Kolumne

Aidas Popkolumne: Don’t forget… Cola Boyy


Hear ME Out: Aida feiert den Vollblutmusiker, die Rampensau, den Aktivisten für ein besseres Morgen.

Das hier soll kein Nachruf werden. Aber ein bisschen ist es doch einer, denn diese Woche möchte ich die Kolumne Cola Boyy, aka Matthew Urango, widmen. Am 18. März verstarb der Musiker im Alter von nur 34 Jahren in seiner Heimat Oxnard (übrigens auch Geburtsort von Madlib und Anderson.Paak) in Kalifornien. Zeitlebens lebte er mit mehreren Wirbelsäulenerkrankungen wie Spina bifida, Skoliose und Kyphose, hinzu kam eine Beinprothese – und eine Gesellschaft, die alles andere als barrierearm ist. Aber Cola Boyy ließ sich nicht behindern, sondern baute sich eine Karriere als Musiker auf, spielte in Punk- und Hardcore-Bands, bevor er als Solokünstler mit einem gutgelaunten, funky Discosound und Texten wie „Being Rich Should Be a Crime“ reüssierte.

Aidas Popkolumne: Musicians that break your heart

Nicht ohne Grund war er unter anderem Mitglied der Organisation „Anarchist People of Colour“ (APOC). Gut vernetzt in der Musikszene – er kollaborierte mit Homeshake, Nicolas Godin von Air, Andrew VanWyngarden von MGMT oder etwa The Avalanches – veröffentlichte er 2021 sein Soloalbum PROSTHETIC BOOMBOX und arbeitete aktuell an dessen Nachfolger.

Discokracher und politische Ansagen

Ich hatte das Glück, ihn vor ein paar Jahren bei einem Fundraiser für ein Jugendprogramm live zu sehen – zwischen lauter Punkkids schmetterte er an dem Tag ohne Band, einfach nur begleitet von Backing Tracks seine Discokracher, hielt unglaublich lustige und trotzdem (oder gerade deswegen?) zutiefst politische Ansagen. Und brachte auch mitten am Tag die Menge zum Tanzen – Ehrensache. Dass er bei einer Benefizveranstaltung auftreten würde, war für ihn selbstverständlich: „Don’t Forget Your Neighborhood“, Titel und Thema von einem seiner bekanntesten Songs, war nicht nur ein griffiger Slogan für ihn, sondern Kern seiner Arbeit. Er engagierte sich für Oxnard und stand dafür, dass die Arbeit für die bessere Welt ganz konkret in der eigenen Lebensumgebung beginnt.

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Diese Prämisse gilt auch in Deutschland – was mich nach Chemnitz bringt. Bald, Ende August nämlich, sind die rassistischen Ausschreitungen in der sächsischen Stadt sechs Jahre her.

Vor sechs Jahren

Sechs Jahre seit der Debatte, wann eine Hetzjagd eine Hetzjagd ist, sechs Jahre seit „Hase, du bleibst hier“, sechs Jahre seit ein Mob versuchte, rechte Chaostage zu etablieren, sechs Jahre seit der Öffentlichkeit zum ersten Mal aufgefallen ist, dass der damalige Chef vom Verfassungsschutz Maaßen vielleicht ein wenig problematisch sein könnte, sechs Jahre seit AfD und Co unverhohlen durch die Stadt zogen und klar wurde: hier baut sich eine rechte Hegemonie auf, die versucht, sich als die Norm in der Stadt zu etablieren.

Aidas Popkolumne: Let’s get out of… the nostalgia loop!

Seitdem ist viel passiert. Schnell entstanden große Gegenproteste, und nur wenige Tage später, am 3. September, organisierte die Band Kraftklub federführend die Veranstaltung #wirsindmehr, Konzerte und Protest für eine offene Gesellschaft. Natürlich lief das auch nicht kritikfrei ab, für den sächsischen Verfassungsschutz galt das Konzert gar als Beweis für die Verbindungen zwischen Nicht-Extremisten und Linksextremisten – „alerta, alerta antifascista“-Rufe und ein Shoutout an den Schwarzen Block der Ironieexperten von KIZ wurden als Indizien aufgeführt.

Bis heute findet eine Aufarbeitung des Sommers 2018 eher, sagen wir mal, schleppend statt, wie Belltower berichtet. Erst letzten Sommer fand ein erster Prozess gegen die Anführer der Ausschreitungen statt, die Betroffenen werden und wurden in den vergangenen Jahren, so heißt es im Bericht, allein gelassen. Und auch Kraftklub selbst erzählten auf ihrem letzten Album KARGO auf „4. September“: „ Am 4. September fahren die Züge wieder regulär und nichts hat sich verändert, die Innenstadt ist wieder leer.“

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Alles also hoffnungslos? Nein, denn Kraftklubs augenzwinkernder Slogan „Ich will nicht nach Berlin“ von vor einem dutzend Jahren ist für viele Künstler:innen und Aktivist:innen bis heute wahr.

Lebendige Subkultur

Initiativen wie „Solichemnitz2018“ oder „Chemnitz Nazifrei“ machen weiter und springen da ein, wo viele wegschauen wollen, recherchieren Zusammenhänge, Hintergründe und kümmern sich um Betroffene und um die Community, die ihre Stadt nicht aufgeben will. Nächstes Jahr ist Chemnitz europäische Kulturstadt, dafür haben sich viele engagiert. Clubs wie das Atomino und Bands wie – neben Kraftklub – Blond, Power Plush oder Tränen stehen für eine lebendige Subkultur.

Aidas Popkolumne: Get up, stand up for your right … to go viral?

Ob es nun Engagement in der eigenen Heimatstadt ist oder Engagement in einer neuen Heimat: Politik fängt vor der eigenen Tür an. Und das beste Denkmal, dass wir Cola Boyy bauen können, ist es „Don’t Forget Your Neighborhood“ in die Realität umzusetzen.