Popkolumne, Folge 205

„Geht mehr auf Konzerte“: 11 zauberhafte Shows des Jahres 2022 (mit und ohne Corona)

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

„Spieleabende mit befreundeten Pärchen / sind nicht unbedingt Rock’n’Roll“ (Kapelle Petra)

Ihr Genre könnte man irgendwie „Indierock mit Humor“ nennen. Wow, das klingt echt wie ein harter Diss, soll aber nicht so gemeint sein, denn die Musik von Kapelle Petra ist nun eben mal verschmitzt und unterhaltsam – aber trotzdem nicht scheiße.
Vor einigen Jahren jedenfalls schob die Band über den gleichnamigen Song eine Kampagne an: „Geht mehr auf Konzerte“. Die Sticker dazu begegnen einem mittlerweile in fast jedem gut zugetaggten Clubklo. Ich fand das damals allerdings eher cheesy, denn ich dachte, „ihr meint doch eigentlich: ‚Geht mehr auf unsere Konzerte‘, tut doch nicht so altruistisch!“ Allerdings hat sich 2022 ja nun einiges hinsichtlich der Konzert-Geherei getan – beziehungsweise eher der Konzert-Nichthingeherei. Der hiesigen Livebranche blieben nach dem Corona-Knacks gerade bei den kleinen und mittleren Shows all zu oft relevante Teile der Besucherschaft fern.

Das war auch in dieser Kolumne immer wieder Thema. Dass sich der dazugehörige Popkulturpessimismus mit dem anstehenden Kalenderblatt-Change (2023 parkt ja schon vorm Haus und hupt) wird abstreifen lassen, ist unwahrscheinlich. Ich möchte diese letzten Zeilen des Jahres daher nutzen, um noch mal für das Prinzip kleinerer und mittlerer Live-Shows zu werben, bei den Big Players könnt ihr dagegen meinetwegen wegbleiben (hoffe, Rock am Ring liest nicht mit).

Nun also eine Liste von elf Konzerten, die ich 2022 besucht habe, und die mir als Reminder, wie erlebsnisreich das Livegehubere ist, hilfreich erscheinen. Ach so, und seht es mir nach, wenn ich ein wenig übertreibe oder durchdrehe in den kommenden Zeilen. Das dient nur der Sache. Auf dass ihr denken mögt: JAOK, dann geh’n wir nächstes Jahr doch wieder mehr auf Konzerte!
Nicht nur Kapelle Petra werden es uns danken…

Kerima Stolze / Lex Rütten / Vladmir Ivkovic @Urbanana Awards
Dortmund / Oma Doris / 31.03.2022

Ich empfände es allerdings als unehrlich, wenn ich hier nun nur Anekdoten-Textchen aneinanderreihen würde, die ausschließlich von den glamourösen Momenten des Ausgeh-Lebens dieser Tage künden. Daher ist es mir wichtig, auch diesen Abend zu erwähnen, an dem drei sehr gute DJ-Acts auflegten. Der Abend bleibt mir (neben meiner Moderationstätigkeit bei diesen Awards) nämlich in Erinnerung als jener, an dem ich mir tatsächlich fucking Corona geholt habe. Trotz „2G Plus“ (wer diesen Code von Anfang des Jahres noch entschlüsseln kann). Kann man nichts beschönigen, das war im Nachklapp echt ätzend.
Sorry, dass ich mit so einem Downer hier einsteige. Allerdings ging die Infektion bei mir einigermaßen erträglich übers Krankenbett und ich weiß noch, dass ich mich danach ein paar Wochen für unbesiegbar, also für wirklich mal immun, hielt.

Gregor McEwan
Frankfurt / Lotte Lindenberg / 29.04.2022

Ein ganz typisches Konzert für dieses Jahr. Mit Beginn der Pandemie immer wieder verschoben, so dass der Ticketausdruck am Kühlschrank gelblich verblichen war, als dann endlich der Tag kam, an dem es tatsächlich stattfinden sollte. Corona ist zu der Zeit nicht wirklich um und der Emo-Songwriter Gregor McEwan tritt in einem nicht gerade gut belüfteten Keller auf. Entspanntes Ausgehen ist echt was anderes. „Zum Glück“ bleiben auch aus diesem Grund etliche Ticketinhaber*innen fern und man steht zumindest nicht Schulter an Schulter mit der nackten Angst vor dem Scheiß-Virus nebeneinander. Gregor kann so mit Verspätung endlich seine 2020 Platte betouren und ist glänzend aufgelegt. Dass seine sehnsüchtige Musik nur begleitet von sich selbst auf der Gitarre, live einen großen Impact aufs Melancholie-Zentrum besitzen würde, darauf bin ich als von allen Gefühlen eigentlich entbundener Mann vorbereitet. Muss mir aber schnell eingestehen, dass auch ich nicht die Maschine bin, die ich gern wäre – und schneuze mich am lautesten. Wo die Leute früher gedacht hätten „So ein Softie, dem ziehe ich nachher vor’m Club noch easy Jacke und Schuhe ab“, spüre ich bei jeder Taschentuch-Interaktion ein kollektives „Corona?!“ seitens der Leute um mich herum. Gar nicht schlecht eigentlich! Ach so und Gregor McEwan entwickelt auf dem Teppichboden sitzend an einer Stelle seiner Show überraschend unterhaltsame Stuhlkreis-Vibes. Es wird gelacht, es wird geseufzt und am Schluss gibt es Autogramme. That’s Entertainment.

Keshavara
Köln / Acephale / 12.05.2022

Männer mit exotischen Bärten und vielen unpraktischen Einfällen – what’s not lo like about Keshavara aus Köln? Die kleine Zweier-Besetzung beseelt den legendären Acephale-Club, führt Stücke aus ihrem alle Lofi-Indie-Bescheidenheit sprengenden Musical „Kabinett der Phantasie“ auf. Es ist einer der ersten warmen Tage dieses Jahr. Man kann, wenn nicht gerade Musik läuft, draußen statt im vollen Laden stehen, angenehm natürlich. In meiner Erinnerung allerdings schieben sich große, dünstende Männer an mich heran und erzählen mir feucht und laut irgendwelche Storys in mein Gesicht – nach denen ich mich nicht besinnen kann, je gefragt zu haben. Ja, auch das ist Ausgehen: Entfernte Bekannte labern und man ist zu höflich, um sie abzuschütteln. So weiche ich vor den großen Schädeln immer wieder zurück, sie rücken nach. Ein mäßig elegantes Ballett.

Team Scheisse / Pogendroblem
Köln / Buhmann & Sohn / 19.05.2022

Aufgrund prophetischer Kräfte (#Voodoo) ahne ich früh genug, dass der absurd unwiderstehliche Meme-Punk von Team Scheisse aus Bremen ein zentraler Hype-Sound des Jahres werden wird. So erwerbe ich Tickets für eine der gefragtesten Shows des Jahres, die kurz darauf (und das noch im Vorjahr!) ausverkauft meldet. Die Nummer will sich dann auch keiner entgehen lassen, als es soweit ist. Ergebnis: „In diesen gepackt vollen Laden soll ich reingehen?“ Ihr erinnert euch, auch im Mai ist der ganze Pandemie-Spuk mitnichten vorbei. Am liebsten hätte ich mich vor’m Eintritt ins Geschehen bekreuzigt wie manch Fußballspieler, wenn er eingewechselt wird. Aber ich gehe ja nicht in die Kirche, sondern betrete eines der gottlosesten Punkkonzerte des Jahres. Positiv gemeint!

Die hochinteressanten Jugendlichen von Pogendroblem eröffnen den Abend und lassen nicht nur mich schockverliebt zurück. Wenn das die Zukunft von Gitarrenmusik sein soll, dann muss man am Ende vielleicht doch nicht noch als letzter noch bei HipHop und Trap angekrochen kommen. Schöne Perspektive.

Und weiter: Team Scheisse mit diesem alterslosen Sänger-Guru wirken sympathisch überrannt von der Begeisterung, die Songs wie „Rein ins Loch“, „Erfurt“ oder natürlich „Karstadtdetekiv“ gerade auch live auszulösen vermögen. Jede Abgebrühtheit wäre aber auch fehl am Platze, immerhin stellt dieser Gig den zweiten oder dritten ihrer Bandkarriere dar und den ersten außerhalb ihrer Heimat Bremen. Was ein Happening. Letzte Woche erschien übrigens ein neues Stück der Band. Zitat daraus: „Ich bin fantastisch, wunderschön und bunt / Und du kannst mich hart am Arsch lecken“. Ganz zauberhaft!

Skuff Barbie
Solingen / Waldmeister / 15.06.2022

Auch diese Veranstaltung kann man nicht ohne Corona erzählen, denn auch wenn alles folgenlos blieb, erleben wir (ich bin Mit-Veranstalter des Abends) zum ersten Mal hautnah, dass die Leute einfach vorsichtiger sind – oder zumindest einfach nicht vor Ort auftauchen. Der Show von Skuff Barbie und ihrem DJ Boomboi wird die bescheidene Zuschauerzahl in keinster Weise gerecht. Die beiden drehen auf, als wäre der Madison Square Garden ausverkauft. 2023 erscheint ihr Debüt-Album und dürfte einiges umdekorieren im hiesigen HipHop-Büdchen. Und dann erinnert euch, wo ihr zum ersten Mal von der mächtigen Münsteranerin gelesen habt. Hier nämlich!

Knapp verpasst: Acht Eimer Hühnerherzen
Bad Windsheim / Weinturm Open Air / 07.08.2022

Eine Lesung führt mich an einen durchweg rätselhaften Ort: Bad Windsheim… bitte was, bitte wo? Auch die Bahn scheint nicht wirklich safe mit dieser Anschrift und verfährt sich leidlich. Da hilft dann auch kein Rennen mehr über staubige Feldwege. Ich verpasse den Act, den ich eigentlich sehen wollte: Nämlich die drei Superstarfighter von Acht Eimer Hühnerherzen. Der sinistre Zaubermäuse-Rock steigt ohne mich im Publikum, was der Stimmung auf dem Acker angeblich keinen Abbruch geleistet haben soll. Wer’s glaubt!

Die Band selbst ist sogar bereits abgereist, als ich eintreffe, hat mir aber eine persönliche Note (lies: Kampfansage) zurückgelassen. Kein Scheiß! Handschriftliche Nachricht von den Nylon-Punker*innen, die sich kritisch über mein Fehlen äußern. Ist es also doch aufgefallen!

„Hast du Angst vor uns? Stinken wir?“ fragen sie in dem Zettelchen. Leider befindet sich dort keine Box, in der man „Ja“ ankreuzen könnte, auf die Frage „Willst du mit uns gehen?“ Hätte ich gemacht!

Das Originalschriftstück der Hühnerherzen. Leihgabe der Sammlung Volkmann.

Schrottgrenze
Karben / Karben Open Air / 21.08.2022

Alptraum Festivals! Ja, richtig gelesen. Nur weil ich hier für das Prinzip Live-Events trommeln möchte, heißt das nicht, dass ich meine hasserfüllten Roots vergessen habe. Immerhin lautet der Titel einer meiner, naja, beliebtesten Artikel „Sommer, Sonne, Flunkyball – Warum ich Festivals hasse“.

Doch es hilft ja nichts. Auch diesen handbrotigen Veranstaltungen ging das Jahr 2022 mitunter an den Kragen. So besuche ich das Karben Open Air und esse heruntergefallene Craft-Pommes (natürlich nur die aus der eigenen Tüte) vom zertretenen Rasen. Viel gesehen habe ich auf der Bühne nicht. Die meiste Zeit bin ich chillen im Toilettenwagen (muss man ausnutzen, wenn’s mehr als Dixis gibt) oder stehe in Schlangen für irgendwelche hochkalorischen frittierten Gegenstände beziehungsweise Alkohol an. Lediglich Schrottgrenze (neues Album Februar 2023) sehe ich komplett – und staune, wie sich diese Band aus ihrem fühligen Indie-Gesamtwerk so eine Powerpopshow zusammengebastelt hat für solche Anlässe. Queer und ab dafür – und nur paar ganz wenige Balladen. Zum Schluss noch ein Foto mit Sängerin Saskia Lavaux abgestaubt. So versöhne selbst ich mich mit meinem einstigen Endgegner Festival.

Gruppenbild mit Saskia

Henry Lee
Köln / Stadtgarten / 24.08.2022

Henry Lee a.k.a. Elisa Metz – es ist ihr erstes Solo-Konzert, wenn ich’s richtig erinnere. Publikum und Künstlerin haben daher ihre Härchen ganz besonders fein aufgestellt für den jeweils anderen. Herauskommt so etwas wie eine achtsame Ekstase mit utopischem Swag. Die Live-Show als Wohlfühl-Bällebad. Wenn ich nicht soviel mitgefilmt hätte, hätte ich bestimmt wieder geheult.

Frittenbude @NBG-Pop
Nürnberg / Katharinen Ruine / 08.10.2022

Auf einem Club-Festival im würzigen Herzen Frankens, noch gar nicht so lange her. Die größte und schönste Location des mehrtägigen Events stellt die Katharinen-Ruine dar. Ein von hohen Trutzmauern umfasster Freilichtplatz, im Mittelalter stand dort ein Kloster. Hier spielen heute Frittenbude, das hat sich rumgesprochen, ungefähr alle guten Leute aus der kompletten Region scheinen vor Ort, an den Toren herrscht schnell Einlassstop. Meine persönlichen Pop-Privilegien (auch schon wieder unsolidarisch) machen es möglich, dass der Veranstalter einen Geheimgang öffnet und wir es durch ein Gewirr von dunklen Gängen, eingemauerten Geistern und Verliesen doch noch hinein schaffen. Hier spielen heute Frittenbude, also endlich mal wieder Abfahrt mit Soul.

Die Band ist dabei nur noch zu zweit, Gitarrist Martin Steer unterwegs verloren gegangen, Life happens. An seiner Stelle steht nun Ponga Missy und gibt der Band musikalisch eine neue Facette. Das Publikum dreht dazu kollektiv durch. Ich fühle mich coronamäßig (ist ja Open Air) sicher und befeuert. Dann der Schock für meine Begleiter*innen: Im fränkischen Bierparadies Nürnberg gibt es – zumindest hier in der Ruine – keinen Alkohol mehr. Alles bereits ausgetrunken. Ich erhalte bewundernde Blicke, denn ich bin als einziger bereits total voll zu dem Konzert eingelaufen. Tja, wer ist jetzt der Idiot, Leute!

Dass Frittenbude unter anderem auch ein neues Stück spielen, das erst auf ihrem Album „Apokalypse Wow“ im Frühjahr 2023 erscheinen wird, bekomme ich trotzdem noch mit. Just sayin‘.

Hier könnt ihr es nachhören, ein wirklich verheißungsvolles Ding:

Finna
Wiesbaden / Kreativfabrik / 28.10.2022

Über Finnas Konzert mit JNNRHNDRXX als Opening Act und die Tampons im Herrenklo habe ich an anderer Stelle schon mal erzählt. Hier möchte ich – weil Tränen zuvor schon mehrfach Thema waren – nur noch ergänzen, dass ich es selten erlebt habe, dass der*die Künstler*in selbst weinen muss, weil alles so deep ist. Finna hat’s gemacht. Ihr hypersensibler „Zartcore“ ist eben nicht nur ein Buzzword für einen Instagram-Post mit dem fahrig gesetzten Hashtag #MentalHealth, sondern unfassbar wahrhaftig. Ein wirklich ganz besonders schöner Abend, aus Spiel, Spaß und Drama.

Jens Friebe
Offenbach / Hafen 2 / 01.11.2022

Wenn die Scorpions und Howard Carpendale den nächsten Satz lesen, zerfallen sie zu Staub: Dass das Jens Friebes Abschiedstour sein würde, hat er im Vorfeld nicht postuliert und somit auch nicht für einen vermehrten Ticketabsatz genutzt. Auch schon wieder krass. Wegen galoppierender Enttäuschung über den minderwertigen Personennahverkehr reise ich mit dem Fahrrad an – und zwar auf einem Weg, der mich teilweise an der Autobahn entlangführt und das Rad über diverse steile Betontreppen schleppen lässt. Also, das nächste Mal, wenn ich im Rhein-Main-Gebiet unterwegs bin, lasse ich mich von einer Drohne abwerfen.

Was es über den thin white duke aus Lüdenscheid, also über Jens Friebe, zu sagen gibt, entnehmt ihr bitte der Kolumne, die ich ihm einst vollumfänglich gewidmet habe.

Kaleo Sansaa @Operation Ton
Hamburg / Übel & Gefährlich / 05.11.2022

Wie wenig vorhersehbar Live-Shows auch von Acts, die man kennt, rüberkommen können: Kaleo Sansaa lässt komplett sich auf die informelle Atmosphäre eines Conference-Gigs ein – und gibt sich dermaßen launig, als hätte sie noch ein Stand-Up-Comedy-Programm in der Hinterhand. Die von NRW nach Berlin abgewanderte Musikerin droht so unter anderem mit Konzertabbruch und erzählt über ihre heimliche Eurodance-Verbundenheit – ersteres ist nur ein Joke, letzteres vermutlich nicht. Ein Set genauso tight wie heiter.

Später klingt der Abend in der legendären Hamburger Schule Bar „Mutter“ aus. Wegen der ganzen Virenscheiße aber ohne den sonst hier so geschätzten „Ringkuss“. Das ärgert mich jetzt wirklich. Danke für Nichts Covid 19, du verdammter Scheißhaus-Affe!

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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Bodyshaming, Ricarda Lang und der (gar nicht so feine) Unterschied zwischen Kritik und toxischer Vollscheiße
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