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Kolumne

Gedanken zum Gegenwärtig*innen, Folge 4: Deep Cleaning

von
Julia Friese
Julia Friese

Drei Beobachtungen:

1. verbotene früchte

„Das Gramm“ heißt ein Magazin, in dem immer genau eine Kurzgeschichte erscheint. Auf dem Cover der gerade erschienenen Ausgabe „Grüne Orangen“ sind Zitronen. Denn „Grüne Orangen“ ist eine Metapher auf die Schönheit des Mangels von der Schriftstellerin Lisa Krusche, die beim ersten pandemischen Bachmann-Wettbewerb 2020 den Deutschlandfunk-Preis gewann. Zitronen sind auch auf den Stickern, die Porridge Radio zum ersten Geburtstag von EVERY BAD verkaufen. Und Zitronen zieren die Single-Cover von International Musics „Wassermann“ und „Misery“.

Wenn dir das Leben eine Pandemie gibt, kannst du immerhin noch Kunst daraus machen, die nicht so gefallsüchtig ist wie Orangen. Nicht auf einen Hit aus. Sondern einfach die Künstlerin auf einer Zitronenpresse ausgequetscht. Wie St. Vincent auf DADDY’S HOME. Dem Album, auf dem sie sich durch die Platten ihres Vaters spielt. Steely Dan und Stevie Wonder dreht sie durch die Gitarren. Beherrscht sie. Mühelos. Tschilpend, wie ein Vogel. Serviert sie das Resultat als Limonade mit bitterem Zuckerrand. Aber leidet sie auch genug? Für ihr Geschlecht. Wie Tori und Joni vor ihr gelitten haben? Ist sie nicht nur eine ruhig gestellte „Benzo Beauty Queen“? Benzodiazepine können helfen. In Tagen saurer Nachrichtenlagen.

2. songs from the bottom

Neben besonders drucklosen, frei drehenden Alben etablierter Künstler*innen gibt es zur Zeit auch einige künstlerische Keller- und Dachbodenreinigungen. Joni Mitchell hat Ende vergangenen Jahres ihre allerersten Aufnahmen als Box verkauft. Paul Simon gerade seinen ganzen Katalog an Sony. Nur Taylor Swift veröffentlicht keine Songs aus dem Keller, bei ihr kommt das alte Material immer aus der sogenannten Vault – also aus dem Tresor.

Wer keine alten Songs mehr rumliegen hat, der lässt sich selbst von anderen covern. Paul McCartney hat McCARTNEY III – das Album voller Songs, die lange bei ihm rumlagen – nun von anderen Künstler*innen covern lassen. Den besten Song – „Women And Wives“ – hat sich St. Vincent vorgenommen. Sharon Van Etten hat ihr 2010er-Album EPIC als EPIC TEN covern lassen – von unter anderem Fiona Apple. Bob Dylan (80) braucht niemanden zu bitten, ihn zu covern. Stella Sommer, Benedict Wells und Judith Holofernes coverten seine Songs in Kurzgeschichten für die Anthologie „Look Out Kid“ von Maik Brüggemeyer.

3. they put my head in a deep cleaning ich-machine

Judith Holofernes ist längst nicht mehr nur Sängerin. Sie schreibt. Online. Drucklos. Über die Zeit nach dem Ruhm. Lesen kann man sie, wenn man per Patreon zwischen 3 und 100 Euro dafür bezahlt. Patti Smith schreibt nun einen Newsletter auf Substack. „The reader is my notebook“ heißt er. Er verspricht ein druckloses Dahinschmelzen von Wörtern. Wörter, nur von diesen Seiten selbst gekannt, schreibt Smith. Sieben Euro kostet ihr Automatisches Schreiben. Es ist bezahlte Selbstreinigung. Sie duftet nach Zitronen – wie TikTok.

Wo sich junge Menschen unter dem Hashtag #deepcleaning daran berauschen, wie sauber es bei ihnen zu Hause ist. Reinlichkeit hat dieser Tage nichts Zwanghaftes mehr. Sie ist Self Care. Nichts wird mehr unter den Teppich gekehrt. Alles ausgewrungen, man lässt sich dafür bezahlen. „I wanna be loved“ singt St. Vincent bei „Saturday Night Live“. Auf ihrem Rücken steht: Daddy.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 06/2021.


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