Hitparaden-Kolumne „Die da oben“

Feuerzeuge raus: Darum hat die Emo-Wiedergängerin Gayle aktuell irren Erfolg

von
Julia Lorenz
Julia Lorenz

Manchmal sind sie undankbar, die Plattenkäufer*innen dieser Welt. Da reißt sich eine Billie Eilish ein Bein raus, um mit den Produktions- und Schönheitsstandards im Pop zu brechen, die Britney Spears und anderen Vorgängerinnen das Leben noch schwer gemacht hatten, dazu springt alle Naslang ein Phänomen wie Lil Nas X aus der Torte, das den Pop-Mainstream in die Zukunft führen will − und dann kaufen die faulen Konsum-Nüsschen am Ende doch nur ein, was sie schon kennen. Anders ist es kaum zu erklären, dass die gerade mal 17-jährige Sängerin Gayle aus Nashville mit ihrem Song „abcdefu“ aus dem Nichts auf Platz 3 der Singlecharts gelandet ist.

Denn die Emo-Wiedergängerin Gayle trägt nicht nur eine Frisur, die Kollegin Sia seit quasi immer spazierenführt (zweifarbiger Cruella-de-Ville-light-Look), sondern macht auch Musik, die Leute wie Pink schon Anfang der Nullerjahre irgendwie spaßiger hingekriegt haben (Pop mit wohlkalkulierten Wutausbrüchen und Mut zu Nanana-Refrains). Im Video zum Song, Gen-Z-kompatibel in Handyvideo-Qualität gedreht, toben sich Gayle und ihre Clique im Haus ihres Exfreundes aus, aber wenn man ehrlich ist, hat man selbst solche Racheaktionen schon unterhaltsamer gesehen.

Warum Gayle gerade mit dieser Breakup-Nummer, die sich, zugegeben, bei Erstkontakt erschütternd schnell ins Hirn fräst, der große Durchbruch geglückt ist, müsste man ihre gigantische Gefolgschaft auf TikTok fragen. Ihr Song „z“, keckerweise ein Jahr vor „abcdefu“ veröffentlicht, ist nämlich eine ähnlich infektiöse Popsingle, die aber ohne die kiloschwere Feuerzeuge-raus-Haftigkeit ihres aktuellen Superhits auskommt. Vermutlich braucht einfach jede Generation − Lil Nas hin, Eilish her − ihre eigenen Midtempo-Stadionbanger für Momente der Melancholie im Schulbus. Gayles erste Single für das Majorlabel Atlantic, das sich das Social-Media-Phänomen blitzschnell gekrallt hatte, ist jedenfalls genau das. Aber das Alphabet hat ja noch ein paar Buchstaben. Und Gayle vielleicht bald mehr zu erzählen.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 02/2022.


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