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Sleep Sleep


Staatsakt/Caroline/Universal

von

Soloalbum. Das klingt so bräsig. Nach Klampfentum, nach dem Freilassen des inneren  Donovans. Andreas Spechtl verschont uns mit derlei Ungemach, was nur logisch ist: Für Songs im strengen Sinne hat er mit Ja, Panik ein Gefäß, das es immer wieder aufzufüllen gilt, und wo das Erzählerische ohnehin seine Aufgabe ist. SLEEP, manche hören hier vielleicht zu lesen auf, kommt also ohne die deutschen Texte Spechtls aus. Wer weiterliest, wird mit einer erleichternden Feststellung belohnt: Die Platte ist kein Soloalbum im klassischen Sinne, sondern eher eine freie Interpretation auf die schönsten Hauptsache der Welt, den Schlaf, die keinesfalls ganz alleine entstand: Neben Spechtl hören wir auch Staatsakt-Multifunktionszauberer Chris Imler an der Trompete, Saxofon spielt Rabea Erradi von der Heiterkeit.

Die Musik lotet Zwischenorte und -zustände aus und ordnet diese recht klischeefrei dort ein, wo gerade Platz ist. Gesang spielt eine untergeordnete Rolle, eher sind es die verschiedenen Ebenen des Klangs, die den Ton angeben. Hier haben wir es mit einem losen Verbund verschiedener Einflüsse zu tun. Dass man Byrne und Eno heraushört, ist eine mäßige Überraschung, es geht aber dann doch deutlich weiter. Dub scheint eine Rolle zu spielen, als Hörer muss man aber auch an die Smithsonian-Folkways-Aufnahmen denken, an Postrock der Chicago-Schule, und manchmal verliert sich alles im White Noise. Gemeinsam führt all das zu einer bemerkenswert klugen Pluralität, die mit der Musik von Ja, Panik sehr wenig zu tun hat.

Die Maßeinheiten des klassischen Songs, wie man sie in „Sister Sleep“, dem Opener dieses Albums, noch kurz zu erkennen glauben mag – man liegt mit dieser Vermutung grandios falsch, bis zu dieser Erkenntnis dauert es allerdings ein paar Hördurchgänge –, werden schon vom folgenden „Hauntology“ beiseitegewischt, wo das Saxofon über verhuschten Echo-Tapeten schwebt, wo es flirrt und knattert, dass es eine Freude ist.

In der Folge bleibt Spechtl meistens im Downtempo, aber eben nie in einem Genre. So entsteht eine Art neue Neue Musik, die Türen öffnet und anderes reinlässt, etwa Chorsätze in „After Dark“, so eine Art Western-Twang in „Time To Time“, die türkische Kas­tenhalslaute Kemençe und einmal sogar einen ganzen Song: Das zentnerschwere Traditional „­Duérmete Niño“ wird von Spechtl – nein, eigentlich nicht dekonstruiert – eher baut er dem Song einen zusätzlichen Raum an, vielleicht einen Wintergarten, in dem im nächsten Song „Cinèma Rif“ alle gemeinsam ihren Kaffee trinken, ihre Zigaretten rauchen, bevor am Ende der Platte der neue Tag beginnt.

„It’s just a boda ride from here to sunlight“, singt Spechtl fast zärtlich in „Jinja Nights“, das Saxofon weint, und genau in dem Moment, in dem wir denken, dass das jetzt ja doch wieder so eine Art Pop ist, der sich in einem etwas anderen Gewand auch auf einem Ja, Panik-Album finden hätte können, hören wir es davonbrausen ins Unbestimmte, das Boda, das ein Motorradtaxi in Uganda ist, mit Spechtl und, so erzählt man sich, Robert Stadlober als Kompagnon. Irgendjemand hat ein Tonband mitlaufen lassen, aus der Ferne erklingen Dialogfetzen, Hintergrundgeräusche, das An- und Abschwellen von Motoren. Plötzlich sind wir nicht mehr Zuhörer einer Platte, sondern Teilnehmer, Zaungäste einer Realität, die wir aber nicht genau erkennen. Erzählt Spechtl da am Ende etwas über Schlaglöcher? Sagt er wirklich „Ja, eh“, diesen schönsten aller österreichischen Sätze? Das Textsheet schweigt sich zu diesen Details leider aus.


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