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Maifeld Derby: Hengste, Hirsche, Herzen

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„Jetzt geht wieder alles von vorne los!“, plärrt von Lowtzows Dirk aus den Boxen des Mietwagens und man weiß schon wieder nicht, ob es nicht pathetisch ist, diesen Song immer wieder auf die Playlist zu setzen, die einen zum ersten Festival der Saison begleitet. Vermutlich ist es das. Aber egal: Es passt nun mal wie der Arsch auf den Eimer wie der Großvater des Autoren sagen würde, wenn er noch leben täte. Denn kaum hat man das auf dem Maimarkt Gelände versteckte, aber sehr nette Derby gefunden, sind sie wieder da, die vertrauten Festival-Risiken und -Nebenwirkungen. Der Security am Zeltplatz nimmt einem die Bierflaschen weg (weil es Glaschflaschen sind, und auf dem Campingelände sonst Gäule galoppieren – macht also auch Sinn so), das Zelt müffelt noch ein wenig vom letzten feuchten Einpacken im vergangenen August oder September, die Heringe lassen sich nur mit dem Hammer der Nebencamper mühsam in den Boden dreschen. Und das war nur das Intro. Dass dann die jungen Nachbarmenschen noch die ganzen Tage und Nächte durchsaufen und -plauschen und nur zur Frittenbude aufs Gelände gingen, dass das Wetter kippt und die Zelte am Samstag erst durch einen Regenschauer geflutet und dann des Nächtens fast durch einen Sturm weggeblasen wird, dass ein Campingpärchen morgen früh und laut, sehr laut, eine Nummer schiebt, an der dann zwangsläufig alle Nachbarn teilhaben – all dass wusste man im jungfräulichen Moment der Ankunft ja noch nicht. Aber man hätte es sich ja denken können. Ist ja Festival. Die sind so. Alle Jahre wieder.

Zum Glück liegt der Grund, warum man wieder alles von vorne losgehen lässt, ja nur ein paar Schritte vom Zelt entfernt. In diesem Fall ist es das Maifeld Derby, das einen schon Mitte Mai an die Frischluft treibt. Das Festival heißt so, weil es auf dem Maifeld Gelände stattfindet  – und zwar auf dem Teil, auf dem sonst Hengste und Stuten um die Wette galoppieren. Aber wir wollen die Wallache dieser Welt natürlich nicht diskriminieren – die reiten sicher auch über die Pferderennbahn. An diesem Freitag und Samstag sind die einzigen Pferde, die man zu sehen bekommt, allerdings die hübsch gezeichneten auf dem Festival Merchandise. Ansonsten sind hier eher Hirsche angesagt: Spätestens, wenn man zum ersten Mal vom Wilden Hirschen gekostet hat, eine alkoholhaltiges Gebräu der Region, das dezent duselig macht – und einem dabei einen amtlichen Kopp verpasst, wenn man das nicht unleckere Zeug nicht gewohnt ist. Aber dagegen trinkt man dann einfach am nächsten Morgen eine Konterschorle mit Wein – auch das kennt man ja. Neben Hengsten und Hirschen fallen einem auch die zahlreichen Herzen auf, die in allen Farben und Formen an der kleinen Akustikbühne am Rande der Pferderennbahn hängen, die dann auch etwas schwülstig Parcours d’amour heißt. Drei weitere Bühnen gibt’s dabei: Eine kleine Open-Air-Bühne, ein Bierzelt mit Verstärker namens Play Me Room und ein Viermaster-Zirkuszelt, in dem sich die Hauptbands verlustieren. Was ganz praktisch ist, denn nicht nur hat man es da trocken, es kommt selbst gegen Nachmittag Clubstimmung auf, weil man im Dunkeln steht, wo so eine Lichtshow ja am besten wirkt.

Der Freitag war zunächst noch recht übersichtlich besucht, aber gegen Abend füllten sich die Reihen merklich. Vor allem Olli Schulz, der seit seinem Dauereinsatz bei Neo Paradise, schon viele junge Menschen ins große Palastzelt zog, wo sie dann die gewohnte Mische aus Jokes, Coverversionen und diesen Schulz-Songs, die oft besser sind als ihr Ruf. Ist eben nicht alles Klamauk, was der Herr da macht, obwohl der Part gerade überwiegt. Aber warum auch nicht: Ihm scheint es gut zu gehen und wer wäre man denn, wenn man sich wieder so depressives Liedgut wie den „Rückspiegel“ zurückwünscht. Auch Balthazar auf der Außenbühne waren am Freitag ganz munter, und sie ernteten Sympathiepunkte, weil deren Sänger besoffener schien, als man selbst zu dieser Uhrzeit – und da war es dann noch nicht mal elf Uhr durch. Auch Vierkanttretlager blieben in guter Erinnerung. Susanne Sunfor hingegen hatte tolles Licht, aber ihre dänische Düsternis war zur Tagesschau-Zeit vielleicht doch ein wenig too much. Nachdem man Balthazar zu den letzten Zeilen ihres Hits „Blook Like Whine“ zugeprostet hatte und sechs bis zwölf mal „Raise your glass to the nighttime and the ways / To choose a mood and have it replaced“ gesungen hatte, ging es dann mit der genau richtigen Betriebstemperatur zu Friska Viljor. Das Schwedenduo erträgt man in der Tat am besten betrunken. Nicht, weil sie schlecht sind, in keiner Weise, sondern weil ihre heiser-schrägen Folksongs wie „Shotgun Sister“ und „If I Die Now“ am besten auf Pegel funktionieren – das ist fast wie bei den Pogues. Hooded Fang machten dann im Palastzelt den Rausschmeißer als letzte Liveband, und spielten eine kruden Bastard aus Indie-Schmindie und Surf-Sounds. Muss man sich vielleicht noch mal in Ruhe anhören.

Der Samstag hatte dann im Vergleich ein wenig mehr zu bieten, was natürlich daran lag, dass der Live-Tag schon früher begann. Tim Neuhaus eröffnete mit einem Überraschungsgig am P’arcours d’amour und bewies, dass er mit jedem sichtbaren Körperteil ein Instrument spielen kann. Nur die Nasenflöte fehlte noch. Dafür gab es ein selbsgebasteltes Drumkit und eine Fußorgel. Das Highlight war allerdings eine  Coverversion: „Little Drummer Boy“ an einem noch sonnigen Frühlingstag zu bringen – das muss man sich erstmal trauen. Ausfälle gab es dann eigentlich keine: Me And My Drummer war niedlich wie immer, Orph vielleicht in ihrem grünen Fummel ein wenig zu far off (oder man war zu wenig verkatert), Dear Reader hübsch anzusehen und zu hören und Tu Fawning ein echtes Highlight. Wer sich bei diesem Set nicht in die Sängerin verliebt hat, die zugleich Schlagzeug spielt – und das breitbeiniger und männlicher als das der Manowar-Drummer je könnte – der fühlt auch sonst nix mehr. Das Unwetter mischte dann den sonst eher ruhigen Auftritt von John K. Samson auf, der sich mit Dauerlächeln durch sein Oeuvre spielte, das Songs aus dem Soloschaffen und der Weakerthans-Zeit umfasste. Während We Inventend Paris zuvor draußen zwischen Donner und Blitzen glorios untergingen – und dabei angeblich einen Verstärker plätteten.

We Have Band ließen dann die booties shaken und standen einem sehr dankbaren Publikum gegenüber. War aber auch schwer nicht mitzumachen, während ihre Sängerin die wildesten Moves machte und einen dabei mit ihren irgendwie dünnen aber irgendwie auch muskulösen langen Armen hypnotisierte. Die Blood Red Shoes hatten ebenfalls die Crowd auf ihrer Seite – los ging es mit „It‘ Getting Boring By The Sea“ – und dann war kein Halten mehr. Unglaublich, was diese beiden kleinen hübschen Menschen, für eine Aggression und eine Spannung auf die Bühne bringen können. Zu Frittenbude am Ende sah man dann auch zum ersten Mal die lauten Nachbarkids, die gröhlend einmarschierten und die erste Reihe enterten. Wo sie dann auch schon den Soundcheck abfeierten. Frittenbude machten dann das, was sie immer machen: „Sonne, Mond und Sterni“, Stinkefinger gegen Deutschland, „jung und abgefuckt abgefuckt im Takt“-Springen und einen Stampfer nach dem andern raushauen. Mal krude Textwirrnisse, mal Tiermetaphern, mal zerschossene Liebessongs, mal Parolenparty – und immer fragt man sich, wo denn bei diesem fetten Sound was rauskommt. Oder ob all die instrumentalen Parts bloß per Playstaste abgefeuert werden. Egal – Frittenbude funktionieren live ungefähr so gut wie Pommes Schranke, zumindest für die Kiddies, die sich ihnen verschrieben haben. Wer dann noch wollte, blieb noch bei den doomigen Instrumental-Prog-Songmonsters von Long Distance Calling, die aus der Ferne hallend, im Zelt liegend, geisterhaft perfekt klangen.

Tja, und ehe man sich versieht, ist man schon wieder durch das erste Freiluft-Festival der Saison. Und nächstes Wochenende? Geht das alles wieder von vorne los…

So war das Maifeld Derby in Mannheim: Einmal alles, bitte!


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