Interview

Dream Wife im Interview: „Frauen müssen davon erzählen, wo die Klippen des Alltags liegen“

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Rakel, du bist zum Ausbruch der Pandemie in dein Elternhaus nach Island gereist, wie nimmst du die Zeit dort wahr?

Rakel: Wir haben in Island eine vergleichsweise entspannte Situation, da die Zahl der Infizierten nie sehr hoch war. Die Lockdowns wurden rasch gelockert, der Insel fehlen zwar die Touristen, dafür sind alle Isländer*innen zu Hause, was sonst nie der Fall ist. Der Strand hier im Westen der Insel ist daher bei gutem Wetter voller als sonst.

Alice und Bella, Ihr seid in London – und dort ist die Lage anders.

Alice: Ja, und zwar ziemlich ernüchternd. Der Lockdown wirkt wie ein Schleier, der über der Stadt liegt, er verändert London grundlegend, denn diese Stadt ist ja ohne Begegnungen und Touristen gar nicht vorstellbar.

Bella: Wir haben uns daher eine Art Sub-Community eingerichtet: Bei uns im Haus ist eine Gemeinschaft entstanden, in der wir eigene Rituale entwickelt haben. Dazu zählen zum Beispiel private Dance-Partys rund ums Lagerfeuer, wobei hier natürlich nur die Leute aus dem Haus dabei sind.

Rakel: Ja, man muss sich die Höhepunkte auf eigene Faust organisieren. Bei mir ist es die Tasse Tee am Abend. (lacht und nippt am Tee)

Ihr habt gesagt, die Quarantäne würde sich ein wenig anfühlen, wie die Zeit, wenn man nach einer langen Tour zurück nach Hause kommt. Wo liegen da die Gemeinsamkeiten?

Rakel: Der Zustand ist vergleichbar, weil sich von jetzt auf gleich die Anzahl und die Intensität der Kicks verändern, die wir erleben. Auf Tour braucht man viel Geduld, um von Ort zu Ort zu reisen, aber dann ist da diese Zeit auf der Bühne. Auf diese Stunde läuft alles hinaus, was man den ganzen Tag lang tut. Ist die Tour vorbei, gibt es dieses Highlight nicht mehr. Die Struktur des Tages verändert sich, man lebt vielleicht ein wenig zielloser. Ganz Ähnliches beobachte ich jetzt auch in dieser Pandemie-Zeit.

Noch vor Corona habt ihr eure zweite Platte SO WHEN YOU GONNA… fertig gestellt, sie klingt poppiger als die erste, warum?

Alice: Die erste Platte war unser Versuch, das, was wir im Proberaum und live auf der Bühne anstellen, auf einem Album zu konservieren. Das war uns superwichtig, wir wollten Dream Wife auf ein Produkt bringen. Das ist uns auch gelungen, denke ich.

Bella: Bei der zweiten ging es uns darum, weiterzudenken. Wir wollten die weiteren Facetten unserer Musik einbringen.

Als da wären?

Bella: Tanzbare Musik, transparentere Strukturen, die nicht so sehr von Gitarren bestimmt sind.

Rakel: Pop!

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Beim Stück „Hold On Me“ gibt es ein Kylie-Minogue-Namedropping…

Rakel: Genau, es geht um ihren Hit „Can’t Get You Out Of My Head“, ein Titel, der ein gutes Motiv dafür ist, was passiert, wenn man verliebt ist oder eine gute Popmelodie hört.

Alice: Es gibt auch noch ein paar lautere Stücke auf der Platte, und ich glaube, sie wirken besser, weil sie häufiger als auf dem Debüt konterkariert werden.

Am Ende sogar von einer Pianoballade.

Rakel: Wir haben lange überlegt, ob wir „After The Rain“ wirklich ganz hinten auf der Platte platzieren wollen.

Bella: Die finale Ballade – was für ein Klischee!

Alice: Und dann noch ein Song über den großen Regen – das doppelte Klischee!

Rakel: Ich glaube tatsächlich, hier wirkt das Stück am besten. Vorher der Pop-Moment „Hold On Me“, dann „After The Rain“, das sind noch einmal zwei ganz neue Seiten unserer Band, und darum ging es uns ja: Dream Wife in ihrer ganzen Vielfalt zu zeigen.

Begleitend zum Album gibt es eine Podcast-Serie namens „So When You Gonna…“, bei der ihr mit Frauen sprecht, die ganz unterschiedliche Jobs in der Musikbranche übernehmen. Was ist das Ziel der Reihe?

Alice: Zunächst einmal wollten wir selbst etwas durch das Zuhören lernen. Wir haben mit unserer Produzentin Marta Salogni gesprochen, mit der Bookerin Adele Slater, mit Chloe Sheppard, die uns als Freundin und Fotografin schon lange begleitet. Wir waren neugierig, wollten Fragen stellen und Antworten bekommen. Und das hat funktioniert, wir haben einige Lektionen erteilt bekommen.

Rakel: Es geht aber auch darum, Mädchen und Frauen zu ermächtigen. Es gibt dieses Vorurteil, dass es Frauen in der Musikbranche sehr schwer haben, dass es in dieser Industrie kaum welche gibt. Wir zeigen: Hier sind sie!

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Das Album ist mit einem komplett weiblichen Team entstanden.

Alice: Ja, und wir verstehen das als Aufruf! Klar, die Branche wird in weiten Teilen auch weiterhin von Männern dominiert. Aber das kann sich ändern, und wir glauben, ein Baustein für den Wandel ist es, wenn Frauen davon erzählen, wie sie arbeiten, was sie auszeichnet – und wo die Klippen des Alltags liegen.

Bella: Wobei die Grundstimmung des Podcasts und des Albums positiv ist. Unser Ziel ist es nicht, zu problematisieren, sondern zu unterhalten und zu ermächtigen.

Dream Wifes neues Album SO WHEN YOU GONNA… erscheint am 3. Juli 2020.

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