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Reunion Tour: So war die Show von Neutral Milk Hotel in Berlin

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Man hat es fast schon vergessen, dieses Gefühl. Wie es ist, im Halbdunkel des Konzertsaals zwischen sich und der Band nur einen Wald aus Hinterköpfen zu sehen und nicht lauter kleine Bildschirme, durch die man das Geschehen verpixelt und gefiltert, irgendwie gestört wahrnimmt. An das völlige Fotografier- und Filmverbot, das Neutral Milk Hotel dem Publikum auferlegt haben, hält sich an diesem Abend des 5. August 2014 im Berliner Postbahnhof erfreulicherweise jeder. Eine Maßnahme, die vor allem eine gute Sache zur Folge hat: Sie lässt die Band nicht wie eine museale Erscheinung daherkommen. Und wer nach anderthalb Jahrzehnten des Schweigens auf eine Reunion-Tour kommt, läuft durchaus Gefahr, das zu tun.

Doch bei Neutral Milk Hotel wirkt live Vieles anders, als man es bei anderen Bands sieht, die nach phasenweiser Inaktivität endlich den verdienten Ruhm einheimsen. Nicht nur die fehlenden Bildschirme, auch der Verzicht auf jeglichen Bühnenschmuck (bis auf ein kleines, angeleuchtetes Deko-Lamm) lassen vielmehr das Gefühl aufkommen, dass man eine kleine Zeitreise ins Jahr 1998 unternommen hat, in eine Parallelwelt, in der Neutral Milk Hotels Album IN THE AEROPLANE OVER THE SEA schon damals die Anerkennung bekommen hat, die es heute verdient.

Auch der Sound leistet dazu seinen Beitrag: Die Lieder, egal von welchem der beiden NMH-Alben, sind in der Live-Umsetzung maximal auf Lo-Fi getrimmt und klingen mehr wie Demos der späteren Originale. Das Schlagzeug poltert gerne mal ein bisschen neben dem Takt, die singende Säge gesellt sich angenehm schief dazu, auch die Bläser sitzen nie so perfekt, wie man sie von Platte kennt – je unperfekter, desto sympathischer.

Doch das entscheidende Element im NMH-Sound bleibt auch an diesem Abend völlig makellos: Jeff Mangums Stimme. Für Viele ist es sicher das erste Mal, dass sie ihn in Fleisch und Blut vor sich haben, mit seinem schulterlangen Haar, dem Rauschebart und einer tief bis zu den Augenbrauen gezogene Schirmmütze. Man mag es gar nicht richtig wahrhaben, dass man dieses Mysterium tatsächlich einmal zu Gesicht bekommt. Und zu Gehör: Gerade die Stücke, in denen Mangum solo mit Gitarre auftritt und die Band kurz Pause hat, geraten zu den Höhepunkten des Abends. Bei “Two-Headed Boy” (im ersten und zweiten Teil) sitzt jede Note, “Oh Comely” wird so ekstatisch zelebriert, als hätte es Mangum gerade erst geschrieben. Trotz völliger Textsicherheit schweigt das Publikum lieber in den leisen Momenten, lediglich das Gläserklirren von der Barfrau erinnert einen daran, dass man doch in der Gegenwart ist.

Einen Gag reißt der sonst sehr zurückhaltende, fast schon peinlich berührte Mangum dann doch: Ob man nicht “Da Da Da” von Trio covern sollte. Der mit seiner Mütze wie ein Hofnarr wirkende Multiinstrumentalist Julian Koster stimmt schon mit ein, doch man entscheidet sich lieber für “Ruby Bulls” – und nach 18 gefeierten Songs für “Engine” als schönen Schlusspunkt, der einem zwei Gedanken mit auf den Heimweg gibt: 1. Es gibt Bands, die sich auf Reunion-Tour nicht selbst entwürdigen, sondern sich erst jetzt das Denkmal setzen, das ihnen gebührt. 2. Es hat schon seit 13 Jahren kein neues Album mit Jeff Mangums Beteiligung gegeben. Dafür, dass er einer der größten seiner Zunft ist, ist das ganz schön schade.

Neutral Milk Hotel live 2014 im Berliner Postbahnhof – die Setlist:

1. The King of Carrot Flowers Pt. 1

2. The King of Carrot Flowers Pts. 2 & 3

3. Holland, 1945

4. A Baby For Pree

5. Gardenhead/Leave Me Alone

6. Everything Is

7. Two-Headed Boy

8. The Fool

9. In The Aeroplane Over The Sea

10. Naomi

11. Ferris Wheel On Fire

12. Oh Comely

13. Song Against Sex

14. Ruby Bulls

15. Snow Song Pt. 1

Zugaben:

16. Ghost

17. (Untitled)

18. Two-Headed Boy Pt. 2

19. Engine

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