jetzt schon Waschbrettbäuche, eingeölte Körper, knappe Tops und enge Shorts und dieSELBEN Gesichter auf Laufstegen, in Filmen, in Musikvideos und im Internet angucken und ich kann nimmer.

Vollkommen erledigt haben mich jetzt die Fotos für „GQ Style“ von Megan Fox und Machine Gun Kelly, die mir in die sozialen Netzwerke geeimert wurden, ohne dass ich sie bestellt hätte. Es ist wie damals als meine Mitbewohnerin Sex hatte mit einem sogenannten Mann im Zimmer neben mir und beide haben so antrainierte Pornogeräusche gemacht, wie sie es entsprechend ihrem zugewiesenen Geschlecht gelernt hatten und ich war DABEI, ich war BEIM SEX, und wollte nur in Ruhe „Grey’s Anatomy“ gucken. Köln-Kalk-Verbot Nummer 1 und 2 für Fox und Kelly.

Video der Woche: Shamir – „Gay Agenda“

Lieber mehr davon: In „Gay Agenda“ tingelt Shamir mit Geweih und Freund*innen durch die Gegend, wie normal für unsere Generation (s.o.). Und ich liebe diese Zeilen: „You’re just stuck in the box that was made for me / And you’re mad that I got out and I’m living free“. Jaaa!

Deppin der Woche: Sally Rooney

Vor zwei Tagen (in Internetrechnung zwei Jahren) war das Netz voll mit der Schlagzeile und Kommentaren zu „SALLY ROONEY VERBIETET ÜBERSETZUNG INS HEBRÄISCHE“. Also die Schlagzeile war auf englisch natürlich. Es ging darum, dass Sally Rooney die Übersetzung von ihrem neuesten Roman mit einem israelischen Verlag abgeblasen hatte, nur so viel wusste man zunächst. Dass nicht nur Privatleute, sondern auch Redaktionen daraus ein Hebräischverbot herbeileiteten, ist komplett behämmert und es kam auch kaum jemand auf die Idee, mal zu warten, bis sie sich selbst äußert. Andererseits hätte sie das auch direkt tun können, besonders bei so einem leicht misszuverstehenden Move. Schließlich äußerte sie sich selbst, und ja, es war kein Hebräischverbot, aber ein Bekenntnis zum antisemitischen BDS-Movement und zum kulturellen Boykott Israels. Coole, normale Wahl, nachdem man schon in allen möglichen Schurkenstaaten der Welt veröffentlicht wurde.

Überraschend ist es aber auch nicht; so langsam habe ich das Gefühl, man kann bei englischen und irischen Linken eigentlich immer erstmal davon ausgehen, dass sie BDS-Supporter*innen sind, bis sie das Gegenteil beweisen. Kalk-Verbot Nummer 3 an Rooney, auch wenn ihre Bücher hier noch rumliegen („Gespräche mit Freunden“ fand ich richtig gut).

Song der Woche: „Blurred Lines + Rape Me MashUp“ von Amanda Palmer und Reb Fountain

Diese Wut, der Schmerz, verdammt, ist das gut. Während Reb Fountain Robin Thickes „Blurred Lines“ singt, kontert Amanda Palmer mit „Rape Me“ von Nirvana und es erzählt einfach on point diese „Selbst schuld“-Spirale. Es gab ja schon viel feministische Kritik an Thicke in den vergangenen Jahren und viele Parodien des Songs – und zumindest der an „Blurred Lines“ beteiligte Pharell Williams hat sich irgendwann für das Lied geschämt und etwas daraus gelernt. Aber diese Interpretation übertrifft alles und wird auch endlich Kurt Cobains Intention seines Songs gerecht (der zu seiner Zeit ebenfalls, wenn auch anders, umstritten war). Aktualität bekommt das Ganze außerdem, weil Emily Ratajkowski, eine Protagonistin im Thicke-Video, kürzlich geäußert hat, dass sie von dem Arschloch beim Videodreh auch noch begrapscht wurde. So viel zu „man muss Werk und Künstler trennen“.

Hypekreation der Woche: „Squid Game“

Ich bin ja so eine Person, die Radio und Podcasts hört, wo es dann eben auch mal um Kultur geht. Und da wurde ich systematisch mehrere Tage hintereinander bequatscht, dass da kulturell gerade was auf uns zurolle. „Squid Game“, der Serientrend aus Südkorea sei schon in mehreren Ländern auf Platz 1 der Netflix-Charts und bald auch bei uns, rette sich wer kann und schaue rein, damit man noch vorher dabei gewesen sein kann!!! Versprochen wurde mir eine so deutlich noch nie da gewesene Kapitalismuskritik, hängen geblieben ist bei mir nur, dass Leute abgeballert werden. Und ich weiß nicht, wie es euch geht, aber hatten wir das nicht alles schon vor 20 Jahren, als „Big Brother“ und diese ganzen anderen Reality-Serien auftauchten? Ist nicht alles was wir dank Internet in den letzten Jahren live als Nachrichten mitbekommen, aufrüttelnd genug? Braucht es noch diese als Warnung vor den Auswüchsen des Kapitalismus getarnten sadistischen Formate, die das Elend am Ende eher kultiger machen? Jetzt haben wir wieder paar Jahre Serienmemes und Merchandise und dann kommt das nächste krasse Ding zum Bingewatchen beim großen Konzern. Don’t know, vielleicht irre ich mich, ich bin nämlich nach der vierten Folge an zu viel Augenverdrehung gestorben.

Phänomen der Woche: Produzentenmänner, die ihre „Marke“ in Songs klatschen

Zum Schluss etwas, das mich immer mal beschäftigt und jetzt muss es raus: KITSCHKRIEG. EH EH EH (Timbaland). Darkchild. ANOTHER ONE (DJ Khaled). Männer die sich in Songs reinmoderieren. Letzterer ist mein Liebling (ANOTHER ONE). Ich hatte schon tagelange Ohrwürmer nur von diesen zwei Wörtern. Morgens aufstehen und als erstes sagen: ANOTHER ONE. Offensichtlich geht das vielen anderen auch so, es gibt einige Loops, stundenlange Wiederholungen und diesen lustigen Zusammenschnitt:

Welche Ansager-Beispiele fallen euch noch ein? Schreibt’s in die YouTube-Kommentare!

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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Offiziell: „Squid Game“ erfolgreichster Serienstart auf Netflix
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