Highlight: Das sind die teuersten Platten, die jemals bei Discogs verkauft wurden

Jack White über Vinyl: „Es sollte immer Dinge geben, nach denen man suchen muss“

Musikexpress: Worin besteht die Faszination der Schallplatte, Jack?

Jack White: Für mich ist sie ein Stück Lebensqualität und Wohlfühlkultur – eben etwas zum Anfassen, Betrachten und Hören. Fast wie ein Kunstwerk, an dem man sich immer wieder neu erfreuen kann, das den Geist beflügelt und die Fantasie anregt. Ein Album oder eine Single auf den Plattenteller zu legen und die Nadel aufzusetzen ist wie ein Ritual – ein Zelebrieren von Musik, die man dann auch viel aufmerksamer hört. Einfach, weil man die einzelnen Teile des Puzzles – bestehend aus Artwork, aber auch Klang und Aussage des Songs – begreifen will. Das ist etwas viel Bewussteres als der Konsum einer CD, die ja kein richtiges Cover und zudem eine miserable Klangqualität hat.

Du verweigerst dich der CD?

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Im Auto lege ich schon mal eine ein, aber auch da überlege ich, ob ich nicht zur guten alten Kassette zurückkehren sollte. Computer mögen für bestimmte Sachen gut sein – für E-Mails und grafische Geschichten, aber eben nicht für den Sound. Da gibt es bessere Medien.

NASHVILLE, TN - MARCH 09:  A general view of Jack White's Third Man Records on March 9, 2013 in Nashville, Tennessee.  (Photo by Rick Diamond/Getty Images)
Das Hauptquartier von Jack White Thirds Man Records in Nashville (Foto: Rick Diamond/Getty Images)

Bist du ein großer Plattensammler?

Oh ja, ich habe mehrere Räume voller Schallplatten, streng sortiert nach Klangfarben und dann noch alphabetisch. Das ist mein System: Ich gehe nach Genre und Künstlername.

Welche ist deine wertvollste Platte?

Ich habe ein paar seltene Blues-Schellack-Platten aus den 30er-Jahren, auf die ich sehr stolz bin. Von Robert Johnson, Charley Patton und Blind Willie Johnson. Das sind richtige Schätzchen, die einiges wert sein dürften. Nur: Ich weiß nicht, wie viel – und ich will es auch gar nicht wissen.

Wie lange befasst du dich schon damit?

Seit frühester Kindheit. Ich hatte neun ältere Geschwister, bei uns zu Hause lief immer Musik. Ich habe da einiges mitbekommen, mich zuerst in Sachen wie die Doors, Pink Floyd und Led Zeppelin verliebt, später in Blues und Garagen-Rock, der war rauer und rebellischer. Den habe ich dann auch angefangen zu sammeln, und das tue ich bis heute.

Wie viele Exemplare hast du mittlerweile zusammengetragen? Hast du sie je gezählt?

Nein. Ich sammle nicht, um mich damit zu brüsten, sondern zu hören, wonach mir gerade ist. Für mich ist eine große Schallplattensammlung ein Ausdruck dafür, dass du Musik wirklich liebst – und bereit bist, da viel Mühe, Zeit und Geld zu investieren. Du beschäftigst dich intensiv damit, und stöberst gerne in der Vergangenheit: Das ist die Zeit, in der die besten Platten gemacht wurden – und sie sind alle auf Vinyl erschienen.

 

 

Schwingt da ein gewisser Kulturpessimismus mit? Unzufriedenheit mit moderner Musik?

Definitiv. Das meiste von dem, was an neuer Musik veröffentlicht wird, interessiert mich nicht. Es ist einfach nicht gut, nicht aufregend genug. Musik, die es schon gibt, wird wieder aufgekocht – einfach nur imitiert. Es scheint, als ob es den Musikern heute wichtiger wäre, einen bestimmten Bart oder irgendwelche ausgefallenen Klamotten zu tragen, als originelle, eigenständige Musik zu machen. Da konzentriere ich mich lieber auf die Originale.

Aber wie kamst du von da zu deinem eigenen Label? Was kannst du nur auf deinem eigenen Label veröffentlichen, was du nicht woanders findest?

Zunächst einmal ging es mir darum, die letzten 15 Jahre aufzuarbeiten. All die Veröffentlichungen der White Stripes, Raconteurs sowie die übrigen kleinen Projekte unter meine Kontrolle zu bekommen – auf Vinyl zu veröffentlichen, was es bei anderen Labels schon auf CD gab. Davor war Third Man ja nur ein Logo gewesen, ein Banner. Doch nun richtete ich mir darunter meine musikalische Heimat und Spielwiese ein, die es mir ermöglicht, alles zu tun, worauf ich gerade Lust habe.

Du hattest am Anfang weniger missionarische als eigennützige Beweggründe?

Aber bald schon kamen erste Sonderauflagen hinzu, die man nur im Abo erhält oder wenn man bei einer bestimmten Veranstaltung – wie einem Konzert in unserem „Blue Room“ – dabei war. Hier verbindet man die Platte mit einer besonderen Erinnerung. Das ist so ziemlich die Anti-These zur Maus- klick-Generation.

„Ich sammle Platten nicht, um mich damit zu brüsten. Für mich ist eine Schallplattensammlung Ausdruck dafür, dass du Musik wirklich liebst.“

Aber es gibt bei euch auch Gimmicks wie zum Beispiel Platten im Texas-Shape-Format. Können solche Gimmicks die Schallplatte retten, also auch ein neues Publikum gewinnen?

Warum nicht? Es geht darum, ein altes Publikum zurückzugewinnen und ein neues zu mobilisieren. Mit guter Musik, aber auch einer spannenden Verpackung. Wenn ich einen Jungen sehe, der zu uns in den Laden kommt und eine Platte kauft, weil sie im Dunklen leuchtet, dann weiß ich, dass ihn das auch auf musikalischer Ebene erreichen wird. Er wird sich die Platte anhören, noch ein paar andere Sachen ausprobieren und sich über kurz oder lang in den Blues verlieben – ob er will oder nicht.

Du fixt dein Publikum an …

Da habe ich keine Skrupel. Harte Zeiten verlangen nach harten Methoden. Im Vergleich zu früher gibt es heute so viele Medien, mit denen sich Leute unterhalten können. Dabei konkurriert die Musik vor allem mit Videospielen. Warum verkaufen sich Tonträger im Allgemeinen wohl so schlecht? Weil Klein-Johnny, wenn er aus der Schule kommt, erst mal ein Spiel zockt, bei dem er in eine andere Welt eintauchen kann. Das macht er dann sechs Stunden am Tag und braucht deshalb kein Musikalbum mehr. Wie kann man ihm da nahebringen, lieber Musik zu hören – ganz ohne visuelle Komponente? Es ist wahnsinnig schwer, mit dem zu konkurrieren, dem Kinder heutzutage ausgesetzt sind. Da muss man sich schon etwas einfallen lassen.

Und das ist bei diesem 100 Jahre alten Medium immer noch möglich?

Das Tolle an der Schallplatte ist, dass es tatsächlich immer noch Möglichkeiten und Wege gibt, etwas Neues zu entwickeln. Third Man hat zig Innovationen entwickelt, an die sich vorher noch niemand gewagt hatte. Wie eine Tripledecker-Platte, eine Single, die in einer Maxi versteckt ist, oder eine LP, die nach Pfirsich riecht. Das sind alles Dinge, bei denen einige Leute denken mögen: „Das sind doch nur Gimmicks …“ Aber: Ich liebe diese Sachen, weil sie das Kind in mir ansprechen – und weil ich weiß, dass sie einen ähnlichen Effekt auf andere haben.

Du veröffentlichst vor allem die Musik bereits bekannter Acts oder solche, die bei einmaligen Projekten entsteht. Wieso?

Ich schätze mich glücklich, nicht nach heißen, neuen Bands suchen zu müssen, um das Label am Laufen zu halten. Wir machen einfach Platten, von denen wir glauben, dass sie die Leute interessieren könnten und dass es richtig und wichtig ist, sie zu veröffentlichen. Es ist egal, ob wir davon 200 oder 200 000 Exemplare umsetzen. Wir wollen einfach, dass sie existieren. Sie sollen Musikfans und Sammler ansprechen. Viele Künstler achten da immer noch zu wenig darauf. Sie beschränken sich auf ein schnödes T-Shirt, das keiner braucht, während Third Man ausgefallene, rare und allein deshalb erstrebenswerte Dinge anbietet. Klar gibt es auch Leute, die das kritisieren, die sagen: „Veröffentliche besser nichts, wenn es nicht alle erwerben können.“ Aber ich sehe das anders. Ich finde, es sollte immer Dinge geben, nach denen man suchen muss.

Sammelst du alle Third-Man-Produkte?

Ich lasse mir von allen Tonträgern ein Exemplar zur Seite legen. Aber die erste Dead-Weather-Single, von der es nur 150 Exemplare gibt, fehlt mir auch. Die haben wir zur Eröffnung des Ladens in Nashville verschenkt – und leider ist nicht ein Exemplar übrig geblieben. Ich werde mir also irgendwann eins kaufen müssen – mal sehen, zu welchem Preis. Und von den White Stripes fehlt mir zum Beispiel die „Lafayette Blues“-Single mit dem handgemalten Cover. Davon gibt es nur 15 Exemplare. Die werden heute für 4 000 bis 5 000 Dollar gehandelt und sind verdammt schwer zu finden. Das ist gut für Sammler – und für mich. Denn ich empfinde es als Kompliment, wenn jemand bereit ist, so viel Geld für meine Musik zu bezahlen, sprich: wenn er sie als wertvolles Kunstwerk erachtet.

Dies ist ein Zusammenschnitt von vier Interviews, die Marcel Anders in den Jahren 2003, 2007, 2010 und 2012 mit Jack White geführt hat – und als Teil unseres sehr großen Vinyl-Specials in der September-Ausgabe des Musikexpress erschienen.

Rick Diamond Getty Images
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