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„Und Amerika macht daraus eben, was es am besten kann: ein Business!“ – Boys Noize über DJ-Kultur

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Du bist inzwischen seit 20 Jahren DJ. Kannst du dich noch an deine erste Berührung mit elektronischer Clubmusik erinnern?
Ja. Ich war elf Jahre alt und bin mit dem Bus von Hamburg nach Berlin gefahren, zur „Love Parade“. Mein bester Freund war gerade dort hin gezogen und ich habe ihn besucht. Das war auf jeden Fall ein einschneidendes Erlebnis.

Du hast auch einen älteren Bruder, oder?
Genau. Er hat die ganzen frühen House-Platten aus Amerika gehört: Trax Records, Steve „Silk“ Hurley, Farley „Jackmaster“ Funk, Phuture. Ich war vielleicht sechs oder sieben und habe das über ihn mitbekommen. Die Musik auf der „Love Parade“ hat mich sofort daran erinnert, und ich habe angefangen, diese Platten nachzukaufen. So kam eines zum anderen. Ich wollte Platten, also brauchte ich einen Job und habe im Plattenladen „Underground Solution“ in Hamburg angefangen. Ein paar Monate später hatte ich meinen ersten Warm-up-Gig als DJ, im „La Cage“ auf dem Kiez. Nach dem Abend war mir endgültig klar: Das will ich für den Rest meines Lebens machen!

Hast du in dem Plattenladen mehr ausgegeben oder mehr verdient?
Definitiv mehr ausgegeben. Zum Glück hatte ich noch einen weiteren Job als Putzjunge. Da habe ich 20 Mark die Stunde verdient, was richtig viel Geld war. Im Plattenladen gab es 5 Mark. So konnte ich insgesamt circa 1.000 Mark im Monat für Platten ausgeben. Dazu hatte ich einen Deal mit meinem Chef im Plattenladen, Ollie Grabowski. Er hat mir zwei DJ-Plattenspieler von Technics gekauft. Die sollte ich abarbeiten. Als ich 19, 20 war, habe ich dann im Laden aufgehört, weil ich inzwischen recht viele DJ-Gigs hatte und es auch mit dem Produzieren losging. Die Plattenspieler hatte ich da natürlich immer noch nicht abgearbeitet. Aber Ollie hat’s mir offenbar verziehen, heute sind wir gute Freunde.

Wie war damals dein Stil als DJ?
Ich habe immer schon alles Mögliche gemocht und aufgelegt: House, Techno, Elektro, auch HipHop und Punk. Soulwax haben damals selbstgemachte Mashups auf ihrer Website veröffentlicht, die Stooges mit Salt-N-Pepa mischten und solche Sachen. Die habe ich mir immer gerippt – irgendwelche schäbigen 96-kbit-MP3s, die ich für mich editiert und tatsächlich im Club gespielt habe. Irre! Irgendwann habe ich dann angefangen, eigene Mashups zu machen. Eines Abends kam nach einem Gig ein Typ zu mir und fragte, ob ich nicht Bock hätte, mal mit ins Studio zu kommen. Zusammen haben wir Disco-House produziert. So ging’s los. Der Typ hieß übrigens Marco (Niemerski – Anm. d. Red.) und ist viel, viel später unter dem Namen Tensnake durchgestartet.



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