„120 BPM“-Kritik: Dieses AIDS-Drama feiert das Leben

Das Wesen des Spielfilms ist seine Künstlichkeit: Das Gezeigte ist nicht echt. Ein Regisseur hat Schauspielern gesagt, was sie tun sollen. Ein Kameramann hat Ausleuchtung und Bildausschnitt gewählt. Es handelt sich immer um eine Inszenierung. Umso höher ist es Robin Campillo anzurechnen, dass ihm in seinem Regiedebüt eine Inszenierung gelingt, die so eindringlich und dringlich ist, so direkt, echt und in-your-face, dass man den Eindruck hat, tatsächlich mitzuerleben, was seine Figuren in den frühen Tagen der 90er-Jahre fühlen. Es geht um die Aids-Aktivisten von Act Up Paris, einer Gruppe leidenschaftlicher und radikaler Kämpfer für ein größeres Bewusstsein für die Krankheit in der Öffentlichkeit.

https://www.youtube.com/watch?v=PHOoCbIJZGM

Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, und doch – das zeigt Campillo ganz präzise und schlägt damit den Bogen in die Gegenwart – ist es ein Kampf, den es auszufechten lohnt. Weil es eben auch darum geht, nicht allein zu sein, nicht den Mut zu verlieren, von Gleichgesinnten und Leidensgenossen aufgefangen und verstanden zu werden. Ähnlich wie die lange Diskussion im Mittelpunkt von Ken Loachs „Land And Freedom“, bei der Bauern und Revolutionäre über Landverteilung während des Spanischen Bürgerkriegs streiten, bilden leidenschaftliche politische Debatten über Strategien und Aktionen auch das Rückgrat von „120 BPM“.

Das mag wie eine Einladung zum Wegschauen klingen, ist aber tatsächlich fesselnd und elektrisierend, eben weil Campillo sein Publikum einlädt, mit dabei zu sein und seine Figuren kennenzulernen: Ihre Passion überträgt sich unmittelbar auf den Zuschauer. Man stürmt mit ihnen Pharmakonzerne, man tanzt mit ihnen in Pariser Clubs zu House Music, man streitet, küsst und liebt mit ihnen. Und man stirbt mit ihnen, weil das unvermeidbar ist, wenn man von Aids in diesen finsteren Zeiten erzählen will. Aber auch wenn es ums Sterben geht, wird hier doch immer das Leben gefeiert. Darum geht es und um nichts anderes.

„120 BPM“ startet am 30. November 2017 im Kino

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