Kolumne

Gedanken zum Gegenwärtig*innen, Folge 10: LIL NASTY SFX: KLEINE MIESE SPEZIALEFFEKTE

von
Julia Friese
Julia Friese

Drei Beobachtungen:

1. alles ist synthese

MONTERO von Lil Nas X wird von Fans genauso wie von Jens Balzer in „Die Zeit“ als das Album des Jahres beschrieben. Tatsächlich ist MONTERO eine bemerkenswerte Veröffentlichung – wenn auch nicht in musikalischer Hinsicht. Aber: MONTERO beherrscht die Codes der Gegenwart. Wir leben in einer Phase, in der es keine neuen musikalischen Genres gibt, sondern nur Synthese aus Althergebrachtem. Zeitgeist ist es, alte, gegensätzliche Codes so aufzuweichen, als dass sie fluide ineinanderlaufen, um sich am Ende alten Kategorisierungen so weit es nur geht zu entziehen. So bieten moderne Künstler*innen – wie auch Lil Nas X – verschiedene Genres auf einem Album an.

Meist sind es Künstlerinnen, die zudem mit Geschlechtercodes spielen: Cardi B bietet breitbeinige Sexualität, Anna Calvi breitbeiniges Gitarrenspiel und Christine and the Queens weißqueere Michael-Jackson-Mimikry. Mit der Verschmelzung von männlichem und weiblichem Zeichen operiert nun nicht nur Lil Nas X’ Künstlername – der ursprünglich mal NasMaraj war, sich also aus Nas und Nicki Minaj zusammensetzte –, sondern auch MONTEROs Musik.

„That’s What I Want“ klingt wie ein Outkast-Song, der SPEAKERBOXXX- beziehungsweise THE-LOVE-BELOW-Ära, der zu seinem Ende hin immer mehr an Olivia Rodrigo erinnert. Etwa wenn Lil Nas X im Video zum Song mit verheultem Make-up in einem Brautkleid Gitarre spielt und „I want somebody to love, that’s what I fucking want“ singt.

Rodrigo singt „Good 4 You“ mit der gleichen Emphase – symbolisch unterstrichen durch ein brennendes Jugendzimmer – aber, sie ist schließlich eine Frau, sie muss schließen mit: „maybe I’m too emotional“. Die Auslebung starker Gefühle, die im weiblichen Kontext als altbekannt – und oft abwertend als „hysterisch“ – gelesen wird, kann, von Lil Nas X in einen männlich-queeren Kontext gesetzt, nun als „neu“ und kraftvoll gelesen werden.

2. und in sämtlichen rollen spielst nur du

Pandemie-bedingt sind 2020/21 viele Musikvideos mit nur einer Person vor der Kamera gedreht worden. Die App der Krise ist die Selfie-Video-App TikTok, mit der man easy – ohne zu schneiden – Videos drehen kann, in denen man selber mehrere Rollen spielt. Besonders beliebt sind dabei Parodien aus Beziehungs- und Schulalltag. Die einst aus der Not geborene Tik- Tok-Limitierung auf eine Person in Mehrfachrolle übersetzt Lil Nas X nun in seine Musikvideos.

So spielt er in „Montero (Call Me By Your Name)“ alle Figuren selbst. Ebenso wie in einer fiktiven „Montero-Show“, in der er als Moderator, Publikum und Gast die Rezeption seiner Musik parodiert und gesteht, dass er CGI – also Computer generierte Bilder – liebt, nur um dann sein CGI-„Montero“-Video zu zeigen: Ein, nach seinem bürgerlichen Namen benanntes, Paradies, in dem er allein mit sich ist – in vielen verschiedenen Rollen.

3. bis niemand mehr (s)eine rolle spielt

Paul McCartney tritt in seinem Musikvideo zu „Find My Way“ nicht mit seinem aktuellen, sondern mit einer CGI-Variante seines jungen Gesichtes auf. ABBA werden 2022 Konzerte geben, aber doch zu Hause bleiben, denn stellvertretend für sie auf die Bühne gehen Hologramme, die ebenfalls ihre jungen Gesichter tragen. Die Firma Metaphysics.AI zeigt auf ihrem TikTok-Account @deeptomcruise, wie sie mittels ihrer Software aus einem beliebigen Schauspieler einen täuschend echten – und ewig jungen – Tom Cruise machen kann. Es ist ein Filter, der kaum noch als solcher zu erkennen ist.

@deeptomcruiseHere’s how I suit up!♬ original sound – Tom

Deep-Fake Tom Cruise kann auch singen, da sich auch Stimmen per Computer emulieren lassen. Schon bald werden die TikTok Creator also nach wie vor alle Rollen selber spielen, aber nicht mehr mit dem eigenen Gesicht. Es wird ihnen eine große Auswahl an Schauspieler*innen- und Musiker*innen-Gesichtern und -Stimmen zur Verfügung stehen, die dann vermutlich etliche Songs covern werden. Falls Lil Nas X plant, in einem seiner nächsten Videos Deep-Fake Hollywood-Stars unterzubringen – es sei ihm gesagt, dass diese dann aber mindestens singen müssen. Denn nackt schlafende Hollywood-Deep-Fakes hatten wir schon mal. 2016 in Kanye Wests „Famous“.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 12/2021.


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