Die 700 besten Songs aller Zeiten: Plätze 400 bis 351

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Am 13. März 2014 ist sie erschienen, die sage und schreibe 700. Ausgabe des Musikexpress. Und die hatte es in sich: Wir hatten eine prominente zigköpfige Jury aus Musikern wie etwa Lana Del Rey, Mark Lanegan, Danger Mouse, Marteria, Thees Uhlmann, Judith Holofernes, WhoMadeWho sowie aus Autoren, Journalisten und Fachleuten von anderen Magazinen, Tageszeitungen, Radiosendern und Plattenlabels nach ihren Lieblingssongs aller Zeiten gefragt. Herausgekommen war in mühevoller Kleinarbeit nicht weniger als eine Liste mit den 700 besten Songs aller Zeiten inklusive Texten zu jedem (!) dieser Songs, und diese Liste haben wir Euch nach und nach online auf Musikexpress.de/700 präsentiert.

Hier die Einzelteile unserer „700 besten Songs aller Zeiten“ in der Übersicht:

Und hier kommen nach unseren Plätzen 700 bis 651, 650 bis 601, 600 bis 551, 550 bis 501, 500 bis 451 und 450 bis 401 unsere Plätze 400 bis 351 im Detail:

400. Pink Floyd – „See Emily Play“

Syd Barretts nächster Geniestreich: Wie ein wundervoller, halbvergessener Traum kommt dieses Psychedelic-Pop-Wunderding dahergeschwebt, ein magischer Mix aus Kinderlied, Spieldosenmelodie und Studiozauberei. Mit „See Emily Play“ schafften es Pink Floyd auf Platz sechs der UK-Charts.

399. Squeeze – „Up The Junction“

Zweifellos eine wundervolle Melodie, aber der unglaubliche Flow von Chris Diffords punktgenauem Text ist eigentlich noch viel bemerkenswerter: eine durch und durch englische Working-Class-Moritat voller Ironie, Herzenswärme und alkoholbedingter Tragik.

398. Sonic Youth – „Kool Thing“

Der Wechsel zur Industrie schliff den Godfathers of Noise Rock nicht die Kanten ab. Er machte den Zyklon der sirrenden Gitarren und Feedbackwände bestenfalls schnittiger und stürmischer: „Kool Thing“ bringt New York Noise auf die Tanzflächen der Diskotheken.

397. Canned Heat – „On The Road Again“

Im Kern ein minimalistisches E/G/A-Boogie-Riff. Angereichert mit psychedelisch summendem Tanbur, Mundharmonika und einer Klammer aus schummrigen Flageoletttönen. Darüber das geisterhafte Falsett Alan Wilsons. Und fertig ist eine völlig unfassbare Nummer.

396. Arctic Monkeys – „I Bet You Look Good On The Dancefloor“

Symptomatisch für den frühen Sound der Band: New Wave à la Gang Of Four. Mit ironiegetränkten Texten, die nebenbei Duran Duran abwatschen: „Your name isn’t Rio, but I don’t care for sand.“

395. MGMT – „Kids“

Für MGMT entpuppte sich der Indiedisco-Smasher „Kids“ als Fluch und Segen zugleich. Ein Popnümmerchen, das die Promiskuität abfeierte und das bis dahin zelebrierte Hippietum des Duos zunichtemachte, weil sich alle naselang jemand wunderte, wieso das Duo auf Albumlänge komplett anders und anstrengend klang.

394. Nick Cave & The Bad Seeds – „The Mercy Seat“

Sicher der beste Song, der jemals aus der Sicht eines Todeskandidaten auf dem elektrischen Stuhl geschrieben wurde. Dazu laufen die Höllentrommeln Amok, immer im Kreis und schneller und schneller – „and I’m not afraid to die.“

393. Ike & Tina Turner – „Nutbush City Limits“

Der Song wäre schon ein Klassiker, wenn er nach fünf Sekunden vorbei wäre und man nur dieses Honkytonk-Hardrock-Gitarrenriff gehört hätte. Aber dann setzt der hammerharte Beat ein, und über den Funkrock-Hexenkessel faucht Tina Turner wie die Königin der Löwen.

392. The Smiths – „Cemetry Gates“

„Cemetry Gates“ kombiniert Fragmente literarischer Klassiker und Filme, fügt sie zu einem cleveren Ganzen zusammen. Textlich parodiert Morrissey sich selbst, dazu diese Bassline und Marrs Gitarrenkunst … ein Meisterwerk für sich.

391. Beck – „Loser“

Ein Song von unschätzbarer Bedeutung, da er zwar wie die Hits von Nirvana Anfang der 90er-Jahre alternative Musik in die Pop-Charts brachte – allerdings ohne verzweifelt sein zu müssen. „Loser“ ist, bei aller Sample-Raffinesse und bei all seinem teuflischen Groove, hochgradiger Slacker-Quatsch – der bis dato keinen Platz im Mainstream hatte.

390. Pink Floyd – „Arnold Layne“

Und noch einmal Syd Barrett, mit einem Beispiel für seinen skurrilen Humor: In „Arnold Layne“ geht es um einen Transvestiten, der Frauenunterwäsche von Wäscheleinen klaut. So bizarr die Lyrics, so wunderbar eingängig die psychedelisch schillernde Musik. Ein Trip durch Swinging London.

389. Kylie Minogue – „Can’t Get You Out Of My Head“

Das mysteriös-monotone  Stück Fuller-House war der offiziell okaye Ohrwurm der Radio-Saison 2001/2002. Vor allem aber war es die endgültige Rehabilitation eines gefallenen Mädchenwunders als ernst zu nehmende Pop-Diva. Außerdem: der weiße Anzug im Video!

388. David Bowie – „Sound And Vision“

Als Zuhörer spürt man förmlich, wie elektrisiert David Bowie von der zierlichen Gitarrenminiatur ist, die dem dicken Drumbeat quirlig zwischen den Beinen herumtänzelt. Erst nach der Hälfte von „Sound And Vision“ setzt dann schließlich der Gesang ein und Bowie erzählt davon, sein Zimmer „blue, blue, electric blue“ zu streichen. Genial.

387. Chic – „Good Times“

„Good Times“ führt den Chic-Stil zur Vollendung: eine todsichere Bassline, satter Sound und haufenweise Hooks zum Mitsingen.

386. Elvis Presley – „Can’t Help Falling In Love“

Wenn der King im wärmsten Bariton dazu auffordert, seine Hand zu nehmen, und dann mit zartem Vibrato ergänzt  „Take my whole life, too!“: Wem es nicht spätestens da die Härchen auf den Unterarmen aufstellt, dem kann nicht mehr geholfen werden.

385. Nirvana – „Lithium“

Kurt Cobain treibt das Leise-laut-Spiel auf die Spitze: Lethargisch fläzt sich der Song in der Strophe gegen die Wand, um dann einen Satz nach vorn zu machen und im Zwischenteil schließlich außer Kontrolle zu geraten: „I’m not gonna crack“, heult Cobain im Auge des Sturms. Und macht doch genau das.

384. Prince – „1999“

1982 ließ Prince schon die Korken zur Jahrtausendwende knallen. Die Stimmung ist apokalyptisch, der Himmel „purple“, überall herrscht Krieg. Die letzte Party vor dem Weltuntergang also, zu einem Sound, den die DJs damals Future-Funk nannten.

383. Daft Punk – „Around The World“

Wann genau Daft Punk die größten Popstars ihrer Generation wurden, ist schwer zu sagen. Mit „Around The World“ aber wurde schlagartig klar, dass sie das mal sein könnten. Sieben Minuten, ein Loop, eine Welt unter einem Groove.

382. Fugazi – „Waiting Room“

Kurz vor der Alternative-Rock-Zeitenwende war man mit dem Washingtoner DIY-Kollektiv Fugazi auf jeden Fall auf der richtigen Seite, „Waiting Room“ das allergerechteste Brett – brachial, wendig, weil Ska-infiziert, mindestens so sexy wie angry. Wurde und wird bis heute gerne in Konzerten von Bands wie den Red Hot Chili Peppers, Billy Talent, TV On The Radio gecovert.

381. Booker T & The M.G.s – „Green Onions“

Klassischer 12-Bar-Blues mit Tanzzwang und einer dahinfließenden Melodie aus der Hammond-Orgel. Ursprünglich als B-Seite von „Behave Yourself“ veröffentlicht, nachdem Radios aber sofort darauf ansprangen, wurde der Song schnell als A-Seite neu herausgebracht.

380. Captain Beefheart & His Magic Band – „Zig Zag Wanderer“

Der Bass wummert bedrohlich, das Schlagzeug poltert rudimentär, die Gitarren sägen und quengeln, dass es eine wahre Freude ist, und der Captain röhrt darüber einen ziemlich frei assoziiert wirkenden Text. Angemessen laut gehört ein echter Knaller.

379. Depeche Mode – „Never Let Me Down Again“

Man müsste mal nachschlagen, wann zuletzt ein Depeche-Mode-Konzert nicht mit „Never Let Me Down Again“ und minutenlangem Armeschwenken geendet hat. Gefühlt: 1986. Mit dürren Worten, aber großem Arrangement hat Martin Lee Gore ein Monument des schönen Pathos geschaffen.

378. Tom Waits – „Tom Traubert’s Blues“

Den Refrain des australischen Folksongs „Waltzing Matilda“ (1885) kombinierte Waits mit einer Eigenkomposition, inspiriert von einer Sauftour durch Kopenhagen. Am Piano sitzend, umgeben von einem fünfzehnköpfigen Orchester, lässt er der Melancholie ihren Lauf. Ein Song wie ein ewig währender Hangover, der in knapp sieben Minuten Waits’ Lebenswerk auf den Punkt bringt.

377. Violent Femmes – „Blister In The Sun“

Klassiker, der bis heute bei jeder amerikanischen Highschool-Reunion läuft. Kein Wunder: Es geht ums Kiffen, Saufen und Masturbieren unter Drogeneinfluss – „big hands, I know you’re the one“. Das Einstiegsriff ist das „Smoke On The Water“ der Generation X.

376. Soft Machine – „Memories“

Soulig, bluesig, balladesk und weit entfernt von den späteren avantgardistischen Exkursionen der Canterbury-Band. Aber sie waren in diesem Song schon angelegt, die jazzy Harmonien und die ungeraden Akkordfolgen. Großartig: das Orgelsolo von Mike Ratledge, Daevid Allens Minimalistengitarre und der flehende Gesang von Robert Wyatt.

375. Harry Nilsson – „Everybody’s Talkin'“

Wie gemacht für unsere Zeit: Der Protagonist in dem eigentlich von Fred Neil stammenden Folksong kann mit dem lauten Stimmenwirrwarr um ihn herum nichts anfangen – also sucht er allein den Weg zum Glück. Harry Nilsson weitaus bekanntere Version fügt dem Song die nötige Unbeschwertheit hinzu.

374. The Beatles – „I Am The Walrus“

Ein Song wie ein Monument, mit 16-köpfigem Chor, irrwitzigen Studiotricks und verfremdeten Streichern, die sich beim Finale in die Unendlichkeit schrauben. Nicht zuletzt Lennons härteste Denkaufgabe für Leute, die damals allerlei in seine Texte hinein interpretierten.

373. The Carpenters – „Yesterday Once More“

Für die Künstlergeneration, deren coming of age direkt nach dem zweiten Weltkrieg stattfand, spielt das Radio eine fast mythische Rolle: Chuck Berry, Beatles und Carpenters besangen DJs und Radio als ätherische Lichtbringer und Projektionsflächen für Nostalgie.

372. Massive Attack – „Protection“

Drei Jahre nach „Safe From Harm“ griff der Bristol-Bunch erneut das Motiv von Bedrohung und Zuflucht auf. Die Stimme für diese Soundvision fand er diesmal in Tracey Thorn, die tatsächlich flehend und schützend zugleich klingt.

371. Antony & The Johnsons – „Hope There’s Someone“

Man hört in Popsongs viel über Liebe und das Leben, über Trennungen und Einsamkeit. Aber wer vertont schon den Tod? Antony gelang das Kunststück. Man hört die Angst davor, alleine zu sein, wenn es zu Ende geht. Ein geisterhafter Song. Und eine Hymne aufs Überleben.

Platz 370: Burt Bacharach – „Something Big“

Die ganze hohe Kunst des sog. „Easy Listenings“. Ein Stück jazziger Orchester-Pop, für das die Leichtigkeit erfunden worden zu sein scheint. Erst bei mehrmaligem Hören fällt auf, wie viel Raffinesse und klanglicher Reichtum darin stecken und vor allem: welch ungeheure Dynamik.

369. New Order – „Bizarre Love Triangle“

Vielleicht ist der Song die Essenz von New Order: Der Electro-Sound klingt nach seiner Zeit und doch noch frisch. Der Text bedeutet nicht viel. Eine Super-Melodie – und ohne Hookys Bass wäre doch alles nur die Hälfte wert.

368. Black Sabbath – „Planet Caravan“

Einer der Belege dafür, dass sich Black Sabbath nie auf die Rolle als Metal-Posterboys reduzieren lassen wollten, die ihnen nach ihrem Debüt anhing. Ozzys fantastische Stimme auf dieser vertrippten Psych-Perle nimmt Geezers Naturlyrik allen potenziellen Kitsch.

367. N.W.A. – „Straight Outta Compton“

Danach war alles anders. Über einen wütenden Beat berichteten die crazy motherfucker ungeschönt und harsch vom Leben auf den Straßen L.A.s und brachten Westcoast-HipHop unmissverständlich auf die Karte. Damit war der Gangster-Rap reif für den Mainstream.

366. David Bowie – „Suffragette City“

Einer der langlebigsten Rocker im Kanon Bowies. Entzückendster Moment: Wie der Song abbricht und mit „Wham bam – thank you, Ma’am!“ weitermacht.

365. Elton John – „Rocket Man“

Vordergründig schießt Elton John seinen Ich-Erzähler zum Himmel, zu einer Zeit als der Wettlauf im All kurz vor seinem Ende stand. Aber im Grunde liegt das Ferne so nah: die nachdenkliche Erzählung lässt uns alle teilhaben am alltäglichen Hadern eines Mannes, der seine Familie vermisst.

364. Hank Williams – „Ramblin‘ Man“

Begleitet von einer erschütternd simplen Melodie, gesteht Hank seinem Mädchen, dass er sie unglücklich machen wird, weil er es nicht ändern kann, ein streunender Straßenkater zu sein.

363. Suicide – „Ghost Rider“

Es dauert nicht lange, bis der der Opener des Albums SUICIDE vom distanzierten Vortrag über den Ghost Rider (ein Marvel-Comicheld) und seine Supernatural-Biker-Mystik bei seiner Kernziele angekommen ist: „America is killing its youth“ – kurz nach Vietnam war daran überhaupt nichts Comichaftes oder Ironisches. Suicide taten stets weh, in allem, was sie taten.

362. Can – „You Doo Right“

„Solange Can Soul spielen, sind sie unschlagbar“, sagte Conny Plank. Das hier ist Soul direkt aus den Windungen des Hirns, zusammengehalten nur von Holger Czukays geduldigem Bass.

361. Abbie Mitchell – „Summertime“

Nur wenige Songs lösten eine so große Flut von Coverversionen aus wie dieses Wiegenlied über das vermeintlich leichte Leben im heißen Südstaaten-Sommer. Aus der „Porgy And Bess“-Arie entstanden seit 1935 unzählige Jazz-, Scat-, Pop- und Bluesversionen – von John Coltrane bis hin zu den Beatles und Janis Joplin.

Platz 360: Kraftwerk – „Radioaktivität“

Morsezeichen, Kling-Klang-Melodie, gesampelte Chöre aus einem „Vako Orchestron“-Keyboard und ein deutsch-englischer Text: technoider Retro-Futurismus in konsequentester Form.

359. Ton Steine Scherben – „Macht kaputt, was euch kaputt macht“

Zuerst kam der Song, dann stand die Parole an den Wänden. Gegen Konsum und Kapital, gegen den Krieg und natürlich gegen die Bullen – alles verdichtet in denkbar dürren Worten im Stakkato. Zeitloser, mitreißender Agit-Prop. Und jetzt alle: „Macht kaputt…“

358. Jay Z – „99 Problems“

Einer der besten Einstiege der Rap-Geschichte, ein unfassbarer Jump-off: Mit den ersten zwei Zeilen gleich mal alles abgerissen. Erfreulicherweise schafft es Rick Rubin dem abschließenden Wunsch „Hit me!“ nachzukommen.

357. The Clash – „Guns Of Brixton“

Die Jugendunruhen von Brixton finden erst 1981 statt. Paul Simonons erste Komposition für The Clash, die er auch singt, klingt dennoch wie Frontberichterstattung: Reggaepunk mit gefletschten Zähnen und dem Finger am Abzug.

356. T.Rex – „Get It On“

„Hot Love“ war keine Eintagsfliege. Mit einem bei „Little Queenie“ geklauten Riff breiten Marc Bolan und Tony Visconti einen Soundteppich aus, der Glam endgültig zum big thing des Jahres machte.

355. Nick Cave – „The Ship Song“

Noch war Cave nicht clean, der Umweg aus der Sucht führte nach Brasilien, wo er zum Balladensänger wurde und diesen Song schrieb: moderne Folklore.

354. Pixies – „Here Comes Your Man“

Black Francis war die süßliche Stimmung des poppigsten aller Pixies-Songs selbst nicht geheuer. Die Band nannte das Stück den „Tom-Petty-Song“.

353. Orange Juice – „Falling And Laughing“

Die erste Single von Orange Juice – ein gewaltiger Schritt in der Entwicklung des Postpunk, der hier so frisch klingt, dass man von der Geburt eines neuen Genres sprechen darf: dem des Indiepop.

352. Elvis Presley – „Always On My Mind“

Das Original von Countrysängerin Brenda Lee ist ungleich unbekannter als viele der prominenten Covers. Elvis’ Version erschien kurz nach seiner Trennung von Priscilla und wurde stets als Erklärung verstanden, in der er eingesteht, wie er es vergeigt hat, aber es nichts an seiner Liebe ändert. Die spätere Version der Pet Shop Boys wirkt aufgrund artifiziellerer Sounds und Künstler entpersonalisierter, aber nicht minder herzzerreißend.

351. John Cale – „Paris 1919“

Das dazugehörige Album markierte Cales zwischenzeitige Abkehr von experimentellen Klängen, der Titelsong, textlich anspruchsvoll, melodisch komplex, aber dennoch eingängig, ist von Streichern umrahmter, kitschfreier Barock-Pop erster Güte. Wunderbar.


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