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Interview

Sibylle Berg: „Es gibt auch Leute, die onanieren zur Musik von DJ Ötzi“

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Ist Ihr Bett dann Ihre Social-Media-­Zen­trale, oder twittern Sie auch mal mit dem Smartphone, wenn Sie unterwegs sind?

Nein, unterwegs gehe ich nicht mal ans Telefon. Es belästigt mich. Das Einzige, was ich ohne Pause mache, ist Mails beantworten. Ich habe mir eine Mailbeantworter-App unter die Haut implantiert.

Sie reagieren wirklich schnell auf Mails! Und Ihr Sarkasmus macht sich auch in ­nahezu jedem Ihrer Texte bemerkbar. Ihre Auftritte bei „Schulz & Böhmermann“ wirken dagegen recht ernst. War das Teil einer wohlüber­legten Performance?

Das wirkt nur so, weil es beim Dreh so kalt war, dass ich nicht groß ins Lachen kam, weil mir sonst meine Mundhöhle vereist wäre.

Waren Sie froh, dass Micaela Schäfer in der Sendung nur ein eingewechselter Kurzzeitgast war? So mussten Sie immerhin ­keinen Text über sie schreiben.

War sie da? Hab ich gar nicht mitbekommen.

Knapp drei Minuten, ja. Sie sagten in ­einem Interview, eine Frau, die sich verkauft, ohne es zu müssen, ärgere Sie. Wenn Sie Frau Schäfer doch hätten beschreiben müssen, wie wären Sie das angegangen?

Och, jetzt lassen Sie mich mal mit Frau Schäfer. Ich finde sie eigentlich ganz süß. Vielleicht hätte sie nicht das Zeug zu einer Kyberneti­kerin – habe ich ja auch nicht. Ja, sich nackig machen ist nicht die schlauste Option, aber vielleicht verdient Frau Schäfer genug Geld damit, um sich einen schönen Hund zu leisten. Eigentlich ist es mir ein bisschen egal, was Leute so machen, solange sie anderen nicht auf den Wecker fallen. Wer nicht genug in der Birne hat, macht eben „Playboy“. Oder liest ­Einspieler vor.

Oder veranstaltet Lesungen. Für Ihre ­lassen Sie sich oftmals von prominenten ­Gästen begleiten.

„Prominente“: Das klingt aber komisch. Ich gehe ja nicht mit Helene Fischer oder Leuten aus dem Dschungelcamp auf die Bühne. Meistens nehme ich Bekannte mit. Allein ist es traurig. Lesungen sind auch traurig. Das Traurigste, was es gibt, neben kleinen nassen Hunden.

Sibylle Berg / me.GesprächSind Sie nicht gern allein?

Ich bin wunderbar allein. Das ist mein liebster Zustand 90 Prozent meines Lebens. Aber wenn ich schon in dieses seltsame Leben gehe, will ich Applaus. Morgens, auf dem Weg zum ­Kiosk: Spaliere bilden sich, Menschen klatschen. Ich betanke mein Moped: Jubelschreie. So in etwa.

Und der Applaus ist noch größer, wenn Sie sich die Bühne mit anderen teilen.

Ich versuche den Menschen etwas für ihr Geld zu bieten und bin auch bald mit Nightlinern unterwegs. Letztes Jahr waren Kreidler dabei, Christian Ulmen, Jan Böhmermann, Film und Feuerwerk. Das lenkt vom Vorlesen ab. Der Gipfel war ein Tag mit Frau Berg bei den ­Berliner Festspielen. Ich glaube, mit 60 Beteiligten. An mir ist eine brillante Las-Vegas-Showgestalterin verloren gegangen.

Sie könnten die direkte Nachfolgerin von Britney Spears werden.

Ich bin eher die Marlene Dietrich des Litera­turevents.

Sie haben in einem ­Interview gesagt, dass in Best­sellerlisten vor allem „Nicht­leserbücher“ ­erfolgreich sind. Woran liegt das?

Ich glaube, dass man viele Menschen eben nur mit Büchern erreicht, deren Stil sich nicht von dem von Magazinen ­unterscheidet. Mit ­einfachen Gedanken: gut, böse, schwarz, weiß. Bücher stehen heute in Konkurrenz zu TV-­Serien, Games und dem Netz. Da bleibt wenig Zeit für das Sichversenken in anspruchsvolle Gedankenwelten. Dazu kommt, dass ­Literatur schon immer ein Randgruppenphänomen war. Die Menschen, die „Shades Of Grey“ lesen, würden ja sonst nicht etwa Bücher von mir oder von Frau Jelinek lesen.

Sind solche Bücher denn weniger wert?

Als was? Als Bücher, die ich selbst nicht lese, weil sie selbstreferenzieller Quark sind? Nein. Bücher sind die Gedanken Fremder. Man muss ihnen zuhören wollen. Und ich will eben den meisten nicht zuhören.

Viele Menschen lesen gern Mösenbücher im Stil von Charlotte Roche, um sich zu ­empören und ihre Sehnsucht nach etwas zu stillen, das nicht ihrer eigenen Lebenswelt entspricht.

Viele Menschen lesen auch gern die Pimmel­bücher von Walser. So what?

Sie haben erst spät angefangen, Bücher zu schreiben, und sich zunächst in anderen Berufen durchgeschlagen. Hatten Sie zu großen ­Respekt davor, Schriftstellerin zu sein? Oder hatten Sie einfach Angst, die jugendliche Naivi­tät könnte Sie zu einem ­Mösenbuch inspirieren?

Nein, die Berufe, wenn Sie das denn so nennen ­wollen, waren Jobs. Ich habe Ozeanografie und Politikwissenschaften studiert und in ­diversen Bereichen gejobbt, so wie junge Menschen das eben machen. Ich dachte ­immer, ich würde Wissen­schaftlerin werden und nebenher ­schreiben. Nun, es hat sich dann anders entwickelt, was ich inzwischen bereue, weil ich denke, dass ich als Wissenschaftlerin mehr Ruhe ­gehabt hätte. Schreiben kann ja irgendwie jeder, und darum glaubt jeder, es auch beurteilen zu können. Mir war immer klar, dass man etwas ­zu sagen haben muss, wenn man professionell schreiben will. Über das Drogen- und Partyleben einer 20-Jährigen zu schreiben, das ich als Straight-Edgerin ohnehin nicht kenne, erschien mir wenig befriedigend. Also musste ich an meinem Stil feilen und die Welt verstehen, bis ich meinte, ­etwas zu sagen zu haben.

Mittlerweile scheinen Sie sehr viel zu sagen zu haben. Sie sind im Internet sehr aktiv. Reinigt Twittern die Seele?

Twittern ist eine Alternative zum Studieren des Periodensystems, wenn man in der Arbeit nicht weiterkommt. Ich denke nicht in Kategorien wie Fanpflege, Kom­munikation, PR, Seele ­reinigen. Meine Seele ist frisch gewaschen und hängt im Garten.

Ärgern Sie sich manchmal, wenn Sie zu viel Zeit im Netz vergeuden?

Nein. Wenn ich mich ärgere, höre ich auf.

Oder Sie lassen Ihre Wut in die Arbeit fließen: Dem Talkshowgast Gert Postel, einem Postboten, der sich als Chefarzt ausgab und deshalb im Gefängnis landete, attestierten Sie, er sei nur „schönes Fleischmaterial“.

Das ist das besagte Tourettesyndrom in Live-­Sen­dungen. Sorry, ist mir so rausgerutscht. Habe ich das wirklich so gesagt? Und vor allem: Was habe ich denn damit gemeint? Ich sprach nicht über Jason Momoa (US-­amerikanischer Schauspieler, bekannt aus „Game Of Thrones“ – Anm. d. Red.), sondern über Herrn Postel? Also keine Ahnung, was damit ge­meint war. Der mediale Aufschrei ist ja heute schon am Start, wenn man die Tageszeit falsch ­ansagt.

Foto: Katharina Lütscher
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