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#MeToo-Debatte

Das Schweigen der Männer

Dieser Text erschien zuerst im Musikexpress 01/2018.

Harvey Weinstein, Al Franken, Terry Richardson, Steven Seagal, Ben Affleck, Mark Halperin, Kevin Spacey, Val Kilmer, Russell Simmons, Ethan Kath, Matt Mondanile, Michael Oreskes, Jesse Lacey, Matthew Weiner, Twiggy Ramirez, Roy Moore, Brett Ratner, Andy Dick, Richard Dreyfuss, Oliver Stone, Alex Calder, John Singleton, Dustin Hoffman, Charlie Sheen, John Travolta, Louis C.K., Jeremy Piven.

Das ist eine unvollständige Liste von Männern, die in den Bereichen Film, Musik, Medien oder Politik tätig sind (oder nunmehr waren) und denen zwischen Anfang Oktober und Ende November 2017 öffentlich Fehlverhalten gegenüber Frauen und in Einzelfällen auch Männern vorgeworfen wurde. Die strafrechtlich relevanten Beschuldigungen reichen von sexueller Belästigung bis hin zu Vergewaltigung. Diese Liste mutmaßlicher Täter ist schon deshalb unvollständig, weil sie erstens lediglich vier sehr öffentlichkeitswirksame Branchen umfasst und weil sie zweitens eben Ende November geschlossen werden musste, beim Redaktionsschluss der aktuellen Ausgabe. Keine Ahnung, welche Namen seither noch dazugekommen sind. Womöglich wurde die Liste seither auch um deutsche Namen erweitert.

Kooperation

Facebook meldete, dass innerhalb eines Tages weltweit 4,7 Millionen Menschen #MeToo in Facebook-Posts benutzt hätten

Begonnen hat alles mit den journalistischen Enthüllungen in der „New York Times“ und im „New Yorker“ über den Filmproduzenten Harvey Weinstein. Eine Vielzahl von zum Teil äußerst prominenten Schauspielerinnen ließ sich in den dort erschienenen Texten namentlich zitieren mit erschreckenden Schilderungen von Weinsteins Verhalten ihnen gegenüber. Wenige Tage später, am 15. Oktober 2017, nutzte die Schauspielerin Alyssa Milano den bereits im Jahr 2006 von der afroamerikanischen Frauenrechtlerin Tarana Burke kreierten Hashtag #MeToo und schrieb auf Twitter: „If all the women who have been sexually harassed or assaulted wrote ,Me too‘ as a status, we might give people a sense of the magnitude of the problem.“

Innerhalb der folgenden zwei Tage wurde der Hashtag nach Angaben von Twitter dort dann 825.000 Mal verwendet; Facebook meldete, dass zum selben Zeitpunkt innerhalb eines Tages weltweit 4,7 Millionen Menschen #MeToo in Facebook-Posts benutzt hätten. Die Menge und Schwere der Anschuldigungen zunächst nur gegen Weinstein, die Bekanntheit des mutmaßlichen Täters und seiner mutmaßlichen Opfer in dem Fall, die schiere Masse der auf sozialen Medien danach geposteten Erlebnisberichte von Menschen jeglicher Herkunft und (Nicht-)Bekanntheit, die Opfer von sexistischem Verhalten bis hin zu sexualisierter Gewalt geworden waren, verübt von Männern: Diese drei Faktoren waren wohl entscheidend dafür, dass die Tage des Oktober und November 2017 womöglich einen gesellschaftlichen Wendepunkt darstellen, nicht nur in den USA.

Es hat auch zuvor Debatten über Sexismus und sexualisierte Gewalt gegeben; es gab auch zuvor Anschuldigungen gegen prominente Männer wie etwa Bill Clinton, Bill Cosby oder Bill O’Reilly; es haben auch zuvor Hashtags existiert, in Deutschland etwa #Aufschrei. Doch #MeToo, das wurde rasch deutlich, ist etwas Anderes, Größeres. Das ist nun wohl der richtige Moment, um in die Ich-Perspektive zu wechseln. Zunächst mal ist es ungewohnt, als Mann in einer Debatte um alltäglichen Sexismus und sexualisierte Gewalt gegen Frauen öffentlich das Wort zu ergreifen.

Ich wollte zumindest in meinem halbprivaten, eben sozialmedialen Umfeld das anhaltende Schweigen der Männer brechen

Der Musikexpress hier hat mich darum gebeten, nachdem ich am 17. Oktober einen längeren Post zu #MeToo auf Facebook geschrieben hatte. Ich habe mich dann bei der Redaktion versichert, dass es auch einen Text aus weiblicher Perspektive dazu geben würde. Begonnen hat es bei mir in meinem Facebook-Newsfeed am 16. Oktober. An diesem Tag haben mehr als 30 meiner Facebook-Freundinnen unter #MeToo Erlebnisse gepostet, teilweise auch nur diesen Hashtag. Doch bis auf zwei Ausnahmen hat sich kein einziger meiner männlichen Facebook-Freunde geäußert. Daraufhin wollte ich am Folgetag zumindest in meinem halbprivaten, eben sozialmedialen Umfeld das anhaltende Schweigen der Männer brechen. Jener mutmaßlichen, ja hoffentlichen Mehrheit, die persönlich keiner entsprechenden Tat verdächtigt wurde. Die sich aber keineswegs sicher ist, sich wirklich in jedem Augenblick ihres Lebens ganz richtig gegenüber Frauen verhalten zu haben, wie man es von ihnen erwarten müsste und wie sie es von sich selbst erwarten würden.

Die entscheidende Wirkung, die von #MeToo ausging, war aus meiner männlichen Sicht die Bestätigung dessen, was ich im Zweifel immer schon geahnt hatte, aber nur selten mir gegenüber offen ausgesprochen wurde: Vielen Frauen, mit denen ich eng befreundet bin, ebenso Kolleginnen und entfernten Bekannten ist Unrecht von Männern geschehen. Nun hatten viele dieser Frauen den Mut gefunden, zu offenbaren, was ihnen widerfahren war. Die Aufgabe von Männern, so schien mir, war jetzt, den Freundinnen, Kolleginnen und Bekannten dafür uneingeschränkten Respekt zu zollen. Und in einem nächsten Schritt nicht weiter nur denjenigen Männern das Wort zu überlassen, die sich zumeist im Netz in Kommentaren äußern – die Relativierer, Trolle, Hetzer, Frauenfeinde.

Nicht jedes Fehlverhalten verstößt gegen Gesetze. Verachtenswert kann es trotzdem sein.

#MeToo wird nur dann wirklich etwas ändern, in unseren Freundeskreisen, am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft, wenn Männer nicht nur endlich zuhören, sondern auch eine eigene Stimme finden in einem offenen, solidarischen Dialog mit Frauen. Davon bin ich überzeugt. Wir können nicht weiter schweigen. Auch wenn das Tückische an frauenfeindlichem Verhalten ist, dass es zumeist nicht in der Öffentlichkeit geschieht. Das gilt für die anzügliche E-Mail ebenso wie für die unerwünschte Berührung und schlimmstenfalls eine Vergewaltigung. Dass diese Taten juristisch sehr unterschiedlich bewertet und geahndet werden, ist zugleich richtig und in der momentanen Diskussion unerheblich. Einerseits wird es immer Rechtsverstöße geben, doch diese werden derzeit offenkundig nur selten angezeigt und dann strafrechtlich verfolgt. Andererseits erscheint es mir entscheidend, dass wir nun alle dabei mittun, die Strukturen zu verändern, die es Männern am Arbeitsplatz wie im Privatleben ermöglichen, sich frauenfeindlich zu verhalten – scheinbar ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Diese Folgen können und müssen nicht immer juristische sein. Nicht jedes Fehlverhalten verstößt gegen Gesetze. Verachtenswert kann es trotzdem sein.

#MeToo sei letztlich eine Reaktion auf die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, weil diese Wahl eine perfekte Metapher für das alltägliche Erleben vieler Amerikanerinnen gewesen sei

Die feministische Journalistin Rebecca Traister hat Mitte November für das „New York“-Magazin unter dem Titel „Your Reckoning. And Mine.“ einen der bisher klügsten, wichtigsten und weitsichtigsten Texte zum Thema verfasst. Er ist zu umfassend, um ihn hier zu referieren. Eine Reaktion auf seine Veröffentlichung war aber, dass Traister für einen Podcast des Online-Magazins „Slate“ interviewt wurde. Darin entwickelte sie eine These, die nicht in ihrem Text stand, jedoch eine Erklärung dafür liefern könnte, warum das alles jetzt geschieht – in den USA. Womöglich lässt sich daraus auch ablesen, wie es weitergehen könnte – nicht nur in den USA.

Traisters These lautet: #MeToo sei letztlich eine Reaktion auf die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, weil diese Wahl eine perfekte Metapher für das alltägliche Erleben vieler Amerikanerinnen gewesen sei. Etwa im Beruf, wenn es darum gehe, dass eine offene Stelle besetzt werde. Wie so oft habe es zwei Kandidaten gegeben für den Job, eine hochqualifizierte Frau und einen inkompetenten Mann mit einer persönlichen Historie frauenverachtenden Verhaltens. Den Job kriegt trotzdem der Mann. Ein Unding. Aber oft genug Realität. Hillary Clinton hat die Mehrheit der Stimmen der Amerikaner errungen und doch die Wahl verloren. Donald Trump ist Präsident. Die Wut und Enttäuschung vieler Amerikanerinnen darüber, erneut Zeuge der Benachteiligung einer Frau geworden zu sein – nun bei der Besetzung des höchsten Amtes im Staate – sagt Rebecca Traister, habe nach einem Ventil gesucht. Und die Enthüllung der wohl bald von Gerichten zu beurteilenden Taten Harvey Weinsteins sei der Augenblick gewesen, in dem das Ventil geöffnet wurde. Die Frage ist, was nun geschieht.

Um im Bild dessen zu bleiben, was man im Englischen einen watershed moment nennt: Ob die Masse der von Frauen geschilderten Erlebnisse einfach versickert. Oder das Gewässer, als das man die Gesellschaft in dieser Metapher begreifen kann, Bahnen findet und ein neues Flussbett formt. In Deutschland gibt es keinen Donald Trump. Und bis Ende November zumindest hat es auch keine Enthüllung ähnlich der über Harvey Weinstein gegeben. Und doch war auch in Deutschland #MeToo ein watershed moment. Das Weltumspannende der sozialen Medien hat ihn ermöglicht. Wie es weitergeht, wird sich aber nicht dort entscheiden. Sondern in unseren realen Leben, durch unsere Taten, den guten wie den schlechten.

Dirk Peitz ist Redaktionsleiter von „Wired“ Germany, schreibt für „Zeit Online“, und wir freuen uns, dass er die Zeit gefunden hat, auch für uns mal wieder als Autor tätig zu sein. Er schreibt für unseren Jahresrückblick über das Thema sexuelle Übergriffe, das, in dem Hashtag #Metoo verdichtet, eine Diskussion entfesselte, die auch vor Dirks Umfeld nicht haltmachte. Als er sah, dass über 30 seiner Facebook-Freundinnen diesen Hashtag posteten, verfasste er eine der ziemlich raren substanziellen Reaktionen aus der Sicht eines Mannes. So kamen wir schnell auf Dirk, als wir nach einem Autor für das Thema suchten. Er sagte unter einer Bedingung zu: Es müsse auch einen Text einer Frau zu #Metoo geben! Gibt es.

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