Popkolumne, Folge 93

Ich bin Deutschlands beste Männer – Paulas Popwoche im Überblick

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Meine Hobbys sind: Alle paar Tage drei Sachen einkaufen, mit dem Fahrrad „durch die Gegend cruisen“, Musikhören, zwei Seiten pro Tag lesen, drei Wörter schreiben, alles entsaften. Zucchini. Ich habe Zucchini entsaftet. Gestern habe ich mich dabei erwischt, wie ich googelte: Brokkoli entsaften. Es geht … Ich werde es tun. Wer soll mich davon abhalten? WER? Samstag bekomme ich mal Besuch, dann wird es vielleicht mal wieder ein sogenanntes Bier geben. Das wird aufregend wie im Film!

Serien der Woche

Ich habe eine Serie geguckt, in der ging es um absolut gar nichts. „Emily in Paris“ hieß sie und ich schwöre, es ist nichts passiert! Also, nur: Eine Frau (Lily Collins) zieht von Chicago nach Paris um dort etwas zu arbeiten, man versteht die ganze Zeit nicht, was. Was mit Internet und Mode und Reichen? Die Chefin ist irgendwie immer böse (warum?) und in Europa wird ständig geraucht, außerdem gefickt. In jeder Folge gibt es ein sogenanntes Problem, das gar keines ist, es besteht glaube ich daraus, dass diese Emily sich immer nicht angemessen verhält, also sie hat zum Beispiel bei einer Begegnung mit einem wichtigen Mann einen Eiffelturm-Anhänger an ihrer Tasche baumeln … Ich begreife das nicht. Und für sowas stehen dann Schauspielerinnen und alle möglichen Technikleute morgens auf, drehen das und gehen dann abends müde ins Bett. Das ist doch Wahnsinn! Ich glaube, es geht auch um Liebe. Es wird noch eine weitere Staffel geben.

Emily in Paris | Official Trailer | Netflix auf YouTube ansehen

Eine andere Serie, die ich gesehen habe, war viel besser, aber ich bin noch nicht fertig. Zweite Staffel irgendwo. „Dead To Me“ heißt die. Sie ist mit Christina Applegate und Linda Cardellini richtig gut besetzt. Es geht darum, dass der Mann von Applegates Rolle tot gefahren und danach Fahrerflucht begangen wurde und der Mann von Cardellini ist auch angeblich tot. Dann kommt aber raus, dass alles ganz anders ist und die junge Freundschaft der beiden hält das dann aus und noch viel mehr. Ich finds wirklich klasse, wie die beiden mittelalten Frauen ganz anders dargestellt werden als sonst mittelalte Frauen dargestellt werden. Jenseits von Mutterschaft und Liebessucht, die Frauen sind am Saufen, am Tanzen, am Verzweifeln und am Zärtlichsein entgegen der Bilder, die man sonst so kennt. In der zweiten Staffel wird es ein bisschen albern, was die Handlung angeht, aber so von der Frauenbeziehung her erinnert es etwas an „Thelma & Louise“. Aber: Spätestens wenn der bisher nie erwähnte Zwilling von einem gestorbenen Charakter in einer Serie aufkreuzt, ist es eigentlich an der Zeit abzuschalten. Das war früher bei „Verbotene Liebe“ schon schlimm.

Und nun zu „THE QUEEN’S GAMBIT“

Es ist schon toll: Früher musste man noch teure Magazine haben, in Plattenläden rumhängen, in Kinos gehen oder gar einer Sportart nachgehen, um cool zu sein und mitreden zu können. Heute muss man sich nur bei Netflix reinklicken und die gerade angesagteste Serie gucken, schon ist man dabei. Habe mir also diese viel empfohlene Serie „The Queen’s Gambit“ angeguckt. Ein junges Mädchen verliert seine Mutter, kommt ins Kinderheim, bekommt dann von dem verschlossenen Hausmeister Schach beigebracht, wird tablettensüchtig, dann adoptiert und verliert sich schließlich komplett im Schach. Es ist ’ne tolle Story, es ist auch eine gute Serie. Aber sie ist teilweise auch langweilend vorhersehbar.

In diesen Darstellungen von sogenannten Erfolgsgeschichten läuft es immer recht ähnlich ab: Schweres Schicksal, die Flucht in eine Mission, der seelige, traurige Mentor, dann erste Erfolge, erste Rückschläge, dann aber noch mal alles rausholen, die Einsicht, dann der MEGAERFOLG, Applaus, Gönnung von allen Seiten, hach, Abspann. Paar Sachen sind hier schon anders: Die Protagonistin Beth Harmson (Anya Taylor‑Joy) kommt am Ende nicht mit DEM Typen zusammen, sie ist komplex, nicht ausschließlich sympathisch, auch Männer werden differenziert dargestellt. Beth entwickelt ein ordentliches Alkoholproblem, das sie sich von ihrer Adoptivmutter (Marielle Heller) abguckt. Die ist jedoch eher ein Klischee, die traurig trinkende alternde Singlefrau. Wann sieht man mal Frauen, die trinken und nicht (nur) traurig dabei sind? (Ach ja: In „Dead To Me“) Auch sonst gibt es ein paar Sachen, die ich schon zu häufig gesehen habe: Zarte, weiße Frau, die sanft von unten nach oben guckt („Fabelhafte Welt der Amelie“-Phänomen), geschminkt und frisiert aufwacht und schlafen geht, die auch in ihrer finstersten Phase, einem fiesen Alkoholabsturz, noch so püppchenhaft aussieht und keine fettigen Haare bekommt, na klaro. Am ärgerlichsten ist der schwarze-beste-Freundin-Trope, den man langsam nun wirklich mal ad acta legen könnte: Die Freundin aus dem Kinderheim Jolene (Moses Ingram) ist nur dafür da, Beth aufzubauen. Eigene Storys bekommen Schwarze Frauen noch immer viel zu selten.

Zu dem Thema gibt es übrigens eine interessante Folge des Podcasts „Feuer & Brot“, der sich genau mit diesem Phänomen von Schwarzen Nebenfiguren beschäftigt.

Und hier kommen die Gewinner der „1 Live“-Krone

Toll, das war wieder ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen. Wo es doch so viele interessante Künstler*innen zur Zeit gibt, wer hat da wohl gewonnen? Und zwar:

  • Beste Newcomer sind vier Männer, einer davon mit Hut
  • Beste Band sind zehn Männer, drei mit Hut, zweimal Sonnenbrille
  • Gewinnerin beste Künstlerin: Lea
  • Beste Single geht an einen Mann
  • Bester Dance Act ist ein Mann
  • Gewinner Comedy-Krone: zwei Männer
  • Bester Künstler wurde ein Mann mit Jacke
  • … und der Gewinner in der Kategorie bester Hip-Hop-Act ist ein Mann

Herzlichen Glückwunsch, bleibt stark!

Album der Woche: Baumarkt

2030 bekommt diese Formation hoffentlich auch mal einen Preis. Baumarkt aus Sachsen habe ich hier schon mal empfohlen, aber am Freitag, also in einem halben Tag kommt ihr erstes Album raus, das so heißt, wie die Band: Baumarkt. Acht Tracks liegen hier vor, die, so schrieben sie es selbst mal irgendwann (beziehungsweise las ich es mal über sie) „konfrontatives Musiktheater“ sind. Das trifft’s!

Der Synthiepunk der Formation ist auf so eine schöne Weise unprätentiös, dass ich gern beim Schreiben, Proben und Aufnehmen dabei gewesen wäre. So viel Spaß hat es vermutlich gemacht. Aber es macht immer noch genug Spaß, einfach nur zuzuhören. Ich habe Ohrwürmer von Satzfetzen wie „Feuer im Sexclub, Feuer im Sexclub, Feuer im Sexclub“, „Pflanz dir nix, schau wie alles eingeht“, Deine Familie liebt dich – auch wenn sie sich dagegen ausspricht, liebt deine Familie dich – nur dich“ (hier ist er schon, der Soundtrack zu Weihnachten 2020). In meinem bisherigen Lieblingslied der Platte „Vicky Ring“ sind auch meine Lieblingssätze der Woche drinnen. Sätze wie:

„Wie war dein Eindruck? Haben sich für dich weitere Fragen ergeben?“

Baumarkt sind witzig und sprudeln, sie sind die Zukunft. Mit solchen Leuten muss es unbedingt weitergehen.

Hier bekommt man alles, was man dafür braucht.

Liebesquarantäne mit Natalie Maines

Es gab mal jemanden, der wurde wirklich gecancelt. So richtig BURN-GECANCELT. Nicht so Schnullipulli-gecancelt, wie es jetzt alle gern gewesen sein wollen, nur weil sie mal jemand im Internet kacke gefunden hat. Natalie Maines sagte 2003 bei einem Konzert ihrer Band in London, dass sie den Irakkrieg nicht unterstützt und dass die Band sich schäme, dass George W. Bush wie sie aus Texas kommt. Was daraufhin passierte, war ein Boykott aus der Hölle: Konservative verbrannten die CDs und jeglichen Merch der (Dixie) Chicks, fuhren mit Traktoren (!) darüber, Radiosender spielten die Band nicht mehr. Der Vorwurf des Antipatriotismus kam aus allen politischen Lagern, es hagelte Morddrohungen und misogyne Beschimpfungen.

Auf YouTube habe ich jetzt die Doku zu dieser unfassbaren Chose gesehen, sie ist von 2006 und heißt „Shut Up & Sing“.

Dixie Chicks: Shut Up And Sing (2006) auf YouTube ansehen

Währenddessen habe ich mich halt richtig hart in Natalie Maines verliebt und tagelang mal wieder nur noch die Chicks angehört und mir sogar ein Tourplakat von 2003 auf Ebay besorgt (das schrecklich aussieht, denn es war nun mal 2003). Ich fantasiere von ihr, stelle mir vor, wir wären auf ihrem Boot (von dem sie auf dem neuen Album mehrfach singt). Sie ist soooo toll. Und sie ist mittlerweile noch toller als damals und radikaler geworden und wird immer noch nur schöner und sie bereut einfach mal nichts. Wenn du das liest, Natalie, komm doch vorbei, wir könnten irgendwas zusammen … Ähm, entsaften?

Zucchinisaft schmeckt übrigens überraschend gut.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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Mit Jahresrückblicks-Special 2020, 50 besten Alben, Olli Schulz, Luisa Neubauer und Stefanie Sargnagel: Der neue Musikexpress ist da!
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