Interview

Luisa Neubauer: „Wäre 2020 ein Album, würde es vorne und hinten nicht zusammenpassen“

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Dieses Jahr war ein Jahr im Ausnahmezustand. Pandemie, US-Wahl, gesellschaftliche Spaltung, Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt. Die Welt stand still und drehte sich zugleich immer schneller. Was man dabei ganz aus den Augen verlieren konnte: die größte Krise von allen. Weil man den Klimawandel aber nicht in den Lockdown schicken kann, haben wir mit der „Fridays For Future“-Aktivistin Luisa Neubauer über den Zustand unserer (Um-) Welt gesprochen – und darüber, wie das alles zusammenhängt mit Gerechtigkeit, Freiheit und dem Aufbrechen von Machtstrukturen.

Sie holte die Klimafrage von der Ozonschicht und aus den Ozeanen und brachte sie als Menschheitsfrage auf die deutschen Straßen, in die großen Talksendungen und vor die Parlamente. Luisa Neubauer organisierte mit Fridays For Future den wichtigsten Klimaprotest in Deutschland und wird nicht müde, die Politik an deren eigene Abkommen zu erinnern. Als eine, die sich täglich mit der „größten Gerechtigkeitskrise überhaupt“ befasst, ist sie Expertin für komplexe Zusammenhänge und genau die Richtige, um an der Grenze zwischen zwei Jahren zugleich zurück und nach vorne zu schauen.

Auf Instagram postest du regelmäßig Lyrics deiner Lieblingslieder. Welche Zeilen fassen für dich das vergangene Jahr gut zusammen?

Da fällt mir spontan „Fahrrad“ von Radiopilot ein. Das erinnert mich an die Nächte, in denen ich spät von Terminen nach Hause kam, total müde war und noch mehrere Stunden Arbeit vor mir hatte. Dann habe ich dieses Lied angemacht, und der starke Schlagzeug Einspieler bei der Zeile „Willst du mit mir Äpfel stehlen gehen“ hat mir jedes Mal Energie gegeben. Letztlich gehen wir bei Fridays For Future auch ununterbrochen „Äpfel stehlen“. Wir bewegen uns die ganze Zeit jenseits der Komfortzone.

Fahrräder, Äpfel, eine Prise Risiko – klingt wie ein adäquater Song des Jahres für eine Klimaaktivistin.

Ich glaube, musikalisch wäre dieses Jahr kein einzelner Song, eher ein Mixalbum. Es gibt kaum ein Jahr, in dem die Stimmungen so auseinandergelaufen sind. Würden wir dieses Jahr als Album abbilden, dann wäre es eins, das vorne und hinten nicht zusammenpasst.

Dann lass uns mal etwas Ordnung ins Jahr bringen. Fangen wir damit an: Was war für dich dieses Jahr die größte Enttäuschung?

Puh, da muss ich vorsichtig sein. Denn enttäuscht zu sein bedeutet ja, dass man vorher Hoffnungen hatte. Und ich habe gelernt, dass Hoffnungen selten hilfreich sind.

Findest du, dass Hoffnung eher bremst als beflügelt?

Abstrakte Hoffnung kann gut sein, doch konkrete Hoffnung hat so was Passives. Nach dem Motto: „Ich lehne mich zurück und hoffe einfach. Dann wird das schon.“ Diese Einstellung ist oft fatal. Im Fall der Klimakrise ist sie sogar tödlich. Stattdessen müssen wir uns alle die Frage stellen: Wie gehen wir mit dieser existenziellen Krise um?

Haben wir dieses Jahr zu viel gehofft und zu wenig gehandelt?

Ja. Dieses Jahr hätte das Jahr werden müssen, in dem wir etwas verändern, in dem klimapolitisch Berge versetzt werden. Zwar hat die Corona-Pandemie vieles an- und aufgehalten, aber eben nicht die Klimakrise. Die schreitet auch voran, wenn wir keine Zeit oder Lust haben, uns mit ihr auseinanderzusetzen.

Welche Themen haben wir zu sehr vernachlässigt?

Die Liste ist endlos. Wir müssen mehr über die Ozeanversauerung sprechen, über degradierte Böden, das Artensterben, die fossile Ausbeutung, das Waldsterben und Gesundheitsschäden durch Luftverschmutzung. Wir haben aus unseren Lebensgrundlagen eine Lebensgefahr gemacht.

Haben wir auch etwas richtig gemacht? Was können wir Gutes aus dem Jahr mitnehmen?

2020 war ein lehrreiches Jahr, das uns in vieler Hinsicht die Augen geöffnet hat. Wir haben gelernt, mit einer Pandemie umzugehen und dass wir Krisen ernst nehmen können. Wir haben gewagt, uns selbst etwas zuzumuten und ungeahnte Solidarität gezeigt. Wir wissen jetzt, wir können an einem Strang ziehen und die Gesamtsituation für alle verbessern, wenn wir es nur wollen.

Die Coronakrise hat uns also gezeigt, wozu wir fähig sind?

Genau, das war eine Erfahrung von Krisenbewältigung, die auch wegweisend ist für die Klimakrise. Die Klimakrise ist ebenfalls eine Zumutung, die viel von uns fordert. Dass wir uns mit wachem Blick der Wissenschaft zuwenden. Dass wir alle Vorbilder sind und uns ernst nehmen. Das ist wie in der Coronakrise, wo ganz klar ist, dass jede und jeder Einzelne einen Unterschied macht, wenn es darum geht, das Virus einzudämmen. Wir haben da aber auch etwas anderes gezeigt: Empathievermögen. Wir haben zugelassen, dass wir empathische Wesen sind.

Wir nahmen Rücksicht auf Risikogruppen, diskutierten über das Gehalt von Pflegekräften und gingen gegen Diskriminierung auf die Straße. Auch du hast für Frauenrechte und „Black Lives Matter“ protestiert und nach dem rassistischen Anschlag in Hanau kritisiert, dass zu wenige Leitartikel zu der Tat von Menschen mit Migrationshintergrund stammen.

Wir sollten infrage stellen, warum in den Chefredaktionen überwiegend weiße Männer sitzen. Das kann schlecht die Gesellschaft
repräsentieren, für und über die sie schreiben. Ich sehe vor allem die Medien in der Verantwortung, sich selbst kritisch zu hinterfragen: Wer wird hier gehört und gesehen, vielleicht überhört und übersehen? Man muss ihnen den Platz einräumen und
zugestehen, dass sie über sich selbst schreiben.

Welche Rolle spielt Rassismus in der Klimakrise?

Eine große. Vor allem in Amerika herrscht enormer Umweltrassismus. Kohlekonzerne verpesten mit ihrem Smog eher Orte, wo vermehrt People of Color leben. Dahinter stecken strategische Überlegungen, weil man hier weniger Gegenwind erwartet. Aber auch der Skandal um das verseuchte Trinkwasser in Flint, Michigan zeigt die systematische Benachteiligung von BIPoC-Communities.

Ist die Klimakrise aus diesen Gründen auch eine Gerechtigkeitskrise?

Ja, weil sie alle Ungerechtigkeiten verstärkt: zwischen Arm und Reich, zwischen weißen Personen und People of Color, aber auch zwischen Männern und Frauen. Die Klimakrise ist ein Produkt von weißen, reichen Männern in Chefsesseln der Industrienationen. Ihre Überwindung verlangt die Einbeziehung von Menschen aller Gruppen.

In diesem Sinne argumentiert auch die Wissenschaftlerin Vandana Shiva, dass Frauen einen sorgsameren und nachhaltigeren Umgang mit der Umwelt pflegen. Sind deshalb Frauen im Klimakampf so präsent?

Ich halte Klimapolitik nicht für ein weibliches Thema. Interessant finde ich, dass es überhaupt auffällt. In einer nicht-patriarchalen Gesellschaft wäre es ganz normal, dass viele Frauen vertreten sind. Dieser Reflex tritt ein, weil man es gewohnt ist, dass Männer in präsenten Positionen sind. Da fällt das niemandem auf. Erst sobald Frauen zum Gesicht einer Bewegung werden, sind die Leute irritiert.

Irritation ist oft ein Zeichen von Veränderung.

Das stimmt. Wir sind eine emanzipierte Generation, die Machtstrukturen hinterfragt. Für uns ist es nicht mehr selbstverständlich, dass die Männer Ansagen machen und Frauen hinterherlaufen. Es ist allerdings noch ein weiter Weg, bis wirklich Konsequenzen daraus gezogen werden und wir eine Aufweichung von patriarchalen Strukturen sehen.

Mit Klimaschutz verbinden viele Verzicht. Doch worauf müssen wir verzichten, wenn das Klima nicht geschützt wird?

Auf vieles verzichten wir schon heute. Wir verzichten darauf, auf einem sicheren Planeten zu leben. Wir verzichten auf saubere Luft, auf Essen ohne Chemikalien. Wir verzichten auch darauf, Menschen auf der ganzen Welt in die Augen schauen zu können. Wir verzichten auf ein reines Gewissen, indem wir mit unserem Lebensstil egoistisch Lebensgrundlagen auf der ganzen Welt vernichten.

Wo ziehen wir die Grenze zwischen individueller Freiheit und folgenschwerem Egoismus?

Wir haben eine verzerrte Vorstellung von Freiheit. Wir pochen auf unser Recht, unbegrenzt Auto zu fahren, zu fliegen, die Luft zu verpesten. Unendlich viel zu bauen und Böden zu versiegeln. Grenzenlos zu exportieren. Und immer berufen wir uns auf unsere Freiheit. Doch in diesen Momenten setzen wir Freiheit gleich mit einem Recht auf unbegrenzte Zerstörung.

In einem offenen Brief an Angela Merkel und die Regierungschefs der EU habt ihr im Sommer gefordert, die Klimakrise als wahre Krise zu behandeln. Unter den 124.000 Unterschriften waren die von Chris Martin, Annie Lennox, Leonardo DiCaprio – und sogar deinem Idol Billie Eilish.

Oh ja, Billies Unterschrift auf diesem Brief zu sehen, war ein krasser Fan-Moment. Ein schöner Nebeneffekt meiner Arbeit ist es, Menschen zu treffen, zu denen ich aufschaue. Und manchmal sind wir sogar gegenseitig Fan voneinander, dann bin ich immer ganz sprachlos. Als Jane Fonda in meiner ersten Podcast-Folge zu Gast war, sagte sie: „Luisa, it’s such a privilege to meet you. I have to learn so much from you.“ Das war echt surreal. Aber das ist auch ein Effekt der Klimafrage: Da verschieben sich Hierarchien.

Wie startest du ins neue Jahr?

Ich finde Vorsätze klasse. Nur die Umsetzung verläuft nicht immer so glanzvoll. Seit geraumer Zeit nehme ich mir vor, mehr zu schlafen. Katastrophal gescheitert ist auch mein Vorsatz, so viel Zeit draußen zu verbringen wie vor dem Computer. Es gibt aber auch Dinge, die mir gelingen: Jeden Tag in der Nähe von Natur zu sein, das geht sogar in Berlin. Genauso wie ich gerne einmal am Tag auf dem Kopf stehe. Das ist gut für den Blick auf die Welt – nichts ist, wie es scheint.

Und zu welchem Lied wirst du ins neue Jahr feiern?

Oh, wie konnte ich das vergessen: Laut singen und tanzen! Das gehört auch ganz oben auf die Vorsatz-Liste. Und an Silvester dann zu „Jerk It Out“ von Caesars.

Dieser Artikel erschien erstmals Musikexpress 01/21. Zu den weiteren Themen unseres Jahresrückblicks hier entlang.


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