„Die Verführten“-Kritik: Sofia Coppolas platte Kastrationsfantasie

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Es fällt nicht schwer, sich den amerikanischen Süden mit seinen moosbehangenen Bäumen und seiner schwülen Atmosphäre als Kulisse für ein verbotenes Märchen vorzustellen. Wenn in Sofia Coppolas neuem, zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs angesiedelten Film also ein Mädchen loszieht, um im Wald Pilze zu pflücken, und dabei einen schwer verletzten Offizier der Nordstaaten vorfindet, fällt die Vermutung nicht schwer: der große böse Wolf.

Ganz falsch liegt man auch nicht. Als der Mann wieder erwacht, befindet er sich in einer verlassenen Mädchenschule, die nur noch von der Leiterin Miss Martha, einer Lehrerin und fünf Schülerinnen bewohnt wird. Kurz liegt „Black Narcissus“ in der Luft, Michael Powells delirierender Fiebertraum über sexuelle Repression und blanken Wahnsinn. Aber Sofia Coppola ist nicht weiter interessiert an Provokation oder Transgression. Tatsächlich ist nicht ganz klar, was sie überhaupt interessiert an dem 1966 erschienenen Gothic-Roman von Thomas Cullinan, dessen Verfilmung so brav und wohlfeil geraten ist, dass der Film genau so auch in den Fünfzigerjahren hätte entstehen können.

Wo sind die ironischen Brechungen, die Anspielungen, wo ist die kommentierende Distanz? Okay, es gibt Momente eleganter Brillanz, beispielsweise wenn Nicole Kidman die Wunden des darbenden Colin Farrell mit einem lila Seidenfaden näht. Aber wenn man resigniert feststellt, dass sogar Don Siegels 1969 mit Clint Eastwood entstandene Version mehr Tiefe, Ambivalenz und Raffinesse besitzt, fühlt man sich doch betrogen um den erhofften neuen weiblichen Blick auf eine Geschichte, die die Frauen zunächst um den Mann schwirren lässt wie die Motten ums Licht, um sie sich dann für ihre nicht erfüllten Fantasien an ihm rächen zu lassen. So ist der Film wenig mehr als eine platte Kastrationsfantasie, die ihre guten Schauspieler verschenkt.

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