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5 Gründe, warum das Maifeld Derby 2016 unser Herz erobert hat

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Wie schrieben wir noch gleich vor einiger Zeit in unseren Artikel „5 Festivals, die Deinen Sommer perfekt machen, Teil II“ über das Maifeld Derby? „Das geschmackvollste Line-Up der Republik! Mit so viel Charme und Liebe wissen wir gefühlskalten Journalisten erst einmal nicht umzugehen, aber das Maifeld kriegt am Ende jeden rum“ – und wie sie uns wieder einmal rumgekriegt haben. Dieser verschriftliche Handkuss ist für Dich, liebes Maifeld Derby 2016! Hier die fünf Gründe, warum Du einen großen Platz in unserem Herzen gepachtet hast:

1 Die Headliner

Studiert man die Line-Ups etablierter Festivals etwas länger, stößt man unvermeidlich auf die immer gleichen Namen und die immer gleichen alten Zirkusattraktionen. Diese Grippe grassiert schon so stark, dass sogar ein so köstlich-kleines Festival wie das Immergut die an der Klippe zur Bedeutungslosigkeit stehenden 2005-Indie-Überbleibsel Maximo Park nach ganz oben nimmt, um den Schein der großen Zugpferde auch auf seinem Niveau zu wahren.

Das Maifeld Derby wiederum macht sich einfach seine eigenen Headliner. Natürlich wurden auch hier für die oberen Plakat-Zeilen Acts gebucht, die längst dem Indie-Kokon entwachsen sind, doch wer traut sich schon, Flume als Headliner auszurufen, unwissend, ob nach der Veröffentlichung seines ersten groß anverkauften Albums SKIN nicht doch der Hype-Backlash kommt? Wer kommt schon auf die Idee, einen so verzweifelt schönen wie auch nachtblauen Sound wie den von Daughter zum Abschluss eines Festivals zu präsentieren? Das Maifeld bricht mit über die Jahre festgefahrenen Konventionen und bucht sich die Hurricane-Headliner von morgen jetzt schon in sein Palastzelt.

Dass jeder der drei Headliner auf seine Art überzeugt, ist bei dem entgegengebrachten Vertrauen beinahe selbstredend. Flume reißt einen Auftritt ab, an dem alles ultra ist: Der Bass ist ultrakrass, die Visuals sind ultrabunt, das Publikum ultralaut. Daughter spielen den perfekten Soundtrack zum draußen aufziehenden und über den Platz peitschenden Gewitter und entlässt das Publikum passenderweise wieder ins Trockene. Und James Blake, der steckt sie alle in die Tasche. „The Wilhelm Scream“ ist nahe der Perfektion, selten hat ein Stück Musik es so geschafft, den Körper des Besuchers zu durchdringen, ihm die Seele zu öffnen und ihn ehrfürchtiger Stille dem Zauberer der Leerstellenmusik zu huldigen. Ein Headliner, der uns zig Mal lieber ist, als zum fünften Mal Volbeat in zehn Jahren.

2 Die Liebhaberbands

Das Maifeld Derby setzt ein gewisses Verständnis der zeitgenössischen alternativen Popmusik voraus, gar keine Frage. Ist diese jedoch gegeben, kann man sich beim Anblick auf das Line-up des Maifeld Derbys schon einmal in Freudensprüngen üben. Da wäre etwa einer der raren Festivalauftritte von Käpt’n Peng & Die Tentakel von Delphi in diesem Jahr. Ein einziger Strom aus Wörtern, die ineinandergreifen, sich voneinander abstoßen und wieder zueinander finden. Da wären Freiburg, die das im Programmheft als „DIY-Juz“ bezeichnete Brückenawardzelt mit ihrem schnellen, druckvollen, an Emo und Hardcore geschulten, zweistimmigen Deutschpunk tatsächlich in ein AJZ verwandeln und die etwas älteren Semester im Hintergrund mit Blick auf das ausbrechende Pogo-Inferno vor der Bühne an ihre frühen Konzertgänger-Tage erinnern. Vor allem wären da jedoch die völlig irren Pissed Jeans, die beim Maifeld Derby ihre allererste Festival-Show in Deutschland ever spielen – und das halbe Künstlerzelt schaut dabei zu. Kadavar mischen sich in den Pogo ein, während Max Gruber aka Drangsal die von der Bühne ausgehende Anarchie der Sub-Pop-Sprößlinge als Einladung sieht den Zeltmast hinaufzuklettern.

Noch dazu hielt das Maifeld Derby 2016 eine Handvoll potenzieller neuer Liebhaber-Bands parat, allen voran das Schweizer Duo Fai Baba, das sicherlich als die Überraschung der drei Tage durchgeht. Während ihres extrem kurzweiligen Sets ließen Fai Baba eine extrem eindrucksvolle Mischung aus ambieten Psych-Pop-Klängen und schwerem Bluesrock hören.

3 Der Humor

Eine, wenn nicht sogar die Tradition des Maifeld Derbys ist das jetzt schon legendäre „Steckenpferd Dressur“-Event, das das Publikum am Samstag und Sonntag einen der Reitplätze des Geländes im Schatten des MVV-Reitstadions säumen ließ. Wer sich ad hoc unter einer Steckenpferd-Dressur nichts vorstellen kann, dem erklären wir kurz die Regeln: Teilnehmer bekommen ein Steckenpferd und müssen sich eine ebenso elegante, wie spektakuläre, vor allen Dingen jedoch unterhaltsame Choreografie mit dem Kinderspielzeug zwischen den Beinen ausdenken, um damit das Publikum und die Fachjury mitzureißen. Ja, dieser Spaß klingt gefährlich nach einer Schnapsidee und dieses Wort darf in diesem Kontext gerne wörtlich genommen haben. Ein bestimmter Promille-Pegel dürfte beim Abbauen von Hemmschwellen sicherlich förderlich sein. Ob nüchtern oder angetrunken, ob Zuseher oder „Dressurreiter“: Die „Steckenpferd Dressur“ ist ein Heidenspaß und ein willkommener Ausbrecher aus dem linearen Festivalspielplan.

Ein weiterer Ausbrecher war auch der Auftritt des „Great Joy Leslie“. Der Zauberer, der das Publikum am Samstagnachmittag bespaßte, bestach vor allem Dingen durch seinen unglaublich lässigen Umgang mit dem Publikum und seinen Tränen in die Augen jagenden Humor. Endlich ein Magier, der sich selbst nicht zu ernst nimmt.

4 Das Essen

Kein mit Käse zugekleisterter Pizza-Unfall, keine vor Fett triefenden Dönertaschen. Das Maifeld Derby versuchte viel eher, lokaler Gastronomie ein Schaufenster zu bieten und das Publikum mit leckerem Essen statt mit Massenabfertigungsfraß vollzustopfen.

Deshalb ein dickes Lob raus an die „Mannheim Locals“! Das Mannheimer Küchenkombinat bot während der drei Tage facettenreiches, frisch zubereitetes und für Festivalverhältnisse gesundes Essen an. Wer die Wahl hat, in ein vor seinen Augen zubereitetes Pulled Pork Sandwich zu beißen, der überlegt sich zweimal, ob er nicht doch die Ravioli-Dose auf dem Zeltplatz unangerührt lässt.

5 Das Publikum

„Ich habe hier noch keine einzige Schnapsleiche gesehen“, sagt Freiburg-Sänger Jonas Brinkrolf und schaut sich noch einmal flugs um – und tatsächlich, menschliche Totalausfälle sind beim Maifeld ebenso selten wie hitzefrei in Alaska. Hier schmeißt niemand blindlings seinen Müll auf den Boden, hier wird niemand zwecks besserer Sicht umgerempelt und hier gibt es eben auch keine rotzevollen Zeltplatzchaoten, die das Gelände aufmischen.

Das Publikum des Maifeld Derbys ist unfassbar freundlich, sehr zuvorkommend und beinahe immer mit einem Plausch auf den Lippen gesegnet. Vielleicht liegt es daran, dass das Durchschnittalter tatsächlich eher in Richtung Ü30 denn in Richtung Abi ’16 ausschlägt, doch hier hat man das Gefühl, dass die Menschen, tatsächlich wegen guter Musik, ein, zwei kühler Bier und eben einer schönen Zeit vorbeigekommen sind. Und, um auf unseren Einstieg zurückzukommen, mit so viel Charme und Liebe kriegt man eben jeden rum.

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