Beatles For Sale


Money“, sangen die Beatles 1063, „that’s what I warn“. Money haben sie bekommen, Ruhm noch dazu. Darüber muss kein Wort mehr verloren werden. Dass der Milliardär Sir Paul McCartney heute einer der wohlhabendsten Männer Großbritanniens – und der reichste Popmusiker überhaupt – ist, dürfte niemanden ernsthaft überraschen. Und selbst Ringo Starr, der sich nicht auf regelmäßig spaidelnde Songwriter-Tantiemen verlassen kann, ist beileibe kein Sozialfall. Umso erstaunlicher, dass nach der Veröffentlichung des Beatles-Buches „Anthology“ vor allem ein Thema den Blätterwald rauschen lässt: Die Beatles seien geldgeil. Kalte Abzocker, die ihre ohnehin schon tausendmal erzählte Geschichte recyceln und dem armen, den Beatles komplett verfallenen Fan das Geld aus der Tasche ziehen. Nun ja, niemand wird per Anordnung des Beatles-Ministeriums gezwungen, die „Anthology“ kaufen. Und dass es die Beatles samt Yoko Ono tatsächlich nötig haben sollten, auf diese Weise ihre Rente zu sichern, erscheint reichlich absurd, liebe I-euilletonisten. Wenn sie wollen, kaufen sie die Zeitungen, für die ihr schreibt, einfach auf. Und die Verlage gleich dazu. Was also soll dieser Bullshil? Oder wie es Neil Aspinall, Chef der Beatles-Firma „Apple“, Frohes Fest

gegenüber dem deutschen Verlagsvertreter ausdrückte: „Sie bringen uns nicht ins Buchgeschäft, wir bringen sie ins Beatles-Geschäft.“ Ein ganz heikler Punkt, das Thema Kommerz so offen und unmissverständlich anzugehen, denn sogleich bricht die Entrüstung darüber los, dass die Liverpooler Säulenheiligen der Popmusik womöglich sogar Geld verdienen wollen. Sowas mag in den Siebziger lahren ein brisantes Thema gewesen sein, als man Popmusikern gerne antimaterialistische Neigungen andichtete oder deren Fehlen moralinsauer anprangerte – politisch korrekt und rührend naiv, aber im heutigen Zeitalter der totalen Vermarktung schlichtweg lächerlich. Die gute, alte Zeit, in der berühmte Musiker nur zur künstlerischen Selbstverwirklichung und ganz ohne finanzielle Hintergedanken ihrer Arbeit nachgingen, hat es nie gegeben.

Auch der Vorwurf, die Geschichte der Fab Foursei bereits oft genug erzählt worden, geht haarscharf an der Realität vorbei. Denn diesmal erzählen sie selbst.

und es kann ihnen niemand verdenken, genau das tun zu wollen, nachdem Jahrzehnte lang mehr oder minder kundige lournalisten, sogenannte Freunde und frustrierte Ex-Mitarbeiter über sie gesprochen und geschrieben haben. Irgendwann will man eben selbst seinen Senf dazu geben. Schließlich war man ja auch dabei. Und noch so ein halbgarer Kritikpunkt: Die Beatles erzählen nichts grundsätzlich Neues. Täten sie es, müsste man den vielen Autoren, die sich bislang über die Fab Four ausgelassen haben, schlichtes Versagen attestieren. Seit 1962 wäre dann quasi nur Mist über die Beatles geschrieben worden. Was wiederum bedeuten würde, dass Paul & Co. – und nur sie – uns jetzt erzählen, wie es wirklich war. Vorzugsweise mit ein paar sensationellen Enthüllungen: George outet sich als homosexuell, Ringo gesteht, dass er lieber bei den Stones getrommelt hätte, und Paul räumt ein, die IRA jahrelang mit Geld für Waffen versorgt zu haben. Außerdem habe man nie in Hamburg gespielt, sondern in Hildesheim. Das wäre wirklich etwas grundsätzlich Neues – und ist natürlich blanker Unsinn. Der Nährwert der „Anthology“ liegt naturgemäß im Detail, nicht im großen Ganzen. Aber genau diese Details können nur McCartney, Harrison und Starr liefern. Sie tun es. Und überhaupt: Wenn die „Anthology“ nur einen Leser glücklich macht – und das hat sie bereits getan wird das piefige Gerede über Geld, Preis-Leistungs-Verhältnis und Sensationswert ohnehin zur Farce.

Aber die Verlockung ist natürlich groß: Pinkelt man einer No Name-Band ans Bein, nimmt’s keiner zur Kenntnis. Wer jedoch frech und aufklärerisch am Sockel der großen, unsterblichen Beatles sägt, stellt todesmutig den common sense in Frage. Viel Feind, viel Ehr‘. Was nicht heißt, dass die Beatles über jede Kritik erhaben seien. Ist Phil Spectors Streicher-Schmäh auf dem Album „Let It Be“ tatsächlich geschmackssicher? Muss Paul McCartney ständig zwanghaft darauf hinweisen, eben nicht der brave Bube zu sein, für den man ihn seil vier Jahrzehnten hält? Warum sind jene Drogen noch nicht erfunden, deren Konsum den Film „Magical Mystery Tour“ weniger hanebüchen erscheinen lassen? Und warum ließen sich die Beatles vom Maharishi Mahesh Yogi verarschen, damals in Indien? Erstaunlich nur, dass einer der größten Kritiker der Beatles ein Ex-Beatle war, dem seine Kritiker jedoch stets vorwarfen, im Elfenbeinturm zu sitzen. Die Logik der Gerechten: leder lournalist darf die Beatles in Frage stellen, lohn Lennon darf es nicht, denn er hat so schrecklich viel Geld mit ihnen verdient. Und überhaupt: Wer aus Liebe diese japanische Hexe heiratet, muss ganz einfach einen an der Waffel haben. Oder wie es die britische Musikjournalistin lulie Burchill ausdrückte: „Yoko Ono ist noch hässlicher als Ringo Starr und singt wie ein gefolterter Hamster.“ Na also. Wir wissen, was gut gewesen wäre für John Winston Lennon. Er wusste es natürlich nicht, und jetzt ist er tot, während Yoko Ono endlich das Geld scheffelt, hinter dem sie schon immer her war. Denn die Geschäftstüchtigkeit wird nur solange als Tugend und

Eckpfeiler unserer kapitalistischen Gesellschaftsordnung wahrgenommen, bis der Name Yoko Ono fällt. Auch so eine Logik der Gerechten.

Das Geschrei geht bald wieder los, denn die Beatles veröffentlichen eine neue Platte. Und das dürfen sie nicht. Ist ein neuer Song darauf enthalten, hagelt es Häme, weil der selbstverständlich nicht so gut ist wie „A Day In The Life“. Ist kein neuer Song darauf enthalten, wird das Fehlen des „Grundsätzlich Neuen“ bekrittelt. Demnach hätte „The Beatles 1“ so der Titel des Werks – seine Daseinsberechtigung von vornherein verwirkt, denn es versammelt lediglich 27 Nummer-1-Hits von „Love Me Do“ bis „The Long And Winding Road“. Für Kenner der Materie alte Hüte, tausendmal gehört, quasi die F.ssenz des „Roten“ und des „Blauen Albums“ auf einer CD und mit einer Spielzeit von knapp 80 Minuten. Ruft da jemand „Abzocke“? Nein, bitte nicht schon wieder. Denn was auf die „Anthology“ zutrifft, gilt auch für „1“: Solange ein einziger Hörer seine helle Freude an der Compilation hat, ist es gut. Nicht alle Menschen besitzen das komplette Werk der Beatles, und eine Hitkopplung ist bekanntlich ein prima Einstieg für Novizen. Außerdem sollen schon CDs veröffentlicht worden sein, die objektiv schlechtere Musik enthalten. Ziemlich viele sogar, wenn nicht die meisten. Warum die Macher von “ 1″ Meilensteine wie „Please Please Me“, „Strawberry Fields Forever“ oder „I Am The Walrus“ außen vor ließen, lässt sich nur auf den ersten Blick mit dem Konzept des Albums erklären. Wie der Titel “ 1″ schon andeutet: Nur Stücke, die in den USA oder England auf dem ersten Platz der Charts landeten, sollten berücksichtigt werden. Seltsam nur, dass es Ceorge Flarrisons „Something“ auf “ 1″ schaffte, denn der Song besetzte weder diesseits noch jenseits des Atlantiks die Pole Position. Hier hat wohl der Wille zum Proporz gesiegt, damit Georgie Boy nicht schmollt, denn ansonsten ist „1“ eine Veranstaltung der Herren Lennon/McCartney. Egal. Ein guter Song ist „Something“ allemal. „Please Please Me“ aber auch, und noch dazu eine echte Nummer 1.

An derlei Ungereimtheiten liegt es jedoch nicht, dass „1“ kaum als standesgemäße „Best Of“ durchgeht, vielmehr an der Enge des Konzepts. World Partys Karl Wallinger bringt es im britischen Magazin „Mojo“ auf den Punkt: „Es ist ohnehin fast unmöglich, eine ‚Best Of The Beatles‘ zusammenzustellen, aber ‚1‘ ist es sicher nicht.“ Auch Ian Broudie von den Lightning Seeds stößt in dieses Hörn: „Wenn man die Beatles beim Autofahren hören will, geht ‚1‘ in Ordnung, aber zwei von lohn Lennons größten Kompositionen fehlen: ‚I Am The Walrus‘ und ‚Strawberry Fields Forever‘.“ Die Liste der fehlenden Tracks ließe sich beliebig verlängern, je nach Geschmack und Neigung, doch grundsätzlich geht „1“ in Ordnung, ledenfalls gibt es einen Markt für die neue Compilation, sonst hätten sich die Verantwortlichen von der Plattenfirma EMI die Produktionskosten sparen können. Die eigentliche Frage ist allerdings, warum dieser Markt überhaupt noch existiert, diese ewige, Generationen übergreifende Beatle-Mania, die das Wesen der Popmusik an sich ad absurdum führt. Pop ist schnell, lebt von der Veränderung, von neuen Gesichtern und der ständigen Verquickung mit dem stets flüchtigen Zeitgeist. Behaupten zumindest zahlreiche Pop-Publizisten und -Philosphen, und man mag ihnen kaum widersprechen. Denn all diese Faktoren trafen und treffen zu, vor knapp vierzig Jahren auf die Beatles, heute auf Oli R, Britney Spears oder sonstwen. Der Haken an der Sache: Wären das die einzigen Kriterien, dann dürfte sich heute kein toter Hund mehr für die reiferen Herren aus Liverpool interessieren. Es sei denn, die Beatles sind nicht Pop, sondern irgendetwas anderes. Etwa Volksmusiker? Warum nicht, immerhin gehören die Songs der Beatles längst zum kulturellen Allgemeingut, und das nicht nur im heimatlichen England. Keine Tanzband, die nicht wenigstens einen Beatles-Song auf Lager hätte, ob in Kapstadt, Osaka oder Anchorage. Und um an „Yesterday“ vorbei zu kommen, muss man wohl als Eremit im Hindukusch hausen. Beatles total, Beatles global.

Auch wenn die Beatles seit über 30 lahren Geschichte sind und sich seit dieser Zeit musikalisch eine ganze Menge getan hat: Sie sind die Blaupause, ein Archetypus in vielerlei Hinsicht: Die Beatles verdanken ihren Siegeszug nicht zuletzt dem in den 60ern erstmals massenkompatiblen Medium Fernsehen, sie schrieben ihre Songs selber, anstatt Berufskomponisten zu engagieren, sie hießen nicht lohnny Lennon &The Beatles, sondern präsentierten sich von Anfang an als homogene Einheit, als Gruppe. All das gab es vorher nicht, all das ist seitdem völlig selbstverständlich, all das erhebt sie zwangsläufig in den Status von Klassikern. Oder genauer gesagt: von Pop-Klassikern. Da sind sie schon wieder, diese drei Buchstaben, die dort ja eigentlich nicht stehen dürften. Doch „Klassik“ ist das Stichwort, wobei wir „Pop“ einfach durch „zeitgenössisch“ ersetzen, was durchaus statthaft ist. letzt schreien die Hüter der Hochkultur auf: Zeitgenössische Klassik nennt man nämlich jene musikalischen Kopfgeburten, die – weil atonal und ziemlich anstrengend – kein Mensch freiwillig hört. Außer Komponisten, Musikprofessoren und einem winzigen Zirkel von Hardcore-Fans, der bundesweit kaum größer sein dürfte als die Anhängerschaft des SV Waldperlach. Egal, lassen wir sie schreien. Und erklären die Beatles zu den „populärsten Vertretern der zeitgenössischen Klassik“. Klingt doch gut, nicht wahr? (us) Die Beatles – in Hamburg Ihre erste Plattenaufnahme machten die Beatles in Hamburg – als Begleitmusiker des Sängers Tony Sheridan, produziert von Bert Kaempfert. 39 Jahre nach dem denkwürdigen Zusammentreffen macht sich Tony Sheridan (60) so seine Gedanken …… …über Rock’n’Roll in Hamburg:

Während des Krieges war England voller Amerikaner, wir wurden von allem, was amerikanisch war, angetarnt. Rock ’n‘ Roll und Kaugummi. Nach dem Krieg saßen Amis und Engländer in Deutschland, auch in Hamburg. Man könnte auch ganz absurd sagen: ohne Hitler keine Beatles. Das war eine englisch-amerikanisch-deutsche Zusammenarbeit.

…über die jungen Beatles:

Das Äußere war ihnen wichtig: Die harte Schale, die hatten wir alle gemeinsam. Innen weich wie Scheiße, aber nach außen hin Elvis und James Dean. Dann saßen wir am Tisch und haben Bier gesoffen. Geredet wurde kaum.

…über Drogen:

Da war diese Toilettenfrau, Rosa, die ging damals schon auf die 70. Hat uns für 50 Pfennig pro Stück Aufputschpillen verkauft. Ohne Pillen hätten wir manchmal kaum spielen können, doch wenn wir’s übertrieben, konnten wir zwei Nächte lang nicht schlafen. Kam auch häufig vor.

…über die Trennung von den Beatles:

Ich wollte, dass sie in Hamburg bleiben, denn wir wurden sehr gut. Die Jungs hatten vieles, was andere Bands nicht hatten: Charme, Witz, Können, Humor. Endlich spielte ich mit Typen, denen die Musik genauso wichtig war wie mir. Als sie sich entschlossen, nach Liverpool zurückzukehren, war ich sehr traurig.

…über die eraten Erfolge der Beatles:

Als ich „Love Me Do“ erstmals in der Musicbox hörte, dachte ich: Was für eine Scheiße! Und dann „Please Please Me“, noch schlimmer, zum Kotzen. Musik für Teenie-Girls.

…über John Lennon:

Sein Sarkasmus provozierte manchmal Streit. Ich mochte Schlagzeuger Pete Best nicht,er mochte ihn auch nicht. Aber er brachte mich dazu, mich mit Best zu prügeln. Keine Ahnung, wie er das geschafft hat.

Die Beatles – Deutschstunde Die Zeit in Hamburg war doch nicht ganz umsonst. Immerhin lernte der junge Paul McCartney (Foto) einige lebenswichtige Sätze. Hier eine kurze Zusammenfassung aus dem Munde des sprachbegabten Beatle:

„Eine Frikadelle bitte. Das ist ein sehr wichtiger Satz. Dies ist eine Ausweiskontrolle. Es ist 22 Uhr. Alle Jugendlichen unter 18 Jahren müssen den Raum verlassen. Wir machen jetzt Feierabend. George und mich haben Deutsch gelernt in Schule. Jakob der Rabe war die frechste von allen Vögeln, die ich je im Leben gesehen habe.“ (reb) Die Beatles – Lennons Jahr Ein Jahr im Zeichen John Lennons: Am 9. Oktober 2000 wäre er 60 Jahre alt geworden, am 8. Dezember 2000 jährt sich sein Todestag zum zwanzigsten mal. Die Geburtstagsfeier geht in Tokio über die Bühne, wo dieser Tage auch das erste John Lennon-Museum eröffnet wird. Für umgerechnet 32 Mark Eintritt darf man rund 130 Exponate bewundern, die Yoko Ono zur Verfügung stellte. Für Furore sorgt indes der Begnadigungsantrag des Lennon-Mörders Mark David Chapman (45), der seit nunmehr 20 Jahren im Attica State Prison einsitzt. Scheinheilig Chapmans Begündung, nach der es „ein liberaler John Lennon sicher begrüßt hätte, mich in Freiheit zu sehen“. Außerdem sei er geheilt, habe sich bei Yoko Ono entschuldigt und die Chance verdient, ein neues Leben zu beginnen. Yoko Ono will Chapman hingegen hinter Gittern sehen, da sie und ihre Söhne Sean (25) und Julian (37) sich sonst „nicht sicher fühlen“ könnten. Ono weist zudem daraufhin, dass Chapman besser im Knast aufgehoben sei, da manch militante Lennon-Fans womöglich auf Rache sinnen. Im US-Boulevardmagazin „Star“ meldete sich sogleich ein Fan namens James Cusimano zu Wort, der Onos These stützt:“Wir Beatles-Fans sollten Chapman jagen wie einen tollwütigen Hund.“ Give Peace A Chance! www.emimusic.de