Kolumne

Gedanken zum Gegenwärtig*innen, Folge 5: How Dare You?

von
Julia Friese
Julia Friese

Drei Beobachtungen:

1. alles von der kunstfreiheit gedeckt

Billie Eilish trug schwere Ketten zu baggy Shirts und Shorts, zu bunten Haaren und großen Ringen. Wie ihr Boyfriend, der Schwarze Rapper Q, von dem sie sich trennte. Diese Ära – und die ihres ersten Albums – wurde gerade mit einer Apple-TV-Doku beschlossen. Nun kommt ihr neues Album – HAPPIER THAN EVER – und die weiße Billie Eilish ist blond. Trägt in der britischen „Vogue“ erstmals keine weite, bunte Baggy-Kleidung, sondern enge, weiß-hautfarbene Dessous. Ihr Foto in Unterwäsche wird zu dem viertmeist gelikten Foto auf Instagram.

2020 schrieb Zariah Taylor für das Gen-Z-Portal voxatl.com den Essay „We need to talk about Billie Eilish“, da die sich – wie etliche weiße Künstler*innen vor ihr – Schwarze Codes aneigne, die in ihrer Weißverwaschenheit dann Mainstream würden. Taylor erinnerte an 2013, als Miley Cyrus auf BANGERZ twerkte und African-American Vernacular English benutzte, welches sie zu Gunsten weißem Countrys auf YOUNGER NOW wieder ablegte. Die von Kopf bis Fuß be-logo-te Baggy-Bekleidung geht auf den Modedesigner Dapper Dan zurück, der in den Achtzigern und Neunzigern, die dem HipHop damals noch fernen Designer-Logos screenprintete, um Harlem darin zu kleiden. LL Cool J gehörte zu seinen Kund*innen. Mike Tyson, Salt-N-Peppa und Jay-Z.

1992 musste Dapper Dan seinen Laden schließen. Wegen Urheberrechtsverletzung. 2017 ließ sich der italienische Gucci-Designer Alessandro Michele von Dapper Dans Designs in so großem Umfang inspirieren, dass Gucci ihm schließlich eine Zusammenarbeit anbot. 2020 gewann Billie Eilish fünf Grammys – in baggy Gucci-Logo – während Schwarze Künstler*innen wie Lizzo, Beyoncé und Lil Nas X gegen sie verloren. Eilish dazu: Sie sei peinlich berührt. 2021 gewann sie wieder – baggy Gucci bekleidet – dieses Mal vor Megan Thee Stallion. Im Video zu ihrer neuen Single „Your Power“ hat Billie Eilish nun die schweren Ketten, baggy Shirts und Shorts abgelegt, und kleidet sich wie ihr Umfeld: grau, wie die Felslandschaft, in der sie singt: „Try not to abuse your power. Will you only feel bad when they find out?“

2. düsseldorf-zu-oxford-culture

Das Diskurspop-Buch der Stunde heißt „Identitti“. Mithu Sanyal erzählt darin die Geschichte der weißen Sarah Vera, die als Indisch gelesene Dozentin Saraswati zur Ikone wird. Als ihre Herkunft auffliegt, ist Twitter in Rage, ihre Karriere dennoch nicht beendet. Im Gegenteil: Saraswati wird von Düsseldorf nach Oxford befördert. In „Identitti“ lässt Sanyal viele identitätspolitische Fragen unser Zeit in drei Sätzen zusammenlaufen: Cultural Appropriation ist ein Spektrum. Irgendwo innerhalb dieses Spektrums befand sich der Punkt, an dem Annäherung in Aneignung umschlug. Und Solidarität in Egoismus.

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3. oury-jalloh-kapuzenpullover

Eines der zentralen Kleidungsstücke des pandemischen Zeitalters ist der Hoodie. Ursprünglich gedacht war er als Kühlhausarbeiterbekleidung. In den späten Siebzigern wurde er vom HipHop entdeckt: als angenehm anonymisierendes Versteck zum Ausführen illegaler Tätigkeiten wie Graffiti. 2021 zeigt der weiße Schriftsteller Leif Randt sich und seine Freund*innen mit sorgsam unter dem Kinn geknoteten Kapuzenbandschleifchen auf Instagram.

Während Girl in Reds Coverartwork zu IF I COULD MAKE IT GO QUIET ein weißes Wesen im roten Hoodie ziert. Ein blauer Hoodie wiederum ist das zentrale Element von Lucy Dacus’ Video „Home Video“, das in einem leeren Kinosaal spielt. Leere Kino- und Konzertsäle sind pandemiebedingt beliebte Videodrehorte. Auch Danger Dan hat seinen „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“-Hit in einem leeren Konzertsaal gedreht. In der Klavierballade prangert er die Tötung des Schwarzen Oury Jalloh durch einen sächsischanhaltischen Polizisten an. Seinen Namen hat Danger Dan – der ursprünglich mal bei der Düsseldorfer Antilopen Gang weißen Rap machte– natürlich von Dapper Dan entlehnt.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 07/2021.


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