Neu im Kino: „I Origins“, eine Familienzusammenkunft voller Turbulenzen und Tom Schilling als Hacker

von

Film der Woche:

„I Origins“

USA, Regie: Mike Cahill, Darsteller: Michael Pitt, Brit Marling, Astrid Bergès-Frisbey

Mike Cahill blickt in das Fenster der menschlichen Seele

Dr. Ian Gray (Michael Pitt) ist Molekularbiologe und seine Leidenschaft das menschliche Auge. Ob blau, grün, braun, mit großen oder kleinen Pupillen, Flecken oder klarem Blick: Über die Jahre hat er ein umfangreiches fotografisches Archiv an Augenpaaren angesammelt und will mit eben diesen Bildern die Evolutionsforschung vorantreiben. Laborpartnerin Karen (Brit Marling) ist mit von der Partie, als er sich daran versucht, Würmern das Augenlicht zu schenken. Auch im Privatleben ist Ian Gray zielstrebig: auf einer Kostümparty lernt er die ungewöhnliche Sofi (Astrid Bergès-Frisbey, „Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten“) kennen und setzt sich sofort in den Kopf, mit dieser Frau den Rest seines Lebens zu verbringen. Zwischen dem störrischen Naturwissenschaftler und der religiös veranlagten Sofi entwickeln sich jedoch alsbald schwer zu überwindende Diskrepanzen: Während er in seinem Job gerne Gott spielen möchte, glaubt sie in allen Lebenslagen stets an die Macht des Schicksals und lehnt jede Fremdeinwirkung in die natürlichen Abläufe der Evolution strikt ab.

In seinem zweiten Spielfilm vermischt Regisseur und Drehbuchautor Mike Cahill („Another Earth“) erneut wissenschaftliche Themen mit Romantik- und Science-Fiction- Elementen. Cahills einstige Studienkollegin (und Mitautorin von „ Another Earth“) Brit Marling übernimmt diesmal lediglich eine Nebenrolle – der Fokus liegt auf Michael Pitt („Boardwalk Empire“) als ehrgeiziger und neugieriger Wissenschaftler, der sich mit den großen Fragen der Menschheit herumschlägt: Sind wir tatsächlich so einzigartig und einmalig wie wir es gern glauben würden? Bis zu welchem Punkt ist es moralisch vertretbar mithilfe von technischem Know-how zu forschen – und zu handeln? Ist das menschliche Auge wirklich das Fenster zur Seele (darauf bezieht sich auch der doppeldeutige Filmtitel: „I“ klingt im Englischen wie „eye“)? Ist die Reinkarnation des Menschen möglich?

Mike Cahill gibt im Rahmen seiner Filme nur allzu gerne den Pseudo-Wissenschaftler und scheint die Leidenschaften seiner Protagonisten mit der gleichen Intensität zu teilen. Dennoch lässt er in dieser Geschichte viel Raum für vage Gefühle der Ungewissheit und Andeutungen unheimlicher Vorkommnisse. Dieses wird in der Mitte des Films auf die Spitze getrieben, als sich das ungleiche Paar Ian und Sofi so nah wie nie kommt – und zugleich weiter entfernt von einander ist, als als je zuvor.

Cahill liebt es, schier endlos in alle Richtungen zu philosophieren, ohne aber den letzten Schritt in die wirkliche Tiefe zu gehen. So hinterlässt dieses Low-Budget-Drama den Zuschauer aufgrund der vielen aufgemachten Brüche in Schockstarre – und zugleich doch auch ein bisschen verliebt in die von „I Origins“ angebotene Zukunftsvision.

AUßERDEM NEU IN DEN KINOS UND MIT EINEM EIN-SATZ-SCHNELLCHECK AUFGEFÜHRT:

EIN SOMMER IN DER PROVENCE

Bekannte Namen: Jean Reno

Ein Familienurlaub voller Streitereien und Konflikten zwischen Jung und Alt vor malerischer Kulisse.

Gehen wir rein… um in Sommer-Erinnerungen zu schwelgen.

LIKE FATHER, LIKE SON

Bekannte Namen:  Masaharu Fukuyama

Eine Familie erfährt sechs Jahre nach Geburt ihres Kindes, das es im Krankenhaus zu einer Verwechslung der Babies kam und es muss nun entschieden werden wie mit dieser schwerwiegenden Neuigkeit umgegangen wird.

Gehen wir rein… wenn wir mehr über das Gewicht von Vaterschaft und Familie aus der Sicht von Hirokazu Koreeda erfahren wollen.

PHOENIX

Bekannte Namen: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld

Eine Frau überlegt Ausschwitz – jedoch nur höchst entstellt. Ihr Mann glaubt sie sei tot und erkennt sie auch nicht wieder als sie schließlich vor ihm steht. Und so beginnt ein unterkühltes Doppelgänger-Spiel.

Gehen wir rein… wenn wir das Christian Petzold-Team Hoss und Zehrfeld nach „Barbara“ wieder gemeinsam vor der Kamera ihren Zauber versprühen sehen wollen.

SIEBEN VERDAMMT LANGE TAGE

Bekannte Namen: Jason Bateman, Tina Fey, Jane Fonda

Vier Geschwister kehren nach dem Tod ihres Vaters in ihr Elternhaus zurück und verbringen dort gemeinsam eine von starken Turbulenzen geprägte Trauer-Woche.

Gehen wir rein… falls wir Lust auf einen Film à la „Im August Osage County“ haben.

WHO AM I

Bekannte Namen: Tom Schilling, Elyas M’Barek, Wotan Wilke Möhring

Aus dem Spaß am Hacken wird bitterer Ernst als BKA und Europol den Hacker-Trupp „CLAY“ ins Visier nimmt.

Gehen wir rein… wenn wir uns kluges Unterhaltungskino mit Star-Besetzung wünschen.


U2s „THE JOSHUA TREE“ ist eine hirnige Lehrstunde in Pädagogen-Folk
Weiterlesen