Highlight: Mittelmäßige Rocker und Comedians: Die Foo Fighters besitzen die Coolness von bierseligen Lehramtsstudenten

Popkolumne, Folge 12

Captain Kirk, Giulia Becker, Kapelle Petra, zu lang laufende Sitcoms sowie Mobbing gegen Stoner Rock: Die Popwoche im Überblick

LOGBUCH: KALENDERWOCHE 12/2019

In Zürich beim m4music Festival auf einer Podiumsdiskussion sitzen und über die Zukunft von Musikjournalismus reden?
Bedeutet vornehmlich, dass man sich im Vorfeld dauernd anhören muss, dass diese Veranstaltung ja vermutlich nicht sehr lange gehen könne! Von wegen keine Zukunft. Haha, zu komisch, ich habe mir alle gemerkt, die damit kamen, eure Acker werde ich auch noch salzen.

Foto: Jane Wakefield
Foto: Jane Wakefield

Backstage kurz vor dem Panel der nächste Aufreger. Die Band der Riesen in dunklen Funktionsjacken baut sich vor mir auf. Kettcar! Ach, die spielen ja auch heute Abend. Ich schüttle höflich ihre großen Hände, am Ende der Reihe ein mir unbekanntes Gesicht. Ich blicke auf seinen Umhänge-Ausweis: Stephan Thanscheidt, der Chef-Booker des Hurricane-Festivals, mit dem ich zuletzt Beef hatte über die Frauenquote seines Open Airs. Ich klopfe unauffällig meine Jackentaschen ab, nichts… unbewaffnet, auch das noch! Da taucht die Stage-Managerin des Panels auf, es täte ihr leid, mich aus dieser Begegnung hier reißen zu müssen, aber die Diskussion auf der Bühne ginge jetzt los. Glück gehabt!

Kettcar live @m4music Festival
Kettcar live @m4music Festival
International Music live @m4music Festival
International Music live @m4music Festival

GEBURTSTAG DER WOCHE: William Shatner (*22.03.1931)

Shatners Impersonation des Tatmenschen James T. Kirk gilt zwar nicht als besonders schauspielerisch wertvoll – ist aber dennoch für die westliche Popkultur ikonisch. In den neuen Star-Trek-Filmen wie auch in der aktuellen Serie „Discovery“ gibt es immer wieder Verweise auf jenen Kirk, der untrennbar mit Shatner verbunden bleibt. Zur Feier des Tages hier das Fan-Video zu Shatners wohl stärkstem Ausflug in die Welt des Pops. Seine Version von Pulps „Common People“.

Kooperation

MEME DER WOCHE

Ist das überhaupt noch ein Meme oder schon politischer Aktivismus? Sorry, Rudolf Augstein! So sieht heute halt Journalismus aus.
Ist das überhaupt noch ein Meme oder schon politischer Aktivismus? Sorry, Rudolf Augstein! So sieht heute halt Journalismus aus.

KONZERT DER WOCHE: Larkin Poe

Staubtrockener Indie-Blues mit Country-Feeling aus Atlanta. Der ein oder andere anwesende Musikbranchen-Hipster wirkt irritiert beziehungsweise fühlt sich richtiggehend unwohl. Die beiden Schwester von Larkin Poe ziehen ihren Western-Style dermaßen konsequent und unironisch durch – das ist man einfach gar nicht mehr gewöhnt. Allerdings kommt man schnell rein und freut sich über die Abwesenheit eines doppelten Bodens. Dazu Musik, als würde man gerade Petting machen mit dem Marlboro-Mann.

<strong>Larkin Poe, im Schiffbau, Zürich: </strong>Selbst fotografiert, liebe Musikexpress-Echsen. Like wer denkt, das hätte er gerade noch besser hinbekommen.
Larkin Poe, im Schiffbau, Zürich: Selbst fotografiert, liebe Musikexpress-Echsen. Like wer denkt, das hätte er gerade noch besser hinbekommen.

BUCHMESSE DER WOCHE: Leipzig

Die Buchmesse in Leipzig beginnt. Was vor allem heißt, dass Hotels, die beispielsweise ein großer Button am Einlass schmückt, „Alle Zimmer 49 Euro“, endlich mal wieder 129 Euro pro Nacht kosten dürfen!

Wer so sensibel ist, dass er wirklich gerne Bücher liest, kann sich das apokalyptische Gedränge bei der Messe eh nicht antun. Meine Meinung! Interessiert bin ich allerdings sehr an „Das Leben ist eins der Härtesten“ (Rowohlt) von Giulia Becker, das erscheint nämlich jetzt. Es ist kein Comedy-Rip-Off sondern ein „echter Roman“. Geil, Fallhöhe! Ich werde berichten…

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ALBUM DER WOCHE: Kapelle Petra – NACKT

Für mich eine übertrieben unterschätzte Bands im Deutschpop-Game. Auf ihren Platten findet sich stets so eine Dichte an richtig bewegenden Songs – mal ganz verschmitzt, mal voller herzlichem Sentiment. Anfänglich dachte ich daher, dass Kapelle Petra (kommen irgendwo aus dem Ruhrgebiet) vielleicht religiös wären. Wegen den mäßig kaschierten positiven Botschaften vieler Songs. Doch mittlerweile bin ich sicher, es sind halt ganz normale Dämonen auf Bier und Sehnsucht – wie man selbst eben. In NACKT jetzt ist auch wieder so viel drin. Der Opener „Weltkulturerbe“ ist auf jeden Fall das bessere „Ein Kompliment“ der Sporties – und „Bundesjugendspieleteilnahmebescheinigung“ das bessere „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Wenn man eine Ode an die Vergeblichkeit zumindest nicht wie Proust auf sieben Bände aufgeblasen haben möchte, dann liegt man bei Kapelle Petra auf jeden Fall richtiger.
Auf diesem Album kann man sich aufhalten, es ist ein Safe-Space – selbst wenn der ganze Boden drum rum Lava sein mag.

SERIE DER WOCHE: „Modern Family“ S07

Neu ist die siebte Staffel, die seit März bei Netflix steht, nun nicht gerade. Schließlich sind acht, neun und zehn bereits gesendet worden in den USA – und mit der Laufnummer elf wurde dieses Jahr die finale Season angekündigt.
Schade natürlich, also das mit der postulierten Endlichkeit. Denn die Ereignisse um die drei ungleichen und heillos miteinander verzahnten Familien, haben in ihrem Mockumentary-Style die letzten Jahre stets verlässlich richtig gute Unterhaltung geboten. Leichtfüßig, aber nie flach – und teilweise mit dermaßen gut verwobenen Plots, wie es einst nur „Seinfeld“ hinbekommen hatte.
Allerdings gibt es kaum eine Comedy-Serie, die jenseits der fünften Staffel noch lange ihr Niveau halten konnte.
Wie „Modern Family“ dann irgendwann sich Ruhe setzt? Noch als Champ oder schon lange abgehakt? Keine Ahnung, allerdings funktioniert Staffel 7 erstaunlich gut. Vorsicht Spoiler: Mein Highlight ist, als der schwule Cameron einer christlichen Rockband am Schlagzeug aushilft. Die Musiker sind begeistert. Auf der Bühne allerdings hört Cameron erst die homophoben Texte der Songs („Man shouldn’t lie with another man“) – als höflicher Drummer möchte er natürlich nicht den Takt aufgeben, als Aktivist kann er aber auch nicht einfach weitermachen. Allein seine Mimik in jener herrlich schrecklichen Situation wären mir schon wieder ein paar Emmys wert.

LISTE DER WOCHE: Sitcoms, die früher hätten enden sollen

01 „Two And A Half Men“ (2003 – 2015) – Man hatte das Gefühl, die Nummer wurde nur wegen des penishaftigen Kleinkriegs zwischen Produzent und (dem dann gefeuertem) Star dermaßen in die Länge gezogen.

02 „King Of Queens“ (1998 – 2007) – In einer der späteren Folgen wurde White-Trash-Ikone Doug Heffernan plötzlich Intellektueller und Vegetarier. Definiere „auserzählt“.

03 „The Big Bang Theory“ (2007 – 2019) – Statt um Nerds und deren unseen Parallelwelten geht’s nonstop nur noch um spießige Hetero-Beziehungsprobleme. Schluss jetzt!

DER VERHASSTE KLASSIKER: Kyuss

Kyuss
Gesamtwerk
(1988 – 1995)

Es ist meist nicht leicht, den Verursacher für eine Katastrophe zweifelsfrei zu benennen. Bricht eine globale Epidemie aus, beginnt für die Mediziner die Jagd nach Patient Alpha. Verbreitet sich eine Musikrichtung weltweit, wälzen sich die Musikjournos durch verkeimte Demo-Tapes – auch auf der Suche nach Band Alpha. Alles letztlich vergeblich, versteht sich.

Im Falle von Stoner Rock, der trockenen Schweinegrippe unter den Genres, ist sich die Wissenschaft allerdings ziemlich sicher, wer die Schuld trägt: Josh Homme. Ein bleicher Gitarrist aus Kalifornien – nur echt mit schwarzem Lederband um die Handgelenke. Für den Original-Stoner-Sound seiner Band Kyuss stimmte er seine Gitarre mehrere Halbtonschritte herunter. Damit fängt’s ja schon mal an! In manchen Ländern der Welt steht auf sowas Festungshaft. Bloß im verweichlichten Westen konnte man damit mal wieder durch Gesetzeslücken schlüpfen. Dieser Gitarrensoli-verwanzte Wüstenkitsch besaß dabei immer etwas Ähnlichkeit mit „Indianer“ von den Village People – also von der Realness her, leider nicht vom Sound! Aus diversen historischen Missverständnissen (Y2K-Bug, Bilderberger, Flat Earth etc.) gilt das unhörbare Gegniedel und Geklampfe bis heute noch als total genial. Zumindest solange bis man es sich mal wieder anhört. Danach denkt man anders über diesen „Klassiker“. Immerhin das!

Linus Volkmann („Musikjournalist“)

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte von Linus Volkmann im Überblick.


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