Violet Grohl im Interview: „Mein Vater wollte, dass ich meinen Weg gehe“
Violet Grohl im Gespräch über Musik als Ventil, ihren Vater und ihr Debütalbum „Be Sweet to Me“.
Auch in der Familie Grohl fällt der Apfel nicht weit vom Stamm. Einen Monat nach dem Release des neuen Albums der Foo Fighters geht Dave Grohls Tochter Violet mit ihrem Debüt „Be Sweet to Me“ an den Start. Ihr Album erscheint am 29. Mai. Wie auch ihr Vater drückt sie sich im Alternative Rock aus. Wir haben sie in Berlin getroffen und zu ihrer neuen LP interviewt.
An wen richtet sich dein Albumtitel „Be Sweet to Me“?
„Be Sweet to Me“ ist ein Satz, den meine beste Freundin und ich ständig zueinander sagen. Wir necken uns oft gegenseitig. Wenn es zu weit geht, sagt eine von uns: „Be sweet, be sweet.“ Ich habe lange überlegt, wie das Album heißen soll, und dachte: Das passt perfekt. Es hat auch etwas von einer Bitte – „Sei nett zu mir, gib mir eine Chance.“
Deine musikalischen Einflüsse sind sehr vielfältig. Wann hast du gemerkt, welche Art von Musik du machen möchtest?
Es gab viele Momente, in denen mich eine Platte tief berührt hat. Zum Beispiel Björks „Homogenic“. Das habe ich gehört, als ich noch sehr jung war, und es hat eine ganz andere Art von Kreativität ausgelöst, von der ich gar nicht wusste, dass sie in mir steckt. Und wenn man The Breeders, die Pixies und besonders Alice in Chains hört – ihre Melodien und die Art zu schreiben waren roh und echt, aber gleichzeitig poetisch. Ich schreibe schon seit meiner Kindheit Gedichte, und irgendwann habe ich gemerkt: Songtexte und Poesie gehen Hand in Hand.
Deine Inspirationsquellen reichen vom Alltäglichen bis zum sehr Spezifischen. Fließen auch persönliche Erfahrungen in deine Songs ein?
Ja, absolut. Es ist eine Mischung aus all diesen Dingen. Ich bin eine eher introvertierte Person als extrovertiert. Ich liebe es, Menschen zu beobachten, einfach dazusitzen, Dinge anzuschauen, Leuten zuzuhören oder draußen zu sein und Dinge zu erleben. Wenn ich den Drang habe, etwas zu schreiben oder zu erschaffen, kommt die Idee aus einem Gefühl oder aus etwas Alltäglichem. Ein gutes Beispiel ist „Apple Fish“. Der Titel bedeutet nichts Bestimmtes – es war ein Bild, das beim Schreiben der Musik auftauchte. Der Song wurde später aufgenommen als die anderen, im Mai 2025. Zu der Zeit ging es mir nicht besonders gut, weil ich einen schlimmen Unfall mitbekommen hatte. Ich habe viel über Sterblichkeit und über Leben und Tod nachgedacht. Der Track wurde dann zum Ventil für diese Gefühle, und im Studio konnten wir genau den Sound dafür finden.
Welcher Song aus deinem neuen Album liegt dir am meisten am Herzen?
Das ist schwer. Ich wechsle ständig. „Bug in the Cake“ und „Often Others“ sind zwei Songs, die ich sehr liebe. „Bug in the Cake“ macht jetzt, wo ich ihn mit meiner Band probe und spiele, so viel Spaß. Es fühlt sich gut an, sich darauf vorzubereiten, ihn live zu spielen. Ich kann es kaum erwarten. Diese beiden sind wahrscheinlich meine Favoriten. „Bug in the Cake“ ist für mich sehr besonders, weil er eine kleine Hommage an meine Oma und an Virginia ist – lustigerweise hieß sie auch Virginia.
Deine Musikvideos und dein Instagram haben einen ausgeprägten Vintage-Look. Wie hat sich dieser Stil entwickelt und was bedeutet er dir?
Mein Stil und mein Geschmack haben sich mit der Zeit entwickelt. Jetzt bin ich an einem Punkt, an dem ich wirklich weiß, was ich mag und was ich erschaffen, tragen oder mit meiner Arbeit verbinden möchte. Es dauert eine Weile, bis man herausfindet, was man mag, aber ich hatte viel Unterstützung von meinen Eltern und Freunden, die immer offen dafür waren, dass ich mich so ausdrücke, wie ich möchte. Ich lasse mich sehr von vergangenen Epochen inspirieren, besonders von der viktorianischen und der edwardianischen Zeit. Ich liebe Stummfilme und Pre-Code-Hollywood-Filme, und ich liebe die Alternative- und Rock-Szene der 80er- und 90er-Jahre. Sie sind so reich an Authentizität. Jeder hat in sich selbst hineingehört und gleichzeitig laut ausgesprochen, worüber er frustriert ist oder was er sich mehr in der Welt wünscht. Damit habe ich mich immer sehr verbunden gefühlt, und ich wollte das in meiner Musik darstellen.
Was hat dich dazu gebracht, mit Produzent Justin Raisen zu arbeiten? Wie hast du ihn kennengelernt?
Wir haben uns kennengelernt, nachdem mein Dad und ich zu einem Konzert von Kim Gordon gegangen sind. Sie hat auf einem Festival gespielt, ich glaube in Kopenhagen. Die beiden haben dann backstage miteinander geredet und über die Show und die Platte gesprochen, dabei kam Justin zur Sprache. Ich habe dann Justins Nummer bekommen und wir haben angefangen zu schreiben. Und dann haben wir abgehangen, geredet und Musik gehört. Es hat so viel Spaß gemacht. Ungefähr zur Hälfte unseres Gesprächs war mir schon klar: Das ist die Person, mit der ich arbeiten muss.
Das Album ist in relativ kurzer Zeit entstanden. Wie lange hat es genau gedauert?
Wir haben Ende August 2024 angefangen und dann im Januar 2025 „What’s Heaven Without You“, die David-Lynch-Hommage, aufgenommen. Danach dachten wir: Ich glaube, wir sind fertig. Wir haben genug.
Hast du Ideen über Jahre gesammelt oder ist alles erst im Studio entstanden? Wie lief der Songwriting-Prozess ab?
Vieles ist mir erst im Studio eingefallen. Ich war vorher zwar auch schon dort gewesen, aber mit Ideen, die ich zu Hause geschrieben hatte. Mit Justin wollte ich einfach sehen, was bei der Aufnahme passiert. Am ersten Tag bin ich ohne konkrete Ideen gekommen, und wir haben angefangen, zu jammen. Es fühlte sich sehr spontan an – im guten Sinne. Am Ende des Tages hatten wir „THUM“ fertig. Also dachten wir: Lass uns so weitermachen, das funktioniert. Manche Songideen hatte ich schon länger in mir und wusste, dass ich irgendwann darüber schreiben möchte. Andere entstanden aus Bildern, die mir in den Kopf kamen, während ich die Instrumentals gehört habe. Es hat wirklich Spaß gemacht, und ich konnte sehr viel darüber lernen, wie ich Musik mache.
Du hast Songs geschrieben, die von David Lynch inspiriert sind. Was genau an Lynch hat dein Songwriting beeinflusst?
Er war während der Aufnahme des Albums ein großes Gesprächsthema für uns alle, weil Justin und ich seine Arbeit so sehr lieben. Es gibt einen Song auf dem Album, der ebenfalls eine Hommage an ihn ist: „Often Others“. Ich wollte etwas Hartes, Schnelles und Schweres machen und diese weibliche Wut ausdrücken – dieses Gefühl, ständig gesagt zu bekommen, dass deine Erfahrungen ungültig sind oder dass du übertreibst. In dem Song gibt es auch ein paar Anspielungen auf Zitate aus „Twin Peaks“. Lynch ist unglaublich intuitiv und tiefgründig. Gleichzeitig hat er in seiner Arbeit brillante Kommentare über die Welt und über Probleme in der amerikanischen Gesellschaft eingebaut, die oft übersehen werden. Er verwandelt etwas scheinbar Alltägliches in eine abstrakte, emotionale Geschichte mit Elementen von Übernatürlichem, Horror und Mord. Ich vermisse ihn sehr. Er war wirklich unglaublich.
In „Cool Buzz“ greifst du Erfahrungen mit scheinbar progressiven Männern in der Musikbranche auf. Wie oft begegnest du solchen Situationen im Alltag?
Es ist leider eine Realität, wenn man als Frau in der Musikszene arbeitet. Man wird oft nicht ernst genommen. Es gibt zu viele Männer in der Musik, die sagen, sie würden Frauen Raum geben, aber dabei im Weg stehen. Deshalb wollte ich darüber ein Statement machen – und gleichzeitig Spaß mit diesem Sound haben, weil er mir sehr viel bedeutet. Ich lebe in Los Angeles und kenne viele Leute aus der Szene. Der Song hat wirklich Spaß gemacht aufzunehmen.
Du hast deinen Vater nicht sofort über deinen Plattenvertrag informiert. War es dir wichtig, als Künstlerin auf eigenen Beinen zu stehen?
Ich glaube schon. Es war aber nicht wirklich geplant, ihm nichts zu sagen. Der Vertrag war schon eine Weile in Arbeit, und als ich unterschrieben hatte, habe ich ihn angerufen und gesagt: „Ich habe heute meinen Plattenvertrag unterschrieben.“ Er meinte zu mir: „Dann lass uns feiern!“ Er war immer unterstützend und gleichzeitig ein bisschen im Hintergrund – er wollte, dass ich selbst meinen Weg gehe. Natürlich habe ich durch meine Herkunft viele Möglichkeiten bekommen, und das weiß ich auch. Aber Musik ist wirklich meine Leidenschaft. Es war schön, etwas auf eigene Faust zu machen. Es war ein großer Moment für mich.
Du hast Background-Vocals für die Foo Fighters gesungen. Könntest du dir vorstellen, wieder mit ihnen auf der Bühne zu stehen?
Ich liebe es, mit meinem Dad zu singen, und ich liebe die Foo Fighters. Es ist wie eine große Familie. Wenn sich irgendwann wieder die Gelegenheit ergibt, zusammen auf Tour zu sein oder gemeinsam einen Song zu singen, würde ich das auf jeden Fall machen.
Wann wird das Album veröffentlicht und wann gehst du auf Tour?
Das Album erscheint am 29. Mai. Im Sommer und später im Jahr werde ich einige Shows spielen, unter anderem beim Puchel Pop und beim Shaky Knees Festival in Atlanta, außerdem noch weitere Festivals. Ich freue mich sehr darauf – ich habe eine großartige Band, und das wird wirklich Spaß machen.






