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„Berlin ist was für Schwanzlutscher! Deswegen hat es mich dort hingezogen.“ – Kay Shanghai

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Nicht nur in Jans Umfeld wandern immer wieder halbe Freundeskreise nach Berlin aus, auch Kay kennt das Problem und hat sich deshalb sogar schon mal zu einer Aussage hinreißen lassen, die für die Kollegen der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ so rabiat war, dass sie sie nur in abgeänderter Form druckten. „Ich hab’ in einem Interview mit denen mal gesagt, „Berlin ist was für Schwanzlutscher, deswegen hat es mich dort hingezogen“. Das wollten sie aber nicht schreiben“, sagt er. Damals gingen all seine Freunde nach Berlin, das hat ihn einfach geärgert. Die Zeitung hat Schwanzlutscher gegen Anfänger getauscht und ein bisschen den Witz versaut, das macht aber nichts, wir kichern.

Mit seiner Kaffeerösterei und Brewbar "Neues Schwarz" hat Benedikt Heitmann die Third-Wave-Kaffee-Bewegung in den Pott geholt.
Mit seiner Kaffeerösterei und Brewbar „Neues Schwarz“ hat Benedikt Heitmann die Third-Wave-Kaffee-Bewegung in den Pott geholt.

Hier gibt’s Branchen, in denen man Erfolg haben kann, weil man der Erste ist.

Anderen wiederum kommt das Wegziehen ganz gelegen. Benedikt Heitmann zum Beispiel, der sich mit seiner Kaffeerösterei Neues Schwarz in Dortmund selbstständig gemacht hat. „Hier gibt’s bestimmte Branchen, in denen man Erfolg haben kann, weil man der Erste ist“, sagt er. Wie praktisch! Mit seinem Third-Wave-Kaffee betritt er tatsächlich weit und breit Neuland und bringt den Dortmundern nahe, wie man hochwertigen Kaffee so bewusst genießen kann wie sonst nur guten Wein. Die Klientel, die den Shop regelmäßig zum Kaffeekauf oder -konsum – natürlich ist Neues Schwarz nicht nur Rösterei, sondern auch Brewbar, das nennt man heute so – aufsucht, hat mit Hipstern wenig gemein. Benedikt benutzt das Wort „heterogen“, wenn er von seinen Kunden spricht. Omas und Opas aus der Nachbarschaft sind ebenso gern gesehen wie Cafébesitzer aus umliegenden Städten, die seine Röstungen zum eigenen Ausschank anbieten. Und wenn dann doch bald die coolen Kids reinschneien sollten, sich die Gegend weiterentwickelt, austauschbarer Großstadt-Flair entsteht? „Nein, nein. Die Leute, die das wollen, gehen nach Berlin“, lacht er. Das hat er noch nicht gemacht, aber nach Nürnberg ist er vor ein paar Jahren gegangen. Die fränkische Metropole brachte ihn auch auf die Idee für seinen Laden, und er die Idee wieder zurück nach Dortmund. „Die Stadt hat 500.000 Einwohner und sehr viele andere große Städte drum herum, da ist enormes Potenzial für so ein Produkt“, das sagt er so euphorisch, dass man sich sicher sein kann: Dieser Mann hat niemals ernsthaft in Betracht gezogen, das Ruhrgebiet langfristig zu verlassen. Nur mal kurz rauskommen, Ideen sammeln, inspiriert werden, das war erlaubt.
neuesschwarzfilter-3_swDie Zelte in der Heimat abzubrechen kommt auch für Kay nicht infrage. Er wohnt mittlerweile im Pott und in der Hauptstadt, pendelt zwischen zwei Wohnungen, nachdem er zu Beginn in Berlin vorerst bei seinem Freund Dagobert, dem süßen Schnulzensänger aus der Schweiz, auf der Couch landete. Die beiden kennen sich, weil Dagobert einst im Hotel Shanghai spielte, Kay lud ihn zu seinem Geburtstag ein, sie kamen sich näher, wurden Freunde. Und obwohl Kays Leben ein bisschen so wirkt wie das von Macaulay Culkin und Seth Green im New-York-Clubkids-Druffi-Film „Party Monster“: Ihn einzig darauf zu reduzieren, ein wildes Leben zu führen, wird ihm nicht gerecht. Im verschlafenen Mülheim, dort, wo alles angefangen hat, geht er abends gern ins Kino und mag, dass ihm auf dem Weg dorthin kaum eine Menschenseele begegnet. „Mülheim ist wie ’ne Freiluftanstalt, hier lässt man mich ein bisschen mehr in Ruhe als in Essen“, sagt er und lässt den Qualm seiner Zigarette zart über seine Lippen treiben.

Guy Dermosessian kommt eigentlich aus Beirut, lebt als Labelgründer, DJ und Kulturschaffender aber in Bochum.
Guy Dermosessian kommt eigentlich aus Beirut, lebt als Labelgründer, DJ und Kulturschaffender aber in Bochum.

Ruhe, das ist ein gutes Stichwort und das absolute Gegenteil von dem, was Guy Dermosessian im Ruhrgebiet fabriziert. 2007 hat es ihn von Beirut nach Bochum verschlagen, er gründete das Musiklabel Kalakuta Soul Records, initiiert das Kunstfestival Rundlauf Bochum, kuratiert die Partyreihe Funkloch und scheint immer und überall ­dabei zu sein. Kein Wunder, dass man bei so viel Rumkommen schnell zum besten Beobachter der Stadtdynamik wird. „Hier im Ruhrgebiet heißt es: Wir müssen was machen, sonst passiert hier nix! In Berlin heißt es: Was sollen wir noch alles machen?“, sagt er und klingt dabei so, als hätte er gerade den Schlachtruf einer ganzen Generation junger Menschen formuliert. Viele von ihnen haben einfach Bock. Und wissen, dass sich subkulturelle Enklaven nicht einfach aus dem Boden stampfen lassen. Der postindustrielle Wandel hat tiefe Löcher in die Gegend gefressen, das weiß man schon lange. Neu ist, dass man diese Entwicklung nicht mehr bejammert. Den großzügigen Leerstand machen sich immer mehr Kreative zu eigen, die Stadtverwaltungen verstehen das langsam. Die Herner Straße in Bochum ist ein gutes, junges Beispiel dafür: Ende der 90er-Jahre noch ein Hot Spot, eine kleine Flaniermeile, muss­ten immer mehr Läden schließen, bis die Straße schließlich vollkommen brach lag. Heute hat sich die Gegend erholt, man kann fast schon von einem Kiez sprechen, so niedlich fügen sich das Café Eden, die kleine Eisdiele Kugel­pudel und die Trinkhalle, eine fancy Eckkneipe nach klassischem Berliner Vorbild, mit Euro­paletten und Craft Beer, ins Straßenbild ein. Und trotzdem: Das Ruhrgebiet nehmen die meisten als düstere Industriewüste wahr. Benedikt spricht von „Reduzierung“, Guy nennt es „Ruhrgebietsverniedlichung“, Jan schlichtweg „Industrie­scheiß“. Und Kay? Freut sich lieber, dass Berlin nicht allzu weit entfernt ist. „Also, starte gut in die Nacht!“, sagt er und rauscht davon.

Foto: Heimat Design


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