Fotos und Nachbericht

Lollapalooza Berlin 2017, Tag 1: Marteria, Mumford & Sons, Beatsteaks und Verkehrschaos


Das Lollapalooza und Berlin scheinen auch 2017 ihre Probleme miteinander zu haben: Erst musste das Festival nach seinem Europadebüt 2015 am ehemaligen Flughafen Tempelhof in den Treptower Park umziehen und von dort weiter vor die Tore der Stadt, auf die Rennbahn Hoppegarten. Ein schönes, weitläufiges Gelände für ein eigentlich wunderschönes Festival, wie sich am Samstag zeigen sollte – wenn man es denn einmal bis dahin geschafft hatte. An- und vor allen Dingen Abreiseprobleme überschatteten den Samstag und damit unter anderem Live-Auftritte von Wanda, Bear’s Den, Beatsteaks, Marteria, Michael Kiwanuka und Mumford & Sons. Und von denen berichten wir Euch jetzt; erste Fotos vom Festival-Samstag sehet oben, weitere folgen am Montag.

Texte von Hella Wittenberg (hw), Alena Kammer (AK) und Daniel Krüger (dkr), Fotos von Hella Wittenberg (sofern nicht anders gekennzeichnet), Christina Wenig und Andreas Meixensperger

Wanda beim Lollapalooza Berlin 2017

„Ihr dürfts Euch gern a bissl bewegen“, ruft Marco Michael Wanda seinem Publikum schon recht früh und sehr fordernd entgegen. Ein bisschen unfair ist das schon, denn als Wanda ihren Slot am Nachmittag füllen, hat das Lollapalooza gerade erst begonnen und das Wetter ist ziemlich beschissen. Getanzt wird eher verhalten, zugeschaut und -gehört allerdings sehr gern, was auf der Bühne aber wohl nicht ankommt. 

Wanda beim beim Lollapalooza Berlin 2017

Die Menge vor der für Wanda viel zu großen Mainstage ist bei „Meine beiden Schwestern“ ein Meer aus schlechten Imitationen des österreichischen Dialektes, der da von der Bühne kommt. Und sie ist ziemlich entzückt von den Kippen, die der derbe Ficker in der Lederjacke da in den ersten Reihen verteilt. Ein Konzert zu ungünstigen Bedingungen und ohne nennenswerte Zwischenfälle. Am lautesten war wohl „0043“ von ihrem neuen Album NIENTE, weil es eben nicht gespielt, aber herbeigesehnt wurde. (dkr)

Queen-Cover und YOURS auf dem Popo: Beatsteaks beim Lollapalooza Berlin 2017

Beatsteaks beim Lollapalooza Berlin 2017

Hallo Klischee! Die Gute-Laune- Boys betreten breitbeinig die Bühne und schon entsteht am Himmel so etwas wie Sonne. Ein wenig später sogar die Mini-Form eines Sonnenuntergangs. Ist klar, dass die Beatsteaks Bock auf diesen Auftritt haben. Denen
scheint der Sonnenschein quasi aus dem Hintern – auf dem übrigens bei Arnim gleich noch der Albumtitel YOURS vermerkt ist. So wissen das jetzt wirklich alle. Und für alle, so betont er, sind die Beatsteaks schließlich da. Das wird insbesondere dann klar, als sie das Queen-Cover „I Want To Break Free“ anstimmen. Sie sind der erste Act an diesem Tag, der tatsächlich mal die Massen zu sich bewegt. Kein Wunder, schon beim fünften Song hält es Arnim nicht mehr auf der riesigen Mainstage aus, er schiebt sich in die Menge, animiert die Leute nachdrücklich zum Mitmachen anstatt zum Mitfilmen. Dieses Auftuchfüllunggehen funktioniert und schon bald entspricht der Bereich vor der Bühne eher einer Hüpfburg als einem 08/15-Gig. (hw)

Michael Kiwanuka beim Lollapalooza Berlin 2017

Michael Kiwanuka beim Lollapalooza Berlin 2017

Diese Alternative Stage, auf der er spielt, ist wirklich etwas ab vom Schuss. Anfangs ist sie kaum erleuchtet und nur wenige verirren sich dorthin. Aber wie herrlich entspannt das ist! Der Brite erweist sich als perfektes Kontrastprogramm zum Rest des
Festivalsamstags. Die Bühne kuschelig-gemütlich eingerichtet, seine Stimme samtend und warm, der Sound eine Retro-Welle Soul. Blöd nur, dass Marteria, der zwei Bühnen entfernt spielt, immer wieder dazwischentönt. Sobald es bei Kiwanuka etwas ruhiger wird und er mal nicht direkt ins Mikrofon schmachtet, schmettern die „Lila Wolken“ rein. Wäre dieses Soundproblem nicht so präsent, hätten er und seine wahnsinnig gute Band den Preis für die beste Show ohne mit der Wimper zu zucken hinterhergeworfen bekommen. So bleibt zumindest die Erinnerung an diesen Mann mit dem „Take A Stand“-Button, der nicht viel sprechen muss, um sein Charisma zu versprühen. Jeder, der es in diesen letzten Winkel des Geländes geschafft hat, stampft bei „Black Man in a White World“ intuitiv richtig mit. Allein das rhythmische Klatschen muss noch etwas geübt werden. (hw)

Mit Casper als Gaststar: Marteria beim Lollapalooza Berlin 2017

Die Hauptbühnen beim Lollapalooza sind groß, also wirklich sehr groß. Umso mehr muss man Marteria anrechnen, dass nicht nur in den ersten Reihen gesprungen, sondern auch ganz hinten getanzt wurde. Kinder, Muttis, Besoffene, Beatsteaks-Fans, Brandenburger und Briten: Auf Marteria konnten sich am Samstagabend alle einigen, was keineswegs schlecht gemeint ist. „Lila Wolken“ und „Marteria Girl“ sind seit Jahren Selbstläufer, mit „Das Geld muss weg“ und „Aliens“ hat Marten Laciny nun genug Hits für die ganz große Show beisammen. Und mit Arnim von den Beatsteaks, Miss Platnum und Casper sogar noch Bühnengäste im Ärmel, die den Lolla-Auftritt zu etwas Besonderem machen.

Als Marteria wie gewohnt halbnackt in der Menge badet und damit sein Konzert beenden will, wird die Zeit knapp. Nebenan warten schon Mumford and Sons, der Timetable im Hoppegarten ist strikt. Also wird Marterias Mikro abgestellt, obwohl die Fans und der Rapper eigentlich noch eine Runde herumspringen wollten. Ein unnötig bürokratischer Moment, aber ein schöner.  (dkr)

Bear’s Den beim Lollapalooza Berlin 2017

Bear’s Den beim Lollapalooza Berlin 2017

Bear’s Den entstammen der gleichen Folk-Szene wie auch Mumford & Sons, Noah & the Whale und Laura Marling. Ihre Musik klingt unverschämt englisch, die Harmonien und die Stimme von Andrew Davie treiben die Musik der Band an. Fan-Lieblinge wie „Clouds Above Pompeii“ und „Agape“ lassen die Massen langsam mitschunkeln, aber einen intimen Konzertmoment, wofür die beiden Briten bekannt sind, erschaffen sie nicht. Vielleicht lag‘s am Regen, der seicht wie die Musik auf die Besucher niederging. Diese Jungs sind rohe, echte Musiker, ohne großes Ego, die einfach lieben was sie tun. Bear’s Den steht die gespannte, geheimnisvolle Dunkelheit eines Konzertclubs trotzdem besser. Statdessen crowdsurft nun Christof van der Ven, der die Band auf ihrer Tour in Europa und Nordamerika begleitet, als Geburtstagsgeschenk zu den Banjo-Klängen seiner Kollegen. Hat doch auch was. (ak)

Mumford & Sons beim Lollapalooza Berlin 2017

Die Jungs um Markus Mumford standen am Samstag irgendwo dazwischen. Zwischen ihrer vermeintlichen Rock-Transformation mit E-Gitarre und ihrem alten Folk-Spirit. Verlassen der Wurzeln oder Weiterentwicklung? Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Genau wie ihr Konzert. Die ungewohnte, störende E-Gitarre und die Vertrautheit der Akustik-Gitarre und Banjo wechseln sich ab. Mumford & Sons haben die Fähigkeit, Gefühle von Ehrfurcht und Schmeichelei mit herzzerreißenden melodischen und strukturellen Komplexitäten zu zaubern, was Schwäche und Stärke zugleich ist. „Little Lion Man“ und „I Will Wait“ sind alte Bekannte, die man umschwänglich umarmt und nicht gehen lassen will. Es ist dieser unentschlossene Zustand zwischen alt und neu, zwischen Ebbe und Flut, der unterhaltsam ist, aber letztlich zu wenig überwältigend als Abschluss eines Festival-Abends. Interessant: der senegalesische Sänger Baaba Maal, der einige Songs vom JOHANNISBURG-Album spielt und afrikanische Klänge auf die Pferdewiese treibt. (ak)

Two Door Cinema Club beim Lollapalooza Berlin 2017

Es gibt diese Bands, die – sobald ein Lied ertönt – einen in eine andere Zeit mitnehmen. Two Door Cinema Club ist so eine Band. Fans versammelten sich gleich um die Alternative-Stage am sehr späten Samstagabend. Nachdem die Festival-Besucher gebeten wurden, doch noch „ein paar Minuten“ länger auf dem Gelände zu verweilen, weil jegliche Ausgänge verstopft sind, reihten sich vorsichtig einige Weitere vor die Bühne. Two Door Cinema Club verwandelten das Gelände in ein Indie-Disco-Paradies. Sofort legten sie mit Klassikern wie „Cigarettes in the Theatre“ und „Undercover Martyn“ vor, ließen zumindest Fan-Herzen höher schlagen und überzeugten auch die unfreiwillig auf dem Gelände gebliebenen Zuschauern mit ihren Melodien. Nach der ersten Hälfte voller Nostalgie, stellte die Band auch mit neuen Songs ihrer LP „GAMESHOW“ unter Beweis, dass sie ihren Touch nicht verloren haben. (ak)

Christina Wenig
Christina Wenig

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