Zum Tod von Lou Reed: Nachruf auf eine Legende, die Kantholz, Künstler und Egozentriker war

von

Austeilen konnte Lou Reed. Vor allem gegenüber Journalisten. Er nannte sie Schmarotzer, beschimpfte sie der Ahnungslosigkeit, verurteilte in seinen Augen wenig gehaltvolle Fragen als „ gotterbärmlich“. Vor knapp einem Jahr besuchte der deutsche Pop-Journalist Klaus Walter mit guten Absichten Lou Reeds Foto-Ausstellung in Frankfurt. Walter war exzellent vorbereitet, er ist ein freundlicher Kerl. Doch Lou Reed kannte kein Erbarmen. Nach ein paar Minuten drohte er dem Fragesteller Haue an, am Ende des Interviews stand sein beherztes „fuck yourself“.

Einige, die diesen Mann als Fan trafen und mehr über ihn wissen wollten, verließen den Ort der Begegnung total ermattet und desillusioniert.

Einstecken musste er auch. Und er schien es zu genießen. Lou Reed wusste sehr genau, was er zu tun hatte, um seine Fans, die Kritiker und auch seine Plattenfirmen zufrieden zu stellen. Steckte nur ein Hauch von The Velvet Underground in seinen Songs oder eine kleine Spur, die auf seine großen Soloalben TRANSFORMER oder BERLIN verwies, jubelten sie alle. Aber er konnte auch anders. Vertonte Werke von Edgar Allan Poe oder nahm Alben auf, die man so gerne hörte, wie man verschimmelte Kühlschränke reinigt.

METAL MACHINE MUSIC ist so eine fürchterliche Platte. Es gibt seit Jahren den Versuch, das Werk aus dem Jahr 1975 als zukunftsweisenden Prä-Techno zu bezeichnen – mit Beteiligung von Reed selbst, der immer wieder sagte, er liebe diese Platte. Dabei ist sie Mist. Und dann LULU , das Projekt mit Metallica … Wer von denen, die das Ding 2011 gelobt haben, hat das Album seitdem auch nur einmal wieder gehört? Eben.

Warum wir hier von diesen Grässlichkeiten erzählen – und nicht von seinen fantastischen Alben wie CONEY ISLAND BABY, THE BLUE MASK oder SONGS FOR DRELLA? Weil Lou Reed eben auch furchtbar war. Recht häufig als Interviewpartner. Aber auch ab und an als Musiker. Und hat es ihn gekratzt? Kein bisschen. Lou Reed war einer dieser Menschen, die sich als Künstler verstanden und diese Rolle ernst nahmen. Er sagte: „Alles, was ich mache ist Kunst!“ Schöne Kunst. Komische Kunst. Kauzige Kunst. Zerstörerische Kunst. Schlecht gelaunte Kunst. Man darf keinem Maler vorwerfen, zwischen schönen Gemälden auch mal eines oder zwei zu malen, die etwas Furchtbares zeigen – und die daher auch furchtbar aussehen. Für Lou Reed gehörte die hässliche Fratze der Musik genau so dazu wie der spannende Wohlklang. Diese Dichotomie war sein Anspruch. Und er lebte ihn, wie man Dichotomien eben nur leben kann: brummelnd und schlecht gelaunt.

Lou Reeds Operation sah er als Teil seines egozentrischen Gesamtkunstwerkes

Klar ist aber auch, dass nun, nach seinem Tod, die Schönheit in seiner Musik bleiben wird. Via Facebook posteten Fans und Bewunderer in Windeseile ihre Lieblingslieder. Dutzendfach „Perfect Day“, „Walk On The Wild Side“ und „Satellite Of Love“; dann natürlich all die Songs von The Velvet Underground, die noch immer so frisch klingen, als habe eine Gruppe junger kunstbeflissener Menschen aus New York sie gestern eingespielt. Wer sich zu diesem traurigen Anlass vornimmt, noch einmal zu überprüfen, ob die Nachrichtensprecherin recht hat, wenn sie vom Tod einer Legende spricht, sollte sich den Rest der Woche freinehmen: Es gibt nicht viele Musiker, die einen so breiten Katalog vorzuweisen haben. Bei denen man auch nach dem elften Album nicht weiß, was das Zwölfte bieten wird. 

Das Jahr 2013 hat uns David Bowie wiedergebracht. Unverhofft, mitten im Winter. Es war fast ein kleines Wunder. Jetzt, draußen ist es Herbst, ist Lou Reed gegangen. Wer sich mit Medizin auskennt, wird davon nicht überrascht sein: Mit 71 hatte er sich im April dieses Jahres einer Lebertransplantation unterzogen – ein notwendiger Eingriff nach vielen Jahren im Bann der Rauschmittel. Er selber sagte nach dem Eingriff unverwüstlich, er betrachte sich als „Triumph der modernen Medizin, Chemie und Physik“. Zumindest öffentlich zweifelte Lou Reed nicht am Erfolg des Eingriffes. Er sprach, als sei die Operation ein weiterer Teil seines egozentrischen Gesamtkunstwerkes. Und Kunst scheitert nicht!

Sein eigener Tod war nicht Teil seines Konzepts. Aber er schrieb exzellente und sehr weise Lieder über den Tod an sich. Die schönsten finden sich auf dem Album MAGIC & LOSS, erschienen 1992. Alle, die sich Lou Reed als sehnigen Grantler und ungehobeltes Kantholz vorstellen, sollten andächtig diese weisen Lieder hören: „There’s a bit of magic in everything/ and then some loss to even things out.“



US-Rapper MO3 stirbt nach Drive-By-Shooting in Dallas
Weiterlesen