Kolumne

Gedanken zum Gegenwärtig*innen, Folge 12: … TODESLOST SEIN URGROSSVATER

von
Julia Friese
Julia Friese

Drei Beobachtungen:

1. safe & stabil

Wie soll man leben, wenn Donald Trump die Welt jeden Moment mit einem falschen Tweet in einen Atomkrieg tweeten könnte, fragt die britische Schriftstellerin Olivia Laing in ihrem 2018 erschienenen Roman „Crudo“. Und obwohl diese Frage an sich seltsam alt klingt, hat sich an dem Gefühl der dauernden Unsicherheit nichts geändert. Nur eine Push-Notification – eine neue Virus-Variante – und alles könnte vorbei sein. Lockdown, Showdown. So fühlt sich Gegenwart an.

Und im Fühlen liegt auch schon der Fehler. Denn es ist unwahrscheinlich, dass wir nächsten Dienstag schon die nächsten Dinosaurier sind. Wahrscheinlicher ist, dass die ständige Nähe zu nicht eingeordneten Nachrichten sowie der daraufhin getwitterten Verunsicherung der anderen Ängste auslöst. „Bin stabil“, rappt Teven 2021 in „Stabil“. „Wir sind stabil“, rappte Capital Bra schon 2016. Und trotzdem wirkt „stabil“ nicht alt, sondern safe wie das Adjektiv dieser Tage. Gleichzeitig wird Stabilität in immer unsichereren Quellen gesucht. Horoskope-Podcasts trenden auf Spotify. Und Desinformation auf den Socials. Die Pandemie ist nur eine Inszenierung einer im Hintergrund alles zusammenhaltenden Elite? Wie stabil das wäre.

2. down the rabbit hole

Währenddessen läuft „Matrix Ressurections“ im Kino. Ein weiterer Teil der Filmreihe, die Anfang der 2000er vielen Einstiegsdroge in die postmoderne Philosophie war. Da sie im besten Baudrillard’schen Sinne sagt: Ja, wir leben in einer Simulation. In tragenden Rollen: eine blaue und eine rote Pille. Die blaue Pille lässt einem die Simulation wirklich erscheinen. Die rote muss man schlucken, wenn man seine bisherige Wahrnehmung erschüttern will.

Gender ist ein soziales Konstrukt, war die rote Pille, die die Regisseur*innen Lana und Lilly Wachowski per „Matrix“ verabreichen wollten. Funktioniert hat es nicht. Rote und blaue Pille sind trotzdem Popkultur geworden. Sie leben ein vielgestaltiges Eigenleben. Mal sind sie Memes, dann tauchen sie titelgebend als misogynes Dating-Forum auf, oder sie werden zu Songtextinhalten, wie etwa in The Weeknds „Privilege“ oder Bloc Partys „She’s Hearing Voices“.

Manchmal werden sie aber auch ziemlich bitter. Trump etwa verabreichte seinen Anhänger*innen eigene rote Pillen. Etwa: Die alten Medien sind Fake News. Und jetzt deuten rote und blaue Pillen auch noch Jefferson Airplanes Alice-im-Wunderland- Song „White Rabbit“ um! Der läuft nämlich im Trailer zu „Matrix Resurrections“. „One pill makes you larger, and one pill makes you small“, singt Grace Slick, während Matrix-Held Neo seine blauen Pillen in den Ausguss kippt. Und den Querdenker*innen gehen rote Herzchen in den Augen auf. Ja, die Corona-ist-eine-Verschwörung-Pille hat sie größer gemacht, denken sie. Endlich bin ich kein „kleiner Mann“ mehr. Ich bin erwacht und doch nicht woke. Stabil bin ich. Die Push-Notifications der alten Fake-Medien können mich nicht mehr ängstigen.

3. bitches brauchen medienkompetenz

All das ist natürlich „Todeslost sein Urgroßvater“. Eine Sentenz, die der YouTuber Rezo im April letzten Jahres in einem seiner Videos in Bezug auf das AfD-Wählen geprägt hat. Seitdem ist „Todeslost sein Urgroßvater“ ein Kommentar, den man safe – safe ist neben stabil das zweite prägnante Adjektiv der Gegenwart – unter jedem Querdenker*innen-Post findet. Also als Kommentar der Gegenseite. „Todeslost sein Urgroßvater“ wartet gerade darauf, endlich auch Songtext zu werden.

Vielleicht könnte sich Shirin David ihm annehmen? Die ehemalige YouTuberin hat – wie einst Tocotronic – schönste Songzeilen-zu-Slogans-Magie. Ihr BITCHES BRAUCHEN RAP etwa wurde dank eines Margarete-Stokowski-Tweets zu „Bitches brauchen Booster“. Dass Booster mit „b“ anfängt, wie auch „blaue Pille“, ist aber safe ein Zufall. Oder? ODER? OMG.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 02/2022.


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