Ein Bulle singt


Don Johnson ist ein feuchter Traum. Die Amerikanerinnen verzehren sich geradezu nach ihm. Als bestangezogener Fernsehschnüffler der USA kassiert der Partylöwe und Frauenheld 60000 Dollar für jede "Miami Vice"-Episode. Der Rauschgift-Fahnder hat allen Drogen abgeschworen, trinkt nicht und leistet sich nebenbei noch eine Karriere als Rocksänger. Während der Dreharbeiten in Miami empfing "Sonny Crockett" ME/SOUNDS zur Privat-Audienz

Er weiß, daß er der Star ist — und genauso benimmt er sich auch. Don steht unangefochten im Mittelpunkt: seine feste, leicht kratzende Stimme dominiert am Drehort, das freche Lachen übertönt selbst lautes Lärmen des Aufnahmeteams.

Gedreht wird heute in der „Dade County Gärtnerei“ in Miami. Unter den tropischen Pflanzen ist es drückend heiß, Mücken stechen. „Action“, ruft der Regisseur.

Don Johnson läuft mit einem Kind und einer Frau auf einen Lieferwagen zu, schubst sie hinein, knallt die Tür zu und schreit aufgeregt ins Autotelefon: „Wir müssen los. Ein kubanischer Diplomat soll umgelegt werden. Wir brauchen ein Scharfschützen-Team am Meilenstein 38, Route 103.“

Don Johnson trägt graue Leinenhosen, ärmelloses grünes T-Shirt: sein Partner Philip Michael Thomas steckt in einem grauen Doppelreiher vom deutschen Designer Hugo Boss und hat einen verstauchten Fuß. Künstlicher Rauch rund um den Lieferwagen — und Szene 134 von der Folge „Cuba Libra“ ist im Kasten.

Don läßt sich im silbergrauen Mercedes 500 SEL in seinen riesigen Garderobenwagen chauffieren — auch wenn der nur einige Schritte entfernt ist. Gleich daneben parkt Philips etwas bescheidenere Garderobe, beide von der Polizei bewacht. Vor Dons Garderobe stehen vier Leute Schlange. Ich werde hereingewinkt.

Don sitzt in der stahlgrauen Hightech-Garderobe am Tisch. Eine seiner drei Assistentinnen tippt im Nebenraum, unterbrochen vom ständig klingelnden Telefon. Ein weiteres Telefon steht auf dem Tisch vor Johnson. Autotelefon im Mercedes, tragbares Telefon am Set.

Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren, die Atmosphäre ist kaum weniger kühl. „30 Minuten, mehr Zeit hab ich nicht“, sagt er kurz. Don Johnson zu sein, sei hart. „Jeder will ein Stück von mir. Und um zu jedem fair zu sein, muß man die kostbare Zeit richtig managen. „

Vor zwei Jahren war er noch ein Nobody, ganz unten.“.Miami Vice“ war Dons letzter Strohhalm. 15 Jahre hatte er sich im Filmgeschäft mehr schlecht als recht durchgeschlgaen. Nicht unbedingt als Schauspieler, sondern eher als Frauenheld und Partyhengst hatte er sich in Hollywood einen Namen gemacht.

„Damals, es war Ende ’83, saß ich wie die meisten Schauspieler in Hollywood rum und wartete drauf, daß das Telefon klingelt. Ich war pleite und vegetierte apathisch dahin …

Eines Tages erzählte mir ein Freund von einem neuen Projekt: Damals hieß es noch ,Dade County Fast Lane‘, der Held war ein gewisser Sonny Crokkett. Er meinte, ich sei für die Rolle des Detektiven die Idealbesetzung. „

Die Produzenten der neuen Show waren anderer Meinung und testeten zunächst einmal jeden Schauspieler zwischen New York und Los Angeles. „Ich war nervös. Aber ich kämpfte und trickste auf Teufel komm raus. „

Im September „83 kämpfte Don gleichzeitig an einer anderen Front. Er hatte Drogen und Alkohol aufgegeben. “ Und sechs Monate später war ich ein Star, unter Vertrag bei „Miami Vice“

Drogen sind Zeitverschwendung, man vergeudet seine Jugend und geht dem Erwachsenwerden aus dem Weg. Das ist doch keine Existenz. „

Heutzutage lebt Don absolut sauber und hat gar das Rauchen aufgegeben. Und hat mehr Spaß denn je:

„Das ist der größte Schwindel, auf den man als Teenager reinfällt. Kids denken — und ich weiß nicht, wie das anfing, es ist wohl eine Verschwörung der Alkohol-Firmen — daß man nur richtig Fun hat, wenn man sich betrinkt und high wird. Tatsache ist, daß mein Leben so viel mehr Spaß macht und soviel mehr Qualität hat, seit ich nüchtern bin. Wenn ich irgendwas in meinem Leben ändern könnte, würde ich die Zeit, die ich mit Alkohol und Drogen verschwendet habe, rückgängig machen.“

Nun bringt er als Detektiv Sonny Crockett Woche für Woche Drogendealer hinter Gitter. Deckt sich da die Rolle mit seiner privaten Einstellung?

„Ich spiele einen Bullen, der Gefühle hat, der ein Gewissen hat, der auch manchmal ein Auge zudrückt, um jemanden aus der Patsche zu helfen. Sonny Crockett hört auf sein Herz und geht nicht nur nach dem Gesetz.“

Crockett hebt auch Frauen, genau wie Johnson. Crockett ist Macho, geniert sich aber nicht, auch mal den

Arm um seinen Partner Ricardo Tubbs zu legen. Er ist immer unrasiert, trägt pastellfarbene T-Shirts unter teuren Versace-Jackets und Schuhe ohne Socken. Er fährt einen schwarzen Ferrari-Daytona und trägt eine goldene Rolex für 8600 Dollar. Er lebt auf einer Yacht und hält sich ein Krokodil namens Elvis als Haustier.

Der Look, das Ambiente von „Miami Vice“ — das gab’s im amerikanischen Fernsehen bisher noch nicht, vom deutschen ganz zu schweigen. Die Serie ist ein Arsenal von Hightech-Autos, -Waffen, -Architektur, Rockmusik, Designer-Klamotten und rosafarbenen Artdeco-Häusern.

„Miami vice‘ ist erstaunlich realistisch“, weiß Don: „wir gehen uns große Mühe, authentisch zu bleiben. Aber wir machen letztlich eine Unterhaltungssendung und nicht einen Dokumentarfilm. Wir packen also soviel Drama und Fantasie rein, wie es die Handlung erlaubt. „

Kritiker der Sendung indes meinen, daß hier eigentlich flott fotografierte Gewalt verkauft wird — und daß eine logische Handlung zugunsten von optischen Effekten und schmissigen Sounds vernachlässigt wird.

Die Produzenten geben pro Episode erhebliche Summen nur für die musikalische Untermalung aus — von Glenn Frey über Frankie Goes To Hollywood zu Phil Collins. Den Rest liefert der Pianist Jan Hammer mit seinem Synthesizer, maßgeschneidert für die jeweilige Szene, jede Woche. Ohne die von Hammer komponierte Titelmelodie wäre“.Miami Vice“ überhaupt nicht vorstellbar: Zu Bildern von Flamingos. Bikini-Mädchen, Rennpferden, Surfern. Motorbooten und schnellen Autos bastelte Hammer einen hämmernden Elektro-Beat, der — wie auch das Soundtrack-Album — in den USA schnell zum Top-Hit avancierte.

„Miami Vice“ hatte in Amerika im September „84 Premiere: die Pilotsendung ließ man sich fünf Millionen Dollar kosten. Mittlerweile gibt es 59 abgedrehte Episoden (22 Folgen pro Saison). Eine Folge kostet durchschnittlich 1.3 Millionen Dollar: alles wird in den Straßen von Miami gedreht, nichts in den Hollywood-Studios. Don Johnson kassiert mittlerweile über 60000 Dollar pro Folge.

Durch den Erfolg der Serie bleibt ihm heute keine Tür mehr verschlossen. Er ist Gast im Weißen Haus, darf Regie führen und entwickelt eigene Filmprojekte.

Und er singt.

Seine LP HEARTBEAT ist in den USA längst vergoldet. „Zu viele Rockstars versuchen heutzutage, Schauspieler zu werden; nur wenige Schauspieler aber schaffen den Sprung in die Musik. Ich wollte beweisen, daß es doch möglich ist. Ich war schon immer ein Rocker, seil ich als Vierjähriger in der Kirche meines Großvaters „Rock Of Ages“ gesungen habe. Und ich habe mir geschworen, daß ich die Gelegenheit beim Schopf packen werde, sollte mir jemand die Chance geben, eine Platte aufzunehmen. Die Gelegenheit kam und ich habe sie genutzt. Ich bin stolz auf den Erfolg. Du mußt zugeben, daß die Platte Qualität hat und aufwendig produziert ist.“

Auf seiner ersten LP sind viele seiner prominenten Freunde mit von der Partie: Ron Wood, Willie Nelson, Whoopie Goldberg, Bonnie Raitt…

„Alles Leute, die ich über die Jahre kennengelernt habe. Und als ich mit der Platte anfing, haben alle spontan reagiert: „Hey, brauchst du Hilfe? Laß uns doch nach Miami kommen …“ Ich hab Glück gehabt und ich freue mich wahnsinnig, daß sie sich die Zeit genommen haben. “ Sein Partner Philip Michael Thomas mag die Ballade „Cant Take Your Memory“ (die Don selbst geschrieben hat) am besten. „Da kommt rüber, wie Don wirklich ist“, meint er schmunzelnd.

Philips eigener LP LIVING THE BOOK OF MY LIFE war kein Erfolg beschieden; Eifersüchteleien oder gar Konkurrenz gäbe es trotzdem nicht. Don: „Philip ist stolz auf meinen Erfolg, der ihn ebenso betrifft und umgekehrt. Mein Album wird den Weg ebnen für Philips nächstes Album.“

Der Erfolg habe ihn ohnehin nicht verändert, sagt er. „Ich bin immer noch die gleiche Person. Ich war immer schon ein arrogantes Arschloch. „

Donnay Wayne Johnson wurde am 15. Dezember 1949 auf einer Farm in Galene/Mississippi geboren. Seine Mutter war 16, sein Vater 18. Als er fünf war. zog die Familie nach Wichita/Kansas; als er 11 war, ließen sich die Eltern scheiden. Mit 12 kam er in ein Erziehungsheim,

weil er versuch! hatte, ein Auto zu knacken; mit 16 setzte er sich ab und lebte mit einer zehn Jahre älteren Frau zusammen.

Frauen waren schon immer seine Leidenschaft. Er war dreimal verheiratet und hat mit der Schauspielerin Patti d’Arbanville einen vierjährigen Sohn: mittlerweile sind sie nur noch „gute Freunde“. Sein Sohn Jesse und seine Gesundheit, sagt er, seien das Wichtigste in seinem Leben.

Die Schauspielerei entdeckte er an der Highschool; es war Liebe auf den ersten Blick. Mit 18 lebte er mit seiner College-Professorin in Kansas; durch sie kam er an das „American Conservatory Theater“ nach San Francisco; dort entdeckte ihn 1969 Sal Mineo für sein Theaterstück „Fortune And Men’s Eyes“ und holte Don nach Los Angeles. Und Don lebte das Hollywood-Leben in vollen Zügen: Parties. Frauen, Drogen.

Aber das liegt nun alles in der Vergangenheit. In Hollywood möchte er nicht mal mehr leben. „Ich hab noch kein Zuhause gefunden“, sagt er, „vielleicht bau ich mir ein Haus in Miami. Vielleicht lasse ich mich in Rom nieder. Ich mag die italienische Sprache und ich liebe Italiener. Italiener haben eine Lebenslust, die mir sehr liegt …“

Eine teste Freundin hat er momentan nicht. Als er berühmt wurde, waren die Frauen plötzlich weniger hinter ihm her. „Ich glaube, sie hallen mich jetzt für unerreichbar. Oder sie meinen, daß sich jede an mich ranschmeißt und befürchten nun, eine von vielen zu sein. „

Was ist es wohl, was Frauen an ihm mögen?

„Ich habe folgende Interpretationen gehört: meine Männlichkeit und gleichzeitig der kleine Junge in mir. Und weil sie angeblich die Gefahr spüren — was zum Teufel das immer bedeuten mag. „

Erwarten Frauen von ihm nun noch mehr, seit er Amerikas Sexsymbol Nr. 1 geworden ist?

„Nein, in der Beziehung war ich schon immer der Klassenbeste“, lacht er aus vollem Hals.

Demnächst steht Prinzessin Stephanie ins Haus; sie will in „Miami Vice“ nun auch ihre schauspielerischen Talente unter Beweis stellen. Hat er sich auf sie schon innerlich eingestellt?

„Die trage ist die: Ist Prinzessin Stephanie mir gewachsen? Wie alt ist sie eigentlich?“

So um die 20.

„Tja, dann wird sie ja wirklich langsam eine Kandidatin. “ Eine Kandidatin wofür?

„Für die zukünftige Ex-Mrs. Johnson…“