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Kritik

„Die Geldwäscherei“ auf Netflix: Willkommen im Proseminar Geldwäsche

Der US-amerikanische Regisseur Steven Soderbergh ist ein Meister aller Klassen. In seiner illustren Filmographie widmete er sich schon verschiedensten Genres und Themengebieten. So drehte er beispielsweise Dramen über die Stripperszene in Florida („Magic Mike“), Heist-Komödien über eine Diebesbande („Ocean’s“-Filmreihe) oder Psychothriller über das amerikanische Gesundheitssystem („Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen“ sowie „Unsane – Ausgeliefert“). Ein wiedererkennbares Leitmotiv in Soderberghs Oeuvre ist es, sich Charakteren zu widmen, die in irgendeiner Form außerhalb der Gesellschaft stehen. Soderbergh ist somit sozusagen ein Chronist des Outcasts: Das kann ein vorbestrafter Casinoräuber oder auch ein Stripper sein, der in Gesprächen mit anderen seinen Brotjob leugnet.

Im Fall von „Die Geldwäscherei“, der jetzt auf Netflix zu sehen ist, widmet sich Soderbergh jenen Betreibern einer ehemaligen panamaischen Anwaltskanzlei, die im Zentrum der Enthüllungen um die sogenannten „Panama Papers“ standen: Jürgen Mossack und Ramón Fonseca. Dass sich Soderbergh einem Geldwäsche-Skandal widmet, klingt zunächst nach einem passenden Projekt für einen Regisseur, der sich nie vor systemkritischen Statements sträubte. Doch leider verliert sich „Die Geldwäscherei“ in zu vielen Nebensträngen und einer übermäßig didaktischen Erzählstruktur.

Im Mittelpunkt von „Die Geldwäscherei“ stehen mehrere Geschichten über Opfer und Profiteure, die sich um die Machenschaften der Kanzlei Mossack Fonseca drehen und das System dahinter beleuchten sollen. Einmal ist da die Geschichte von Ellen Martin (Meryl Streep), die bei einem Unglück während einer Bootsfahrt ihren Ehemann verliert. Als es darum geht, von der Versicherung eine Entschädigung für das Unglück zu erhalten, stößt sie auf ein dubioses Netzwerk, das sie letztendlich dazu veranlasst, selbst dem Ganzen auf den Grund zu gehen. Martin fliegt im Film unter anderem auf die Karibikinsel Nevis, wo sie sich höchstpersönlich bewusst wird, was es mit dem Terminus Briefkastenfirma auf sich hat.

Der Handlungsstrang rund um die trauernde Witwe Ellen Martin ist sicherlich der spannendste und vor allem ergreifendste im Film. Soderbergh-Fans wird Ellen Martins Kreuzzug nach Gerechtigkeit wohl auch an jenen von Julia Roberts in ihrer Titelrolle im Film „Erin Brokovich“ erinnern. Überaus beklagenswert ist allerdings, dass Streeps Rolle im Film nicht sonderlich viel Platz gewährt wird.

Gary Oldman und Antonio Banderas durchbrechen die vierte Wand

Der Film sei, so heißt es im Vorspann, „based on actual secrets“ – und eben jene „Geheimnisse“ werden dem Zuschauer von Gary Oldman und Antonio Banderas aus erster Hand mitgeteilt. Dafür durchbrechen sie in ihrer Rolle als Mossack und Fonseca regelmäßig die sogenannte vierte Wand und berichten direkt aus ihrer Perspektive darüber, wie das denn so lief mit den Geschäften. In diesen Momenten denkt man zwangsläufig an den 2015er-Film THE BIG SHORT: In Adam McKays Finanztragikomödie rund um die Weltwirtschaftskrise 2008 erklärten Prominente wie Margot Robbie und Selena Gomez in kurzen Einblendungen Fachbegriffe aus der Finanzwelt – und durchbrachen dabei ebenfalls die vierte Wand.

Doch diese Erzählweise tut dem Film nicht sonderlich gut: Stellenweise hat es den Eindruck, als habe man es mit einer Art Lehrfilm zu tun, wenn einem Antonio Banderas und Gary Oldman beispielsweise erklären, wie man eine Offshore-Firma eröffnet. Willkommen im Proseminar Geldwäsche. Der didaktische Aspekt von „Die Geldwäscherei“ wird leider noch weiter untermauert durch die Gliederung des Films in Form von Kapiteln (sogenannte „Secrets“).

„Die Geldwäscherei“ – für dessen Drehbuch sich übrigens mit Scott Z. Burns ein regelmäßiger Soderbergh-Partner verantwortlich zeigte – verwendet zudem viel Zeit auf unnötig viele Handlungsstränge, die die breite Auswirkung der Geldwäsche-Geschäfte darstellen sollen. Im Versuch, die globale Reichweite des Systems zu illustrieren, führt uns eine Szene zusammen mit dem Charakter Maywood (Matthias Schoenaerts) nach China, wo es um Erpressung geht, die dann mit einem tödlichen Drink endet. In einer anderen, deutlich gelungeneren Nebensequenz lernt man die Familie von Charles (Nonso Anozie) kennen, der durch Scheinfirmen ein Vermögen angehäuft und nebenbei noch einen gewaltigen Familienstreit an der Backe hat, denn: Er wurde von seiner Tochter beim Fremdgehen erwischt – ausgerechnet mit der besten Freundin der Tochter.

Soderbergh statuiert zu viele Exempel, macht zu viele Fässer auf: Diese Szenen mögen in sich geschlossen allesamt eine gewisse Qualität vorweisen, auch die Handschrift des Regisseurs ist deutlich erkennbar. Doch durch das ständige Abkapseln des Zuschauers von dem zentralen Charakter des Films, der von Meryl Streep gespielten Ellen Martin, löst Soderbergh im Zuschauer eine Art Gleichgültigkeit gegenüber der Thematik aus.

Mehr von Meryl Streep wäre schön und wichtig gewesen

Dabei ist Martin die typische Soderbergh-Protagonistin: eine Kritikerin des Systems, auf der Suche nach Gerechtigkeit. Den Fokus von diesem Identifikationscharakter wegzulegen, dürfte wohl der fatalste Fehler gewesen sein, der den Machern des Films unterlaufen ist. Es ist ihr Schicksal, das den Zuschauer bewegt. Der systemkritische Subtext des Films, den Soderbergh gegen Ende in einer sehr direkten Ansprache durch Meryl Streep noch einmal heraufzubeschwören versucht, wirkt dann nur noch wie ein halbherziges Anhängsel zum Schluss.

Der Film vergeudet durch die überambitionierte Story nicht nur sein außerordentliches Talent an Darstellern, die größtenteils zu überzeugen wissen. Gary Oldman meistert seine Rolle als deutscher Anwalt Jürgen Mossack sehr gut, auch Antonio Banderas kann beeindrucken. Die Show stiehlt aber Meryl Streep als trauernde Witwe – doch selbst sie konnte nicht verhindern, dass „Die Geldwäscherei“ der erste schwache Soderbergh-Film seit längerer Zeit geworden ist.

„Die Geldwäscherei“ (Originaltitel: „The Laundromat“) ist seit dem 18. Oktober 2019 auf Netflix zu sehen.

 

 

 

 


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