Wolfgang Niedecken


In einem Kölner Cafe wurde an diesem Morgen nicht nur Frühstück, sondern auch die Blind Date-Cassette serviert. Wie immer galt es, die vorgespielten Titel zu erraten und zu kommentieren. Und so lauschte denn Wolfgang Niedecken über die Hifi-Anlage des Cafes den 12 Nummern und fragte voller Ungeduld: „Ja wann kommt denn endlich mal eine Nummer, über die ich richtig schimpfen kann?“

Manfred Maurenbrecher: „Der Junge kann malen“

„Maurenbrecher. Manfred ist einer der besten Texter in diesem unserem Lande, wenn nicht sogar der beste. Was er macht, hat eine gewisse Süffisanz. aber auch etwas sehr Sinnliches. Wunderbare Bilder – er ist kein Klischeeschreiber. Gut. Maurenbrecher hat keine Breitenwirkung, aber Scheiße ist noch lange nicht lecker, weil eine Million Fliegen sie fressen.“

Julian Dawson: -I Like Your Absence …“

„Wen haben wir da? Jaja. das ist Julian. Und ich hatte gehofft, bei diesem Blind Date endlich mal über die Kollegen herziehen zu können. Aber das ist eine ganz tolle Platte, sehr ausgeruht, er hat sich viel Zeit gelassen – und das Ereehnis gibt ihm recht.“

Herbert Grönemeyer: „Lächeln“

„Der Rosarote! (Lachen) Speziell dieses Lied kenne ich auswendig. Du hast leider genau mein Lieblingsstück auf dieser LP erwischt. Ich hin Grönemever-Fan geworden, als BOCHUM erschien. Irgendwann habe ich ihm gesagt, wie gut ich z. B. .Alkohol‘ finde. Voll ins Fettnäpfchen getreten. Denn das ist der Song, der nicht von ihm ist. Bei SPRÜNGE hatte man textlich an einigen Punkten tiefer gehen können, aber dieses Stück hier stimmt total. Mit Herbert hatte ich privat schon meine Auseinandersetzungen, aber das ändert nichts an der Achtung, die ich vor seinen Sachen habe.“

U2: „Bullet The Blue Sky“

Erinnert mich ein bißchen an die alten Spooky Tooth. Ach. jetzt weiß ich’s: U2. Weil wir alle auf U2 stehen, haben wir das letzte Album mal über die großen Studiomonitore abgehört. Wir mußten enttäuscht feststellen, daß diese Platte miserabel produziert ist. Vielleicht mit Absicht – extra produziert mit Blick auf billige Plattenspieler.

U2 sind eine sehr eigenständige Band, aber Bonus Pathos i;eht mir immer mehr auf den Geist.“

The Kinks: „Think Visual“

„Kinks natürlich! Wie soll ich denn da schimpfen, verflucht? Es war für mich eine echt erfreuliche Sache, daß diese LP .Platte des Monats‘ in ME/Sounds wurde. Da bin ich rumgelaufen und habe gesagt: Gut, es gibt ja doch noch Gerechtigkeit. Die Kinks gehören zu meinen absoluten Dauerbrennern. Von denen kaufe ich mir jede Platte.“

Modern Talking: „Geronimo’s Cadillac“

(Grinst) „Tut mir leid, ich kann immer noch nicht schimpfen. Höchstens über die Leute, die so blöd sind und nicht bemerken, was da abgeht. Eigentlich müßte man den Jungs noch gratulieren, denn wer fünf Mal mit dem gleichen Playback diese Platin-Schwere erreicht, der muß schon clever sein. Aber spul mal weiter. Antun muß ich mir das nicht!“

Bryan Adams: „In The Heat Of The Night“

„Ja. Die LP habe ich noch nicht, aber die steht auf meinem Einkaufszettel. Bryan Adams. Ich mag seine Ausstrahlung und die Musik, aber ich bemühe mich, die Texte so spät wie möglich herauszukriegen. Da gibt’s noch so einen: John Waite. In beiden Fällen gehen mir die ex-und-hopp-Texte auf die Nerven. Minus für die Lvrics, Pluspunkte für die Musik.“

Genesis: „Tonight, Tonight“

„Da mag ich den anderen Solotripper lieber: Peter Gabriel. Für mich ist Genesis im Prinzip Phil Collins. Der Rest ist eine Überlehenscombo. Aber ich freue mich auf die Livekonzerte. Bis zu THE LAMB war ich ein großer Genesis-Fan.“

Purple Schulz: „Viel zu wenig Zeit“

„Alles klar – Purple Schulz. Mit Purple nah‘ ich viel am Hut. Ich mag den Typ gern, ich mag auch die Musik, obwohl ich so etwas nie machen würde. Speziell diese Produktion habe ich aus der Ferne mitverfolgt. Tato Gomez. der Purple Schulz betreut, stand auch als Produzent für meine Solo-LP zur Debatte. Aber letztlich war Wolf Maahn für unsere Zwecke doch genau der Richtige. Schade ist. daß Purple textlich nicht die Vielfalt hat. die ich ihm zutraue.“

James Brown: „How Do You Stop“

„Der ganz Große, der allen zeigt, wos langgeht, der immer wieder Bademäntel anzieht und sie dann wieder wegwirft. Aus dem kannst du zwei Prince machen. Herrlich. Er hat den gewissen Charme, den alle ganz Großen haben. Der geniale Kopp.“

Dunkelziffer: „Give Me Your Soul“

„Can?? Nein, Dunkelziffer, aber der alte Can-Sanger. Ja. das habe ich ja jetzt erst gelernt. Wenn ich Radiosendungen zusammenstelle, sind sie dabei: Musik pur. Jeden Abend anders: unmittelbar empfunden, unmittelbar umgesetzt. Den Zugang zu dieser Art von Musik hatte ich jahrelang verloren. Vor kurzem hätte ich noch gesagt: .Komm, geh mir weg mit dem Althippie-Kram.‘ Erschreckend ist. wie sehr man selbst das Schubladendenken fördert, obwohl man von sich behauptet, nicht in Klischees zu denken.“

Holger Czukay: „Blessed Eastern“

„Unser Mann aus Rom. Ich habe die Platte noch nie vorher gehört. Anfangs dachte ich, es könnte vielleicht Tom Waits sein. Geht überhaupt nicht ab. Czukay hütt se nie mie all… Also als Gag ganz nett, aber auf Dauer ein bißchen platt.“

H. R. Kunze: „Wunderkinder“

„Schnell weiter! Zum Kollegen Heinz Rudolf halte ich mich so lange geschlossen, bis er sich die schlauen Sprüche abgeschminkt hat. Der längt mich an zu öden, der Herr Schulmeister.“