JESSIE WARE


Sie leuchtet hell wie ein Diamant: Die britische Soulsängerin wird den Vorschusslorbeeren gerecht, nur ihrem Image als Diva nicht.

Schon gemein, wenn die eigenen Vorurteile gegenüber einer Künstlerin von ihr dann nicht bestätigt werden. Sagt eine Bekannte nach dem Auftritt von Jessie Ware im Kulturhaus Astra in Berlin, sie habe erwartet, dass die Protagonistin mehr divenhaft agiert hätte. Soul und R’n’B und Diva gehören halt einfach zusammen. Jessie Ware, 28-jährige Sängerin aus South London, die unnahbar, geheimnisvoll, entrückt wirkt in ihrer Erscheinung, in ihren Videos, auf dem Cover ihres Debütalbums DEVOTION – das mit dem Foto, auf dem sie die Haare zu einem doppelten Knoten hochgebunden hat -, diese Jessie Ware gibt sich bei ihrem Berlin-Auftritt leut- und redselig und volkstümlich. Mit kindlicher Freude moderiert sie ihre Lieder an und ab, reagiert auf Zwischenrufe aus dem Publikum, scherzt und lacht und plappert und kommentiert so einiges, was ihr in den Sinn kommt. Zum Beispiel: „I love Berlin.“ Die Stadt sei einfach großartig. Sehr gerne, sagt sie, würde sie nach dem Konzert noch um die Häuser ziehen. Das Schlimme daran: Man glaubt ihr das sogar in diesem Augenblick.

Zu Beginn leidet das Konzert unter dem diffusen Bühnenlicht, das die volkstümelnde Diva kaum von ihren Mitmusikern abheben lässt. Und unter dem zu leisen Sound, wohl ein Zugeständnis an ein neues Publikum, das Konzerte in Zimmerlautstärke gewöhnt ist. Keine Kompromisse gibt es dagegen bei der Musik. Ware und ihre Band liefern live Gott sei Dank nicht die schweißtriefende, handgemachte Show, die man gemeinhin von einem „Soul-Act“ erwarten würde. Musikalisch bleibt es auf dem mittelfrostigen Kühlschrankniveau des Albums. Genau das macht ja auch den Reiz aus: der Gegensatz aus dem unterkühlten Minimalismus zeitgenössischer britischer Elektronikspielarten und dieser fantastischen Stimme, die bewusst unter ihren Möglichkeiten bleibt und jede Form des Overacting vermeidet.

Jessie Ware spielt an diesem Abend alle elf Songs ihres Debütalbums – es bleibt ihr auch nichts anderes übrig, wenn sie ein 80-Minuten-Konzert mit Anstand füllen will – plus den neuen Song „Imagine It Was Us“. Die Hits „Wildest Moments“ und „Running“ werden dramaturgisch geschickt ans Ende gesetzt. Aber es ist ihr Umgang mit Coverversionen, der einiges mehr über die Kunst der Jessie Ware aussagt. Bobby Caldwells Blue-Eyed-Soul-Klassiker „What You Won’t Do For Love“ aus dem Jahr 1978 macht sie sich ohne nostalgischen Schnickschnack zu eigen; einen 34 Jahre jüngeren Song spielt sie ohne ironische, ha-ha-lustige Hintergedanken. Es dauert einige Zeit, bis das Publikum Wares Version von Rihannas jüngstem Nummer-1-Hit „Diamonds“ mit Erkennungsapplaus bedenkt. „Shine bright like a diamond/ Shining bright like a diamond/ We’re beautiful like diamonds in the sky.“ Es ist ein großartiger Popmoment, wenn die Londonerin den Rihanna-Hit den Klauen der Springbreakers entreißt und herüberzieht auf die gute Seite. Anschließend sagt sie fast entschuldigend: „I really love that song.“ Jessie Ware gelingt etwas, an dem seit dem Ende der großen Soul-Ära in den 1970ern in regelmäßigen Abständen manch große Hoffnung gescheitert ist: das zeitgemäße Update des R’n’B.