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Popkolumne, Folge 85

100 JAHRE DEUTSCHE WENDE: Paulas Popwoche im Überblick

von

Es ist Herbst. Diesmal wirklich, glaube ich naiv. Letzte Woche habe ich mit Leuten versucht vor einer Bar zu stehen, es waren allerdings 3 (in Worten: drei) Grad, also hat das nicht so gut geklappt. Einen Abend vorher ging das noch besser, das war in Dresden und noch mal einen vorher war es auch kein Problem, das war in Köln. Linus Volkmann und ich bestritten in der „Niehler Freiheit”, einem kleinen Freiraum-Paradies, eine Soli-Lesung zugunsten der Balkanbrücke. Die Balkanbrücke (nach dem Vorbild der Seebrücke) ist ein Bündnis, das über Menschenrechtsverletzungen auf dem Balkan informiert, Menschen und Gruppen vor Ort supportet und sich für sichere Wege für Geflüchtete einsetzt. Schaut unbedingt mal auf der Webseite balkanbruecke.org und auf den Kanälen in den sozialen Medien nach, spendet Geld, falls ihr könnt, schaut, wo Veranstaltungen und Demonstrationen stattfinden und wie ihr euch sonst engagieren könnt.

Ostdeutschland lebt

Eigentlich kann ich es nicht mehr hören, gleichzeitig gibt es noch so viel zu erzählen, das ist mir natürlich klar. Es gibt immer wieder ein Jubiläum bezüglich der DDR und dann müssen alle noch mal ran und sagen, wie das damals war um die Wende rum und danach. Was mich allerdings mehr interessiert, ist eigentlich wie es vorher war, jenseits der allseits bekannten Klischees. Und dazu gibt’s grad viel.

Netflix-Doku „Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit”

Detlev Rohwedder war der Präsident der Treuhandanstalt, der verantwortlich war für die Privatisierung der DDR-Ökonomie und 1991 ermordet wurde. Dass das mit der Treuhand für DDR-Bürger:innen katastrophal verlief, weiß man, aber warum das so war, erklärt die vierteilige Doku ganz gut. Wie die Stimmung um die Wende war, wie es den Arbeiter:innen erging und welche Umstände einfach übergangen wurden, um ein System abzuwickeln und ein anderes drüberzustülpen.

Ätzend wird es, wenn die Serie einen auf „True Crime” macht, unter anderem mit diesen Einblendungen von „so und so viel Zeit bis zum Mord”, so dass mal als zuschauende Person immer wieder denken soll: Ach, ja, es hätte jeder sein können, so sehr konnte man Rohwedder hassen. Die Belege für die dann präsentierten Mord-Theorien sind eher dünn, es gibt viele Mutmaßungen, der „Kriminalreporter” vom Düsseldorfer „Express” darf rauchend daherfaseln, dass ihn der Fall „nie losgelassen” hat, Flake von Rammstein erzählt, wie sich das alles angefühlt hat, Sarrazin erinnert sich; Theo Waigel ordnet ein und man kann noch mal den Wandel seiner Augenbrauen begutachten, dazwischen gibt es diese bekannte Männeroffstimme, die Drama heraufbeschwören soll. Was diese Doku sein will, ist etwas unklar, was man sich aber aus ihr mitnehmen kann, sind die interessanten historischen Zusammenschnitte und O-Töne von Arbeiter:innen.

„Coming Out”

Sein Gesicht ist mir so bekannt wie das eines Verwandten, den man jetzt vielleicht nicht jeden Tag sieht, aber schon so einmal im Jahr: Michael Gwisdek ist in der vergangenen Woche gestorben und man kannte ihnen aus jedem deutschen Film, den es je gegeben hat, so zum Beispiel in „Good Bye, Lenin!”, „Herr Lehmann”, „Kleinruppin forever”, „Elementarteilchen”, „Oh Boy” und so weiter und immer weiter. In starker, schöner Erinnerung ist er mir zum Beispiel aber auch aus einem meiner Lieblingsfilme, dem DEFA-Film „Coming Out” von 1989. Ich habe ihn mir jetzt nochmal angesehen und es ist wirklich erstaunlich, wie progressiv er ist. Es geht um die schwule Szene in Ost-Berlin und wie nahezu unmöglich es war, in der DDR seine Homosexualität zu leben. Was auch für Ossifilmverhältnisse absolut undenkbar war, ist, dass Skinheads gezeigt und damit Rassismus thematisiert wird, weil Nazis gab es ja in der DDR offiziell überhaupt nicht.

Ach ja, und ganz nebenbei ist es auch echt krass, dass der Film ästhetisch so gut wie gar nicht gealtert ist. Die Leute rennen heute ja wieder so rum! Gwisdek jedenfalls arbeitet als Barkeeper in einer Kneipe, die man heute als Queer bezeichnen würde: Es gibt Schwule, Lesben, trans Menschen, Drag. Und Gwisdek ist da so ein bisschen die Schlüsselfigur, zum Beispiel sagt er an einer Stelle zum vorm Coming-Out stehenden Protagonisten: „Hab Mut!” und schubst ihn damit in die Szene, aber später auch „Hier ist jeder allein und jeder hat Angst”. Unbedingt anschauen.

„Kranke Geschäfte”

Nicht viel gewusst habe ich über die Thematik dieses Filmes, den es aktuell in der Arte-Mediathek gibt. Es geht um den deutsch-deutschen Deal, durch den Medikamententests westdeutscher Pharmafirmen an DDR-Bürgern durchgeführt wurden, im Tausch gegen Devisen. Im Film begleitet man ein Paar, dessen Tochter an MS erkrankt, die in ein Krankenhaus in Karl-Marx-Stadt kommt und unwissentlich zur Probandin für ein Medikamententest wird. Der Vater, selbst bei der Stasi, kommt dem Ganzen auf die Schliche und beginnt mit dem System zu hadern.

Dabei ist der Film null reißerisch und null daran interessiert, ein Gut und Böse zu konstruieren und kommt ohne übertriebene Drama-Kniffe aus. Man erfährt einfach etwas darüber wie es wirklich ablief und wie schwierig es gewesen sein muss, sich überhaupt mit etwas zu identifizieren zu dieser Zeit, geschweige denn, alles zu wissen. Auch interessant fand ich die musikalische Fokussierung auf Depeche Mode der Tochter und ihrer Zimmergenossin im Krankenhaus. Erinnere mich sehr gut, dass Depeche Mode für die Generation über mir DAS DING war und noch immer ist. Sie waren einfach das Popversprechen schlechthin. Ich glaube, man kann sich durch den Osten bewegen und jede Woche eine Depeche-Mode-Party feiern. Letztens war ich mal wieder in Dresden und entdeckte das:


Abtreibung!

Im Osten wars legal, jetzt ist es hierzulande noch immer offiziell eine Straftat und in einigen Ländern nicht mal unter Ausnahmen erlaubt. Am 28.9. war „Safe Abortion Day”, ein Tag an dem die Öffentlichkeit noch mal daran erinnert werden sollte, dass man, wenn man Schwangerschaftsabbrüche kriminalisiert, sie nicht aufhören stattzufinden, sondern saugefährlich sind. Sie sollten Grundversorgung sein. Warum sie das noch immer nicht sind und was das mit dem Kapitalismus zu tun hat, erklärt die Autorin Nicole Schöndorfer in ihrem, auch sonst hörenswerten Podcast „Darf sie das?”

Der alte Act an den sich keiner mehr erinnert, aber ich natürlich schon

Ich möchte euch das Jahr 1998 vorstellen, es ist mein Lieblingsjahr. Endlich bin ich auch alt genug, um nostalgisch Jahrzehnte zurückzublicken. 1998 also: „… Baby One More Time” kam raus und änderte alles, außerdem war es der Sommer von „Bailando”, „13” von Die Ärzte erschien, „Alane” von Wes, von dem es jetzt, na logo, einen Robin-Schulz-Edit gibt, Falco starb, also sprach man über Falco und „Out Of The Dark” lief ständig im Radio, Cher erfand Autotune mit „Believe”, das beste Musikvideo „Viva Forever” von den Spice Girls lief im Fernsehen, dann war auch noch WM, also gab es Ricky Martins „The Cup Of Life” und Godzilla war im Kino, also „Come With Me” von Puff Daddy UND „The Boy Is Mine” von Brandy/Monica UND „Torn” von Natalie Imbruglia UND das erste Destiny’s-Child-Album und noch so viel mehr Geiles, meine Fresse, wie geil 1998 war. Never Forget!

Wer oft vergessen wird, ist allerdings Lutricia McNeal. Die hatte ihren Superhit „Ain’t That Just The Way” zwar schon 1997, aber mein Lieblingssong von ihr kam ein Jahr später und der hieß „Stranded”. Schon, wenn die ersten Töne erklingen, muss ich fast heulen. Er war auf meiner „18 Top Hits”, die sonst ziemlich enttäuschend war, bis auf den Bonustrack. Das Lied schmeckt für mich nach dem Querxenland in der Oberlausitz, Orangenlimo und Esspapier und die erste Melancholie mit 9 Jahren. Hört doch mal rein!!!

Internet der Woche

Da war ja wieder was los. Autor:in Hengameh Yaghoobifarah wurde angegriffen, diesmal einfach, weil das KaDeWe einen Modelauftrag zu vergeben hatte (und Hengameh sah fantastisch auf dem Plakat aus!), die rechte (?) Youtuberin Lisa Licentia hatte in der Pro7-Doku „Rechts. Deutsch. Radikal.” ihren großen Auftritt, in welchem sie sich von der AfD distanzierte wie damals Ricky von Tic Tac Toe und Bernhard Hoëcker und Kaya Yanar überraschten mit der Aussage, dass sie, entgegen vieler Vertreter ihrer Generation, Rassismusdebatten begrüßen und dazulernen wollen. Aber alles wurde in den Schatten gestellt vom Auftritt Kai Pflaumes. Nachdem erst ein Schnipsel die Runde machte, auf dem Pflaume mit dem Youtuber Felix von der Laden zu sehen ist, wie sie auf den Rheintreppen ein Tik-Tok-Video machen, wurde Pflaume mit Häme überschüttet, es fiel mal wieder das Wort „Berufsjugendlicher”. Ich hab auch bei den Witzeleien mitgemacht, es war schon sehr cringe. Kurz darauf stellte sich aber heraus, wer der eigentliche Depp ist. Felix von der Laden tönte nachher auf Twitter rum, dass er die Aufnahme bereut. Wie uncool und unlieb. Im Gegensatz zu Kai, der einfach nur sein life lived. Und wir tragen doch alle gern Turnschuhe, am I right?

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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10 Dinge, die ich beim Rewatch von „(T)Raumschiff Surprise“ gelernt habe – Volkmanns Popwoche im Überblick
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