Melt! Festival: Die wichtigsten Auftritte 2016

Jamie xx

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Während Jamie xx im letzten Jahr noch vor einer völlig überfüllten Strandbühne auflegen musste, wird ihm ein Jahr nach seinem Debütalbum IN COLOUR gleich die Hauptbühne überlassen. Auch wenn sich das xx-Mastermind am Samstag um halb drei wieder als Meister hinter den Reglern beweist, verfügt sein Set nicht über die Energie und Magie, die es vor kleinerem Publikum versprühte. Joy Divisions „Atmosphere“ sorgt als Set-Opener zwar für Gänsehaut-Momente, für das nächste Melt! sollte Jamie sich jedoch wieder die Verstärkung seiner xx-Kollegen holen – zumindest für die Main Stage.

Tame Impala

Es ist frisch und kühl am Freitagabend auf dem Melt!, doch die Festival-Meute scheint sich bereits am Gedanken des ersten Headliners zu wärmen. Zahlreich strömen die Fans von Sleaford Mods und Isolation Berlin, wo sie sich schon mal warm gepogt haben, zur Melt! Stage und blicken sehnsüchtig der Bühne entgegen. Kurz darauf kommen Kevin Parker und seine Kollegen herangeschritten und nehmen das Publikum vom ersten Moment an für sich ein.
Die Australier Tame Impala scheinen auf der Bühne häufig in ihrer eigenen Welt zu versinken und ab und an möchte man meinen, sie haben das Publikum wortwörtlich vollkommen aus den Augen verloren. Doch nicht so an diesem Melt!-Abend. Die Band wird ihrem Ruf als psychedelisches Rock-Quintett gerecht. Nicht nur die schwindelerrengenden Animationen verdrehen den Zuschauern den Kopf, sondern auch die ausführliche und intensive Darbietung ihrer Songs, angefangen beim letztjährigen „Let It Happen“ über den ewigen Crowd-Pleaser „Elephant“ bis zu hin zu „Feels Like We Only Go Backwards“. Tame Impala beweisen, dass sie sich den Headliner-Slot mehr als verdient haben – noch am nächsten Morgen wird auf dem Zeltplatz über den Auftritt geschwärmt.

Deichkind

„P-O-W zum E zum R nach vorne bis zum Gehtnichtmehr“, heißt es so schön im Song „Limit“, das 2002 das altbekannte „Bon Voyage“ ablöste und 2006 von „Remmidemmi“ als Party-Hymne überschattet wurde. Doch es bezeichnet die Kernkompetenz von Deichkind ziemlich treffend: Power, Energie und Power. Und so legen die Hamburger auch an diesem Festivalsamstag los – auf der Bühne ist natürlich einiges los. Alles ist in Bewegung, inklusive der Band. Deichkind sind wahrscheinlich auch die einzige Combo, bei er es vollkommen angebracht ist, dass ältere Herrschaften in Kostümen synchron eine Choreografie zum Besten geben – und die Jugend läuft nicht kreischend, kopfschüttelnd davon. Im Gegenteil, das Konfetti fliegt, die Hüften bewegen sich und textsicher scheint das Publikum auch noch zu sein. Spätestens bei „Remmidemmi“ bebt der Platz vor der Hauptbühne, das Schlauchboot surft über die Menge und auf der Bühne versammelt sich alles, was Deichkind zu bieten haben: buntes Chaos aus Hüpfburg, Luftballons, Gehirne.

Sleaford Mods

Eine erfrischende Abwechslung zu den Indie-Bands auf den beiden großen Bühnen stellen Sleaford Mods dar. Das Duo aus Nottingham hat seinen ganz eigenen Charme. Die Bühne ist leer, drei aufeinandergestapelte Bierkästen dienen Andrew Robert Lindsay Fearn als Laptop-Ablage, während er nickend und tanzend mit Jogginghose bekleidet und mit Bier bewaffnet das komplette Set der Band freudig in die Menge grinst. Jason Williamson hingegen rattert seine Texte runter, so schnell kann sich das Publikum gar nicht bewegen. Manche wirken fast schon erschlagen von der Geschwindigkeit und der so andersartigen Bühnenpräsenz der beiden Briten.
Dessen sind sich die beiden bewusst, sie spielen gekonnt damit. Jason Williamson gibt sich seltsam, ein wenig aggressiv und dauer-wütend. Dennoch entschuldigt er sich artig für sein Heimatland. Es lohnt sich, anders und vielleicht auch ein wenig komisch zu sein. Sleaford Mods liefern einen der Auftritte des Festivals ab.

CHVRCHES

 

Mit Jamie xx und Disclosure sind CHVRCHES der dritte große Act auf der Main Stage, der im letzten Jahr ein Album veröffentlichte und auch nicht das erste Mal auf dem Melt! spielt. Mit ihrer Mischung aus leichtem Elektro-Pop und aggressivem Ballermann-Techno bereitet die schottische Band das Publikum perfekt auf den finalen Headliner Disclosure vor.

Roosevelt

Marius Lauber war einst Mitglied der Indie-Rock-Band Beat!Beat!Beat! Seit drei Jahren macht er unter dem Alias Roosevelt entspannten Elektro-Pop mit Einflüssen aus Italo Disco und Psychedelia. Damit bringt der Wahl-Kölner am frühen Freitagabend alle – von Indie-Kid bis Raver – zum Tanzen. Einen besseren Act zum Start in das Festivalwochenende hätte es wohl nicht geben können.

Digitalism

Das Hamburger Duo Digitalism hat bei seinem sechsten Melt-Auftritt am Sonntagabend die Ehre, zwischen CHVRCHES und Disclosure auf der Medusa Stage zu spielen. Dementsprechend dicht wird es zum Live-Set von Jence und Ismail Tuefekci. Die verstecken sich hinter einem transparenten Vorhang, auf den dezente Visuals projiziert werden. Anstelle ses dem normalen Melt-Hipster-Publikums zieht der treibende Großraumdisko-Sound des Duos ein Publikum an, das an sachsen-anhaltinische Dorfdisko-Gänger erinnert. Und das zieht pünktlich zum Beginn von Disclosure auch schon wieder weiter auf die benachbarte Hauptbühne.

Peaches

Peaches steht über allem oder im Fall des Melt!-Festivals über allen. Auf der Bühne steht sie auf einem Podest, selbstverständlich in skurrilem, hautengem Kostüm und mit erhabener Attitüde. Aber Peaches darf das, sie darf auch ihre zwei Tänzer, die mal als weibliches Geschlechtsteil, mal als Lack&Leder-Fantasie auf die Bühne hüpfen, von ihrem Podest vertreiben. Sie klettert auf ein Gerüst, thront auf der Absperrung über der ersten Reihe – bis auch jeder mitbekommen hat, dass Peaches da ist und die Aufmerksamkeit der Melt!-Besucher einfordert. Und die kriegt sie bedingungslos.

DMA’S

Bei den wenigen Gitarrenbands auf dem Melt! fällt der Hang zur Nostalgie noch deutlicher auf: Während Drangsal den britischen New Wave der 80er-Jahre huldigt, widmen sich die DMA’S aus Australien dem Brit-Pop. Dabei kommt das Trio wie ein zu brav geratener Verschnitt von Oasis daher. Dafür ist der Auftritt auf der Main Stage am frühen Sonntagabend trotz Sonnenschein auch einer der am wenigsten besuchten des gesamten Wochenendes.

Skepta

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Während die Grime-Legende Skepta eine Woche zuvor noch auf dem Splash Festival gastierte, fand der Londoner schnell wieder zurück nach Gräfenhainichen. Dass Skepta durchaus Relevanz auf dem Melt! hat, beweist nicht nur ein energiegeladener Moshpit, sondern auch Kevin Parker von Tame Impala, der sich Skeptas Show vom Bühnenrand ansieht. Direkt vor seinem Auftritt hatte Skepta mit seiner Boy Crew selbst im Publikum ausgelassen zu Tame Impala getanzt.

Ho99o9/Lady Leshurr

Neben wenigen Gitarrenbands, Mainstream-Dance und sehr viel Techno war auch ein bisschen Hip-Hop auf dem diesjährigen Melt! vertreten. Auf der von Modeselektor kuratierten Melt! Selektor Stage lieferte die amerikanische Hip-Hop-Crew Ho99o9 aus the OGM mit einem Schlagzeuger den wohl ohrenbetäubendes und aggressivsten Auftritt des gesamten Festivals. Einen weiteren Melt-untypischhen Act gibt es am Tag darauf mit Lady Leshurr aus Birmingham, die zwar Gräfenhainichen permanent als Berlin bezeichnet, dass aber mit ihrer Energie doppelt wett macht. So wie sie das Publikum vor der Melt! Selektor Stage in verschiedenste Moshpits einteilt, könnte man glatt denken, dass man nicht auf einem Festival, sondern im Urlaub mit Animateur-Programm ist.

Disclosure

Mit ihrem Debütalbum SETTLE hat das britische Geschwister-Duo aus Guy und Howard Lawrence durchaus relevanten House-Pop vorgelegt. Letztes Jahr haben die beiden das zweite Album CARACAL veröffentlicht, in diesem Jahr die EP „The Face“. Und doch ist das, was Disclosure mit ihrem Live-Set darbieten, so ziemlich 2013. Denn am besten werden vom Publikum die großen Songs vom Debütalbum aufgenommen, die die Brüder nicht live singen, sondern vom Band abspielen. Eben so fasst dieser letzte Auftritt auf der Main Stage alle Probleme des Melts! in diesem Jahr zusammen. Während das Team Umgestaltungen auf dem Gelände mit neuen Bühnen liebevoll und gelungen umgesetzt hat, war man beim Booking in diesem Jahr vorsichtiger. Mit Disclosure, CHVRCHES und Two Door Cinema Club wurden Bands gewählt, die beim internationalen und jungen Publikum ankommen. Und so ist das diesjährige Melt! nicht etwa vollkommen neu konzipiert, sondern nur mit noch schönerer Location ausgestattet worden.

Andreas Meixensperger
Andreas Meixensperger

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