Stilkolumne

Weniger konsumistisch, mehr bitchy: Was an einer deutschen „Queer Eye“-Serie anders werden müsste

von
Jan Kedves
Jan Kedves

Warum gelten queere Menschen als so stilsicher? Ich darf die Frage stellen, ich gehöre selbst dazu, also nicht immer zu den Stilsicheren, aber zu den Queeren. Daher nehme ich die Nachricht, dass es auf Netflix 2022 eine deutsche Version der Makeover-Show „Queer Eye“ geben wird, offen gesagt mit gemischten Gefühlen auf.

Ich fand die amerikanische „Queer Eye“-Serie nach ein paar Episoden unerträglich deprimierend, weil unterm Strich jede Folge mit der Erkenntnis endet: Wenn du in irgendeiner Weise die Kontrolle über dein Leben verloren hast, müssen nur die „Fab Five“ vorbeikommen, um dir mit ein paar seichten Therapie-Pep-Talks, einer neuen Frisur und vielen, vielen Einkaufstouren durch Fashion-Boutiquen und Möbelhäuser zu helfen, Anschluss an den lahmsten ästhetischen Mainstream und so „zu dir selbst“ zu finden. Meistens sehen die Wohnungen nach dem „Queer Eye“-Makeover aus wie aus dem Ikea-Katalog. Was ist daran queer? Oscar Wilde, Marsha P. Johnson und Charlotte von Mahlsdorf würden im Grab die Augen rollen.

All is love!

Ich hoffe, dass die deutsche Version besser, ja: queerer wird, dass sie weniger konsumistisch ist, und wieder mehr bitchy. Das war ja eigentlich mal die Grundidee der Serie, als sie 2003 in ihrer Urform noch „Queer Eye for the Straight Guy“ hieß: dass sich schwule Frisöre, Stylisten und Einrichtungsberater mal ein bisschen für die ganze Homophobie rächen können, unter der sie als Teens leiden mussten, indem sie nämlich bei den Unterdrückern von einst, also den Hetero-Dudes, ordentlich aufräumen. Wie sie angeekelt deren müffelnde Bachelor-Buden durchkämmen, verschimmelte Milch entsorgen, quiekend die Bettbezüge mit der UV-Lampe auf Flecken abscannen und die aus der Form geratenen Ex-Jocks in viel zu enge Jeans zwängen. Augenzwinkernd natürlich. All is love!

Zwei Ideen: Wer sich die deutsche „Queer Eye“-Serie ansehen will, sollte vorher die HBO-Serie „We’re Here“ mit Bob the Drag Queen, Shangela und Eureka O’Hara gesehen haben. Die sind bekannt aus „RuPaul’s Drag Race“, und wie diese Dragqueens durch den konservativen Bible-Belt der USA touren, um queeren Menschen dort nicht einfach mit einem oberflächlichen Makeover, sondern mit echter Community-Arbeit zu helfen, ist großartig, und emanzipatorisch. Außerdem sollte es eine Begleit-Serie geben, zur Nachbereitung quasi: „After Queer Eye“. Hier wird dokumentiert, wie es den Geholfenen der Serie zwei Jahre später geht, wie ihre neuen Frisuren und Wohnungen dann aussehen. Uppsi!

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 02/2022.


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