Gespräch

WizTheMc im Interview: „Gefühle von Männern spielen in der Rapwelt noch immer keine Rolle“

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Die Karriere von WizTheMc begann an einem Ort, der für Rap nicht unbedingt bekannt ist – in Lüneburg. Geboren wurde er 1999 in Südafrika, zog zwei Jahre später mit seiner Familie nach Deutschland und 2017 allein weiter nach Kanada mit dem erklärten Ziel, sich dort als internationaler Künstler zu positionieren. Sein Plan ging auf: Labels wurden auf den heute 22-Jährigen aufmerksam, die Plattenfirma 10k Projects aus Los Angeles nahm ihn unter Vertrag. Seitdem veröffentlichte er diverse Singles, EPs und, im Januar 2020, das Album GROWING TEETH. Während unseres Zoom-Interviews anlässlich seiner neuen EP „Where The Silence Feels Good“ sitzt Sanele Sydow, so sein bürgerlicher Name, nicht etwa in Toronto oder Hollywood – sondern in seinem Elternhaus in Niedersachsen.

In seinen neuen Tracks verpackt WizTheMc seine Gedanken und Gefühle in mitfühlende ehrliche Lyrics. Es geht vordergründig um typische Stadien der Liebe. Ums Verliebtsein, um die rosa-rote Brille, um erste Zweifel und um Kompromisse in einer Beziehung. Ein Gespräch über „Big Feelings“ und warum es manchmal die Geborgenheit in der Ruhe ist, die wieder zu sich selbst finden lässt, sollte man sich mal verloren fühlen.

Seht hier WizTheMc in seinem neuen Videoclip zu „Premature Love“:

Zuerst die offensichtliche Frage: Wie kamst Du auf Deinen Künstlernamen WizTheMc?

WizTheMc: Mit 13 oder 14 Jahren habe ich einen iPod Touch von meinen Eltern bekommen. Danach habe ich Social Media für mich entdeckt und mich überall als WizTheMc angemeldet. Damals wusste ich noch nicht, was ein MC oder wer zum Beispiel Wiz Khalifa ist. Heute sehe ich es als Zeichen Gottes: Er wollte einfach, dass ich Rapper werde.

Du verbindest die Ausdrucksformen Gesang und Rap miteinander. Wofür schlägt Dein Herz mehr?

WizTheMc: Puh. Das ist so als hätte ich zwei Kinder und Du würdest fragen: Welches liebst Du mehr? (lacht) Also: Rap hat mich zum Singen gebracht und Singen lässt mich immer wieder zum Rap zurückkehren. Ist das nicht eine gute Antwort?

2021 erschien eine gemeinsame Single mit MAJAN. Du fühlst Dich unter anderem auch mit BLVTH, Ahzumjot und Savvy verbunden. Sind weitere Features in Planung?

WizTheMc: Auf jeden Fall! Ich hatte schon viele Pläne gemacht, aber wie es so unter Rappern ist, verschieben sich die Terminkalender ständig. Der, die oder das wird kommen – zum Beispiel gemeinsame Konzerte. Es gibt keinen Terminkalender im Rap, das soll die übergeordnete Antwort zu dieser Frage sein.

Wäre eines Tages auch ein deutschsprachiges Album oder eine EP denkbar?

WiztheMc: Das ist eine gute Frage. In Kanada haben mich dazu sehr viele Leute angefeuert. Das ist jetzt vielleicht ein komischer Vergleich, aber wenn ich auf demselben Level wie Udo Lindenberg wäre, dann könnte ich bestimmt einfach einen Deutschrap-Track droppen. Aber gerade gehört Amerika zu meiner Vision.

Du schreibst auf Instagram, Deine zweite EP „Where the Silence Feels Good“ basiere auf einer wahren Geschichte.

WizTheMc: Zusammengekommen ist die EP in den vergangenen eineinhalb Jahren. Ich beginne oft Projekte ohne Ahnung darüber, was da auf mich zukommen könnte. Häufig denke ich mir: Cool, ich mache jetzt Musik im Studio, aber vergesse dabei, dass das Leben um mich herum dazwischen kommt.

Was konkret kam dazwischen?

WizTheMc: Im vergangenen Jahr war alles ziemlich chaotisch bei mir. Ich bin aus Kanada weggezogen und habe meine Wohnung aufgegeben. Dann hatte ich zu dieser Zeit vor einem Jahr einen Break-Up. Ich ging nach LA, habe dort keinen Halt gefunden und dabei den Boden unter meinen Füßen verloren. Ich spürte dort kein Zuhause-Gefühl. Deswegen ist der Titel der EP ,,Where The Silence Feels Good‘‘ so schnell zu mir gekommen. Mir ist wichtig, diese Art von Ruhe zu finden. Das Gefühl, das ich vor unserem Gespräch beim Spazierengehen hatte und jetzt hier in der Wohnung meiner Kindheit zu sein – das ist tatsächlich das Gefühl, das ich gesucht habe.

Ein Gefühl, das Dir Rückhalt gibt?

WizTheMc: Ja, ja, voll! Gleichzeitig glaube ich fest daran, dass man dieses Gefühl von innerer Stille fördern und steigern kann. Das ist mein Ziel für dieses Jahr.

Für Deine Fans bist Du nahbar, weil Du ungezwungen über Emotionen sprichst. Was möchtest Du ihnen mit Deiner Musik mitgeben? 

WizTheMc (überlegt): Gute Frage. Was ich mit meiner Musik rüberbringen will? Ich will sagen: Fühle, was du fühlst, ohne dich dabei zu doll zu bewerten. Mir ist nämlich aufgefallen, dass das Bewerten alles nur noch schlimmer macht. Traurigkeit, Motivationslosigkeit, Müdigkeit, all das soll man spüren dürfen. Natürlich sollte man nicht zu lange in dem Gefühl hängen bleiben und sich Pläne machen. Aber am Ende des Tages ist es wichtig, die gesamte Palette von Emotionen zuzulassen.

Glaubst Du, dass es für viele Männer noch immer ein Tabu ist, Einblicke in ihre Gefühlswelt zu gewähren?

WizTheMc: Meine Wahrnehmung ist es, dass Gefühle unter Männern in der Rapwelt weiterhin kaum thematisiert werden. Ich habe von Leuten, darunter auch alte Freunde, das Feedback bekommen, dass ich als Mann, der über seine Gefühle spricht, ihnen eine neue Perspektive mitgegeben habe. Sie waren früher zum Beispiel deutlich prolliger unterwegs. Jetzt sind sie Fans meiner Musik. Entweder weil sie im Radio läuft – oder weil sie tatsächlich andere Gründe gefunden haben, warum es cool sein könnte in Songtexten oder im Privaten über Gefühle zu reden.

Bestätigt Dich das in Deiner Kunst?

WizTheMc: Es fühlt sich sehr gut an, dass so etwas passieren kann, indem man bestimmte Emotionen rüberbringt und diese auch angenommen werden. Und das von Leuten, die sowieso schon eher emotional sind, bis hin zu solchen, die sich früher so etwas angehört hätten – ohne dabei zu wissen, dass die Musik von mir kommt.

Der Name trügt: WizTheMc ist auch Sänger

Kürzlich musstest Du Konzerte in New York, LA und Toronto absagen. Inwiefern prägt die Corona-Pandemie Dein musikalisches Dasein? Zieht sie Dich runter oder kannst Du Dich so besser auf die Produktion neuer Musik konzentrieren? 

WizTheMc (lehnt sich zurück, überlegt und macht einen Schmollmund): Ich glaube, ich bin eine Person, die sich nicht allzu sehr auf Sachen konzentriert, die man nicht kontrollieren kann. Unter uns: Tatsächlich habe ich mich etwas gefreut, als der erste Lockdown kam. Damals habe ich auch meine Single ,,Four Minute‘‘ aufgenommen. Ich war viel im Studio und dachte mir: Geil, ich muss nie wieder rausgehen! (lacht) Ich war nämlich schon immer eher der Typ, der Zuhause viel Zeit verbringt. Deswegen kam mir der Lockdown anfangs nicht schlimm vor. Irgendwann aber fehlten die Kontakte. Als Single noch eher als bei Menschen, die in einer Beziehung leben.

Deine Karriere sahst Du nicht in Gefahr?

WizTheMc: Da mache ich mir nicht so viele Gedanken. Durch das Internet, durch TikTok und Instagram hat man Wege um mit seinen Fans gut zu connecten und das habe ich in der Zeit auch noch ernster genommen. Vor Corona hat man zum Beispiel während den Konzerten viele Leute kennengelernt, da war Instagram eher sekundär. Jetzt hat der Kontakt zu Fans in den sozialen Medien Priorität.

Dein Sound hat sich nach Deinen zwei im Jahr 2018 veröffentlichten Alben BACK IN TORONTO und BLESSINGS IN DISGUISE verändert. 2020 schlugst Du einen deutlich poplastigeren Sound ein. Wie kam es zu dieser Veränderung und wie hast Du sie selbst wahrgenommen?

WiztheMc: Das kam durch neue Einflüsse und neue Produzenten. Ich finde, jede Musik die sich gut anfühlt, ist gut. Ich habe noch nie wirklich darüber nachgedacht, welches Genre ich bedienen will. Ich gehe ins Studio und es wird zum Beispiel Gitarre gespielt, dann sage ich: cool. Dann werden Drums darüber gelegt und ich sage beispielsweise: nicht diese Drums. Und dann kommt irgendetwas dabei heraus.

Ist es denn Pop?

WizTheMc: Klar, ich bin einfach ein Pop-Fan. Schon als ich klein war, habe ich immer meist zu Musik im Radio getanzt. Pop bewegt und kann Wände durchbrechen. Das Wort accessable empfinde ich als zutreffend. Ich kann mit Pop einfach mehr von meiner Musik zeigen, denn: Die Hörer*innen können sie vielleicht besser und einfacher aufnehmen, weil bestimmte Sounds davon schon quasi bekannt sind – ohne, dass das Ergebnis wie Katy Perry klingt. Schreib bitte nicht, dass ich jetzt irgendwie Katy Perry disse! (lacht)

In einem Interview mit dem Forbes-Magazin sagst Du Sätze wie: „Am Ende des Tages bin ich eine Ware in der Branche.“ […] „Wenn man bei einem Label unter Vertrag ist, ist man Teil eines Systems, eines Ökosystems, das mir als Person, als Künstler zugutekommt.“ Kannst du das erläutern? Wie bekommst Du den Spagat zwischen freiem Kunstschaffenden und Zahnrad in einer Multi-Milliarden-Dollar-Industrie hin?

WizTheMc: (lacht) Das klingt so, als hätte ich einen Teil der Milliarden! Gute Frage, ich habe tatsächlich erst gestern mit meiner Mama über diesen Abschnitt gesprochen. Wenn ich im Studio bin, gibt es nur mich und die Musik. Es existiert kein Label, kein Manager, teilweise existiert nicht einmal das soziale Umfeld. Bestenfalls verlasse ich sogar noch mich selbst. Sobald ich dann aber wieder das Studio verlasse, fängt mein Leben wieder an. Ich bin ein sensibler Mensch. Wenn meiner Musik aber manchmal irgendetwas fehlt, spüre ich das nicht immer sofort. Ich mache Musik, weil ich damit etwas verbinde. Aber am Ende des Tages will ich oder muss ich es schaffen über meine Musik so zu sprechen, dass es auch einen Wert hat. Nicht nur für mich, sondern auch für andere. Deswegen ist es wichtig, die Balance zwischen meiner künstlerischen Expression und dem Business zu finden. Ich möchte weiterhin geschäftlich wachsen, aber gleichzeitig auch nicht meinen künstlerischen Ausdruck beiseitelegen. Deshalb bleibt die Musik im Studio. Und alles, was danach kommt – wo ich über Musik rede, mit meinem Manager oder dem Label, dort vermischt sich die Welt. Diese Welt hilft mir, mich nicht so einfach zu verlieren, sodass ich an einem Punkt eventuell hängen bleiben könnte.

Woran liegt es überhaupt, dass Du mit Deiner Musik zurzeit größere Erfolge in den USA und Kanada als in Deutschland feiern kannst, mal abgesehen von der Sprache?

WizTheMc: Ja, krass, oder? Ich habe darüber noch nie so wirklich nachgedacht. Es liegt vielleicht daran, dass ich nach Kanada zog und mich dort auch als kanadischer Künstler vermarktet habe. Wenn man seine Musik in Kanada hochlädt, wird man unter anderem auch beim kanadischen Spotify-Radar aufgefangen und dort landete ich auch in den ersten Playlists. Hätte ich alles von Berlin aus gemacht, dann wäre viel schneller aufgefallen, dass ich aus Deutschland komme. Das war quasi wie ein Trick, würde ich sagen. Ich habe lange Zeit in Kanada gelebt und dort Leute kennengelernt, habe selbst meinen Online-Fußabdruck dort gelassen und die Saat gesäht. In Deutschland habe ich ein paar Hardcore-Fans. Ich habe gestern auf Spotify geschaut und festgestellt: Mehr Leute in Deutschland hören meine Songs auf Repeat als in Kanada, wo ich insgesamt viel öfter gehört werde. Ich werde in Deutschland aber öfter auf der Straße erkannt, als in Los Angeles oder Toronto. Vielleicht aber auch einfach deshalb, weil Deutschland kleiner ist.

Du probierst Dich aus und experimentierst mit Deinem Sound, um Genre-Grenzen aufzuweichen und verschiedene Musikrichtungen zu verbinden. Was wäre eher Dein Fall: Dich Dein Leben lang auf eine einzige Tätigkeit zu beschränken und diese richtig gut zu machen oder Dich in vielen Dingen auszuprobieren, dort aber nur maximal Mittelmaß zu erreichen?

WizTheMc: Ich würde eher den Weg des Perfektionismus gehen. (grinst) Das Schöne ist ja, wenn man das Ganze wie ein Fenster betrachtet: Erstens möchte ich gut im Rap sein, damit habe ich angefangen. Zweitens möchte ich meinen Akzent verlieren, als Nächstes möchte ich meinen Flow verbessern und so weiter. Ich zoome also in dasselbe Fenster immer wieder ein Stückchen rein. Nachdem ich den Flow verbessert habe, will ich die Lyrics verbessern, dann werden die Melodien besser und ich zoome noch näher ran. Dann will ich ein Lied, das eine krasse Story in vier Minuten erzählt, weißt Du? Man kann immer detaillierter in Sachen reingehen. Das nimmt kein Ende.

Hast Du dazu Vorbilder?

Naja, alle Leute, die viel erreicht haben, sind so verrückt. Ich meine zum Beispiel Kanye West, Albert Einstein oder Carl Jung. Diese Menschen sind so tief in ihrem Ding drin und denken oder dachten sich wohl permanent: Wie kann ich die Sache wie einen Diamanten verfeinern? Ich glaube, wenn ich über etwas Derartiges stolpere und mir dabei denke, damit könnte ich mich die nächsten zwei Jahre lang beschäftigen, dann würde ich sicherlich das Experimentieren aufgeben.

Hört die neue EP „Where The Silence Feels Good“ von WizTheMc hier im Stream:

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