Konzertbericht

Alles haben sie überlebt: Guns N‘ Roses live in Wien – ein sensationeller Sauhaufen

Irgendwo in den Schächten Wiens erhebt 1993 sein müdes Haupt. Schwitzt. Schnauft seinen bierigen Atem in die U-Bahn. Schiebt sich langsam durch die Stadt. Vor dem Ernst-Happel-Stadion kommt die Masse zum Stehen. Schnauft. Schwitzt. Drängt trichterförmig durch die Eingänge hinein.

Vor 24 Jahren sind Guns N‘ Roses hier zum letzten Mal aufgetreten – nicht die gleichnamige Axl-Rose-Revue, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten um die Welt zog, sondern jener sensationelle Sauhaufen, der in den frühen 90ern eine letzte Generation zu Hard Rock und Haarspray verführte. Die  klassische Besetzung hat sich vor einem Jahr wieder zusammengerauft  – oder wenigstens die Essenz davon: Axl, Slash und Duff McKagan. Auf die Möglichkeit einer solchen Reunion angesprochen, hatte Rose noch 2012 geantwortet: „Not in this lifetime.“ Jetzt heißt so die Comeback-Tour. Mehr als 230 Millionen US-Dollar hat sie bislang angeblich eingespielt.

Der Zahn der Zeit hat genüsslich an Axl Rose genagt

Zeiten ändern sich. Früher ließ Axl Rose seine Fans stundenlang warten, bevor er sich auf die Bühne bequemte. Heute wird die Stage Time vorverlegt. 19.30 Uhr. Ein Brüllen aus dem Off: „A band that needs no introduction, but gets one anyway!” Das ist Roadie McBob, der seit Jahren auch als Band-Ansager fungiert. In Melbourne ist ihm unlängst ein Missgeschick passiert: Da hat er der Menge aus Versehen „Sydney!!“ entgegengeplärrt. In Wien ist er besser vorbereitet: „Vienna! Great sausages!!!“

Und schon stürmt einer auf die Bühne, als hätten sie ihn rausgelassen. Das rote Haar ist schütter, der Bauchumfang beträchtlich. Der Zahn der Zeit hat genüsslich an Axl Rose genagt. Seinem Selbstbewusstsein konnte er nichts anhaben. „It’s so easy, when everybody’s trying to please me, baby.” Vor etwas mehr als einem Jahr ist Rose hier als Hired Gun mit AC/DC aufgetreten. Vor ausverkauftem Haus, versteht sich. Heute ist er in diesem Haus der alleinige Herr. Keck wichst er seinen rosa Mikroständer. Hetzt von einem Ende der Bühne zum anderen. Wiegt die Hüften zum Schlangentanz, und führt ein beeindruckendes Panorama geschmackloser Hüte vor.

Er ist gut in Form, auch stimmlich. Vielleicht weil er die alten Hadern endlich wieder in der richtigen Gesellschaft singt. Da stehen sie jetzt also wirklich nebeneinander auf der Bühne. Der blonde und der schwarze Pudel: Duff, groß und gertenschlank, ein Punk im Herzen mit Prince-Symbol auf dem Bass. Und Slash, für immer versunken in seinen Gitarrenhals. Um sie herum wirbelt Axl wie ein orangefarbener Sonic the Hedgehog. Sein Ruf geht heute wieder durch Mark und Bein: „You know, where you are, Vienna?“ 55.000 Konzertbesucher wissen es: Im Dschungel sind sie. Sterben werden sie. Bitte, danke.

Hard Rock gedeiht bei Wind und Wetter

APPETITE FOR DESTRUCTION war die Sternstunde des Hair Metal. Fast auf den Tag genau vor 30 Jahren ist die Platte erschienen, knapp 30 Millionen Mal hat sie sich bis heute verkauft. Die Nachfolger USE YOUR ILLUSION I und II (1991) übertrafen das noch einmal (in Kombination), die Band aber zerschellte am Ego des Frontmanns. Der feuerte alle, die nicht er waren. Bunkerte sich im Studio ein. Nahm ein Album auf, das für seine ewig verzögerte Veröffentlichung notorisch wurde. 14 Jahre dauerte die Arbeit an CHINESE DEMOCRACY, 14 Millionen Dollar verschlang sie – und spielte nur einen Bruchteil dieser Kosten ein. Damit der Aufwand nicht ganz umsonst war, werden heute aber auch von dieser ungeliebten Platte drei Nummern zum Besten gegeben. In der allgemeinen Euphorie überhört man sie gerne.

Die Wolken verdichten sich, erste Tropfen fallen vom Himmel. Hard Rock gedeiht bei Wind und Wetter. Während ihm der Sturm die Mähne in den Nacken föhnt, soliert sich Slash in Rage. Egal, wen sich Rose in all den Jahren an die Seite gestellt hat, ob sie Essgeschirr auf dem Kopf trugen oder Bienengitarren würgten, ihn konnte keiner ersetzen. Seine Riffs gehen butterweich in die Nacht. Keine Sekunde will man die Augen abwenden von ihm oder einem der anderen Darsteller in diesem Rocktheater.

In den Nebenrollen: Dizzy Reed am Keyboard. Er ist der einzige, der Axl Rose in all den Jahren die Treue gehalten hat, die gute Seele. Am zweiten Keyboard: eine blass-blaue Harley Quinn mit grimmigem „Du kommst auch noch in meine Gasse“-Blick. Lieb auch der Herr mit der Izzy-Stradlin-Gedenkfrisur, der hektische Fingerübungen an der „Rhythmus-Gitarre“ vorführt. Ein bärtiger Bär am Schlagzeug komplettiert das Line-Up der Namenlosen. Er gibt sich gar nicht erst Mühe, seinen Vorgängern ähnlich zu sehen. Dafür spielt er besser als Steven Adler und Matt Sorum. Die Drums sind bei Guns N‘ Roses halt noch am leichtesten nachzubesetzen. Und doch: Ewig schade, dass es nicht alle Ur-Mitglieder zur Reunion geschafft haben. Aus gesundheitlichen Gründen im Fall von Adler. Weil die andern „die Beute nicht gleich verteilen wollten“, wie Stradlin erklärte.

„1991 – was für ein geiles Jahr!“

Slash tauscht die Les Paul gegen eine zackige Achtziger-Axt. Fans wissen, was das bedeutet: „You Could Be Mine“. Cyborg-Skelette grinsen von der Leinwand. Eine Anspielung auf „Terminator 2“, zu dessen Soundtrack Guns N‘ Roses den Song einst beisteuerten. „1991 – was für ein geiles Jahr!“, bemerkt ein Konzertbesucher. Wie zur Mahnung stimmt Duff das alte Johnny-Thunders-Lamento an: „You Can’t Put Your Arms Around A Memory“. Ein rarer Höhepunkt der 95er-Coverplatte THE SPAGHETTI INCIDENT?

„This I Love“ schleimt sich ins Ohr. Axl croont wie Uwe Kröger, was immerhin einen Konzertbesucher zum Ausdruckstanz inspiriert. Der Rest beginnt sich zu wundern, bis wann der Babysitter bestellt ist. Es folgt ein zehnminütiges Wach-„Coma“, danach ein Gitarrensolo, das von „Johnny B. Goode“ bis zum „Godfather“-Thema führt. Ja, Kinder, so war das früher!

Erst das Riff von „Sweet Child O‘ Mine“, dem „Born To Run“ des Sunset Strip, reißt einen wieder aus dem geistigen Dämmerzustand. Der Hit-Block ist damit eröffnet: „Used To Love Her”, „Nightrain”, „Patience”. Dazwischen die schönsten Klassiker aus der Fußgänger-Zone: „Wish You Were Here” (Pink Floyd), „Knockin‘ On Heaven’s Door” (Bob Dylan) und „Layla” (Derek & The Dominoes).

Auf den „November Rain“ folgt die „Black Hole Sun“ als Verneigung vor dem kürzlich verstorbenen Chris Cornell. Mit Soundgarden hat er vor 25 Jahren im Vorprogramm von Guns N‘ Roses gespielt. Wie durch ein Wunder haben sie ihn überlebt. Alles haben sie überlebt: Drogen, Alkohol, Scheidungen. Eine Herzoperation (Slash), eine entzündete Bauchspeicheldrüse (Duff) und Genitalwarzen (wieder Slash). Einen größeren Sauhaufen wird es nicht mehr geben. Eine brillantere Rockband auch nicht.

Not in this lifetime. Or the next one.


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