Interview

Jalil im Interview: „Ich sehe meine Musik als Dokumentation der Realität“

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Beinahe wäre aus Jalil ein Profi-Basketballer geworden. Eine Sportverletzung ließ diesen Traum jedoch platzen und er entschied sich für eine Karriere als Rapper. Wenn der West-Berliner afroamerikanischer Abstammung, der in der Thermometer-Siedlung in Berlin-Lichterfelde aufwuchs, dabei von der harten Realität auf Berlins Straßen spricht, weiß er wovon er spricht. Auch erfuhr er als Jugendlicher bei Familienbesuchen in den USA, wie es sich anfühlt, sich auf Straßen zu bewegen, die von Gangs beherrscht werden. Diese Erfahrungen spiegeln sich auch in seiner Musik wieder, die zuweilen sehr düster und rough daher kommt. Dabei setzt Jalil, der eine Zeit lang zu Unrecht als der Sidekick von Fler wahrgenommen wurde, vor allem auf Authentizität und eine tiefe Stimmfarbe, die ihresgleichen sucht.

In unserem Interview sprachen wir mit dem Rapper über seine Zusammenarbeit mit 187-Strassenbande-Mitglied Bonez MC, seine Ambitionen als A&R für eine junge Deutschrap-Generation, rassistische Strukturen in der Musikbranche und das schwierige Verhältnis von politischem Aktivismus und Social Media.

Musikexpress.de: Lass uns mit etwas Aktuellem anfangen. Du hast vor Kurzem den Song „NBA“ mit 187-Strassenbande-Mitglied Bonez MC herausgebracht. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Jalil: Das ist eine organische Sache gewesen. Wir kennen uns schon ein paar Jahre und haben immer mal wieder Kontakt zueinander gehabt. Wir wissen, dass wir beide Basketball-verliebt sind. Irgendwann kam es dazu, dass wir mit ein paar Freunden zusammen auf dem Platz standen und gezockt haben. Bevor wir uns entschieden haben, zusammen Musik zu machen, haben wir uns privat angefreundet. Zuerst entstand der Song „Keep it real“ auf Bonez‘ Album und im Anschluss „NBA“ für mein Album.

Dann hat sich das Thema Basketball also von selbst ergeben. Wer kam denn auf die Hook?

Auf die Hook sind wir beide gekommen. Das ging zwischen uns hin und her. Ich glaube Bonez hat den Satz letztendlich gedroppt: „Für die NBA hat’s nicht gereicht.“ Davon abgeleitet kamen dann die ganzen Wortspiele mit den Basketball-Bezügen. Das war einfach eine Spielerei zwischen uns im Studio. Dabei haben wir uns halb totgelacht.

Ich frage auch deshalb, weil Du ja selbst nur knapp an einer Profikarriere vorbeigeschlittert bist.

Das lag eher daran, dass wir uns so viel über Basketball unterhalten haben. Aber ich habe ihm natürlich die Geschichte erzählt und dass Basketball mal ein großer Teil meines Lebens war. Vielleicht hatte er deswegen auch diesen Satz im Kopf. Die NBA ist schließlich das Ultimatum. Wir wollen doch alle in die NBA.

Wärst Du lieber Basketballer als Rapper geworden?

Früher habe ich mich oft gefragt, wie das gewesen wäre, wenn ich mich nicht verletzt hätte und wie mein Leben dann verlaufen wäre. Aber als Sportler trägst du ja auch viele Risiken. Wer weiß, ob ich international überhaupt eine Chance gehabt hätte. Es hätte auch später durch einen anderen Grund vorbei sein können. Ich bin einfach froh, dass das mit der Musik geklappt hat und ich meinen Weg gefunden habe. Das ist schließlich auch eine Leidenschaft. Nicht viele Leute mit zwei Leidenschaften können von sich behaupten, dass sie es auch nur mit einer schaffen. Bei mir ist nur eine von beiden Leidenschaften weggebrochen. Somit habe ich immer noch ein gutes Los gezogen.

„Ich will auch nicht so egoistisch sein und mich immer nur um mich kümmern.“

Auch in Deiner Musikkarriere hast Du Höhen und Tiefen erlebt. Du warst lange mit Fler unterwegs und bei ihm unter Vertrag. Dann kam die Trennung. Jetzt bist Du bei Sony. Hast Du das Gefühl jetzt angekommen zu sein?

Ich habe sogar mein eigenes Label bei Sony und bin mein eigener Chef. Ich musste natürlich viele Sachen erst mal lernen, was meine Pflichten als Künstler angeht. Auch ein gutes Team um mich herum zu versammeln hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Jetzt kann ich sagen, dass ich endlich die richtigen Leute um mich herum habe. Ich habe auch die Möglichkeit Sachen zu veröffentlichen wann und wie ich will. Das ist eine Freiheit, die man sich als Künstler eigentlich nur wünschen kann. Auch wenn ich morgen ankomme und sage, dass ich fünf Künstler unter Vertrag nehmen möchte, weil ich an die glaube, dann ist das schon sehr cool. Ich denke, dass ich als A&R ein gutes Ohr habe, um diese Talente zu erkennen. Irgendwann komme ich vielleicht in ein Alter, wo ich nicht mehr die Ambitionen habe zu rappen und mich mehr im Hintergrund bewegen möchte.

Soweit denkst Du schon?

Man muss realistisch bleiben. Irgendwann ist man einfach zu alt für Rap. Vielleicht fühlt man auch irgendwann neue Formen von Musik gar nicht mehr. Das kann 1000 verschiedene Gründe haben. Ich will auch nicht so egoistisch sein und mich immer nur um mich kümmern. Die Bandbreite und die Kenntnisse, die ich habe, können auch Leuten helfen, die vielleicht gar nicht meine Art von Musik treffen. Das ist ein sehr großes Ziel von mir.

„Wenn du nur Quantität lieferst, dann merken die Leute das und haben irgendwann keinen Bock mehr auf dich.“

Sich aktuell als Deutschrap-Newcomer zu behaupten ist ganz schön schwer. Der Markt ist ziemlich voll. Welche Tipps hast Du für eine junge Deutschrap-Generation?

Man muss auf jeden Fall konstant bleiben. Das musste ich mir in den letzten Monaten selbst auf die Fahne schreiben. Permanent Musik machen, permanent Auftritte haben. Du musst einen guten Output haben, aber gleichzeitig auf Qualität achten. Viele Künstler lassen sich zu sehr von anderen Künstlern inspirieren. Es bringt einfach nichts, wenn du die Kopie von irgendjemandem bist. Das Wichtigste ist, seinen eigenen Stil und seine Authentizität zu finden. Sei authentisch und konstant. Das würde ich jedem Künstler sofort unterschreiben und mitgeben.

Das mit der Geduld bei der Musikproduktion fällt glaube ich vielen schwer. Der Trend geht aktuell eher in eine andere Richtung. Kurze Songs, schnelle Videos bei Instagram, generell Schnelllebigkeit…

Die Qualität darf nicht darunter leiden. Es gibt natürlich Künstler, die permanent gut abliefern können. Auf internationaler Ebene würde mir da Lil Wayne einfallen. Der hat zu seinen besten Zeiten 5-6 Songs an einem Tag produziert. Aber nicht jeder kann das oder sollte das versuchen. Wenn du nur Quantität lieferst, dann merken die Leute das und haben irgendwann keinen Bock mehr auf dich. Man muss auch innerhalb eines Teams ehrlich zu sich sein und sagen können: „Das ist Schrott. Nimm das nochmal auf.“ Sonst bringst du nämlich tatsächlich nur Schrott raus.

„Ich sehe meine Musik als Dokumentation der Realität.“

Kommen wir zu Deinem eigenen Output: In dem Musikvideo zu „Top Boy“ geht es ziemlich heftig zur Sache. In fast jedem Frame sind entweder Waffen oder Drogen zu sehen. Man könnte fast meinen, Du glorifizierst sie.

Man muss den Leuten auch zeigen, womit man aufgewachsen ist. An sich sind das keine Sachen, die ich glorifiziere. Viele haben sich darüber aufgeregt, dass sich jemand in dem Video Heroin spritzt. Das sind aber Themen, die schon früh in meinem Leben stattgefunden haben. Meine Tante war drogensüchtig und hat Heroin genommen. Wenn du durch Kreuzberg und am Kottbusser Tor vorbeiläufst, dann siehst du diese Szenen. Das gehört auch zu Berlin. In diesem Sinne ist das für mich keine Glorifizierung, sondern eine Darstellung einer Gesellschaft im Schatten. In Filmen oder Dokumentationen kommt das ebenfalls vor. Darüber meckert auch niemand. Ich sehe meine Musik als Dokumentation der Realität.

Ein anderes Thema, über das viele schweigen, ist Alltagsrassismus. Den hast Du am Anfang Deiner Karriere am eigenen Leib erfahren müssen, als man Dir beim Label sagte, dass man Dich als Schwarzen Künstler schlecht vermarkten könne. Welche Beobachtungen machst Du aktuell in der Branche? Hat sich etwas verbessert?

Man müsste schon weit ausholen mit dem Thema Rassismus. Diese rassistischen Strukturen existieren auf jeden Fall immer noch. Sowohl in der Musikbranche, als auch in anderen Bereichen. Ich sehe aber auch viele Bemühungen, es besser und anders zu machen als damals. Das Problem ist allerdings, dass es für Schwarze Künstler wie mich hierzulande noch keine Lobby gibt. Vorbilder von Schwarzen Künstlern gibt es immer noch eher auf internationaler Ebene. Ich kann zwar nur von mir sprechen, aber ich glaube schon, dass sich Schwarze Kinder eher an Drake oder Kanye West orientieren. Das macht es für uns Schwarze Künstler in Deutschland schwer. Auch wenn es um den Kampf gegen Rassismus geht. Da fehlt einfach noch ein Fundament und Rückenwind von vielen Leuten. Aber ich sehe auch Entwicklungen. Ich glaube zudem, dass das Streaming da viel verändert hat. Dabei geht es ja mehr um einzelne Songs, als um die Image-Vermarktung eines einzelnen Künstlers. Wenn der einzelne Song gut ist, ist den meisten die Hautfarbe auch egal. Die Kontrolle und die Kreativität geht immer mehr in unsere Hände und das wird es in Zukunft einfacher machen. Eine positive Seite des Internet-Zeitalters.

Siehst Du Dich selbst als politisches Sprachrohr und als Aufklärer?

Ja. Aber als Künstler muss man da immer die gesunde Mitte finden. Am Ende wird mir Doppelmoral vorgeworfen. Die finden das dann komisch, wenn ich mich gegen Rassismus und gegen Gewalt ausspreche, obwohl Gewalt Teil meiner Texte ist. Ich versuche den Leuten zu erklären, dass das zwei verschiedene Ebenen sind. In den USA sind die größten Rapper auch Gang-Mitglieder und posten am nächsten Tag „Black Lives Matter“. Am Ende ist jeder für seinen eigenen Haushalt verantwortlich. Eltern sind in der Verantwortung, ihren Kindern das richtige Wissen und Weltoffenheit weiterzugeben. Ich versuche einfach mein Bestes zu geben und aufzuklären, wo ich es für richtig halte. Ob die Kids das am Ende annehmen und sich dafür einsetzen, ist eine andere Frage.

„Man muss die eigene Plattform nutzen, um aufzuklären.“

Meinst Du, dass so etwas auf taube Ohren stößt?

Vor einem halben Jahr haben alle ein schwarzes Bild gepostet, haben „Black Lives Matter“ geschrien und waren für drei Tage politisch aktiv. Wenn ein Rapper wie Sylabil Spill, der öffentlich gegen Rassismus kämpft, jetzt nach Unterstützung fragt, sind dieselben Leute nicht mehr da. Das zeigt leider, dass dieser Kampf für viele nur eine Trend-Erfahrung war. Ich sehe Künstler, die diesen Kampf täglich kämpfen, aber ich sehe auch die Leute, die es nicht tun und nur von dem Moment profitieren wollen. Das Gefühl hatte ich auch bei der Geschichte rund um die WDR-Sendung „Die letzte Instanz“. Vielen geht es nicht wirklich darum, nachhaltig was zu ändern. Ich versuche es auf meine eigene Art und Weise. Auf meinem kommenden Album wird es auch einen Song geben, der sich mit dem Thema Rassismus auseinandersetzt. Man muss die eigene Plattform nutzen, um aufzuklären. Wie zum Beispiel Enissa Amani mit ihrer Talk-Runde „Die beste Instanz“. Leider vergisst das Internet solche Themen immer schnell. Ebenso wie die Leute, die sich solche Fehltritte erlauben, weil sie denken, dass sich in drei Monaten sowieso niemand mehr darum kümmert, was da passiert ist. Das mit der Nachhaltigkeit ist wirklich ein Problem.

Kann es sein, dass bei vielen die Grenze zwischen Social Media und Realität verwischt? Auch bei politischen Themen?

Social Media und das Internet wird immer größer und weniger greifbar werden. Das wird zukünftige Generationen stark beschäftigen. Aktuell sieht man am Fall von Kasia Lenhardt, welche Ausmaße Cybermobbing haben kann. Solche Sachen können eklige Konsequenzen haben. Man darf nicht die Kontrolle darüber verlieren und man sollte aufklären, wo es geht. Wenn ich meine privaten Nachrichten lese, merke ich, dass ich einen positiven Einfluss auf Menschen haben kann mit der Musik. Also nutze ich das.

Eine gute letzte Überleitung zu Deiner eigenen Musik. Wann kommt das nächste Album?

Mein Album ist fertig und kommt am 26. März. Es wird RESET heißen und ist eine Mischung aus meinen letzten zwei Solo-Alben. Man hat den harten Vibe von DAS LEBEN HAT KEIN AIR SYSTEM, gepaart mit dem musikalischen Vibe von BLACK PANTHER. Inhaltlich möchte ich die Leute zu meinen Ursprüngen mitnehmen. Deswegen auch der Titel.


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