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Hollywoods verzweifelte Jagd nach dem Universum

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So viel Prominenz ist selten auf nur einem Foto zu sehen: Johnny Depp, Javier Bardem, Tom Cruise und Russell Crowe gehören seit Jahren zur A-Liga der Filmwelt. Mit Sofia Boutella stellt das Studio Universal den Herren noch eine spannende Newcomerin zur Seite. Der Cast des gemeinsamen Langzeitprojekts würde eigentlich für Vorfreude sorgen. Eigentlich. Denn das am Montag veröffentlichte Bild von Cruise und Kollegen ist der Beginn des vielleicht größten Reißbrett-Filmreihe der kommenden Jahre.

Hollywood ist gerade auf der Jagd nach Universen, die mittlerweile schon Marketing-gerecht mit „Verse“ abgekürzt werden. Nach Filmstoffen, die man fortsetzen kann, in denen man zwei Filme kollidieren lassen kann. Geschichte zum Auskoppeln einzelner Figuren und mit bekannten Vorlagen. Den Trend ausgelöst hat natürlich Marvel, deren Cinematic Universe seit 2008 pro Jahr zwei Kinohits abliefert. Deren Filme wie eine extrem aufwändige Serie produziert sind, in deren Episoden sich die Figuren unterschiedlicher Filme besuchen oder bekämpfen.

Marvel macht vor, der Rest macht nach

Das System ist simpel aber genial. Wenn sich ein Zuschauer auf die Marvel-Blockbuster „The Avengers“ freut, muss er zum vollen Verständnis der Handlung auch die eher belanglosen „Thor“-Filme anschauen. Die Verknüpfung der Blockbuster steigert den Mehrwert der Filme und damit die Einnahmen, die wirkliche Kreativität als entscheidenden Faktor schon längst abgelöst haben. Marvel hat damit einen gigantischen Erfolg, vor allem seitdem Disney das Studio gekauft hat und die Schlagzahl erhöht.

„Civil War“ versteht man nur dann, wenn man vorher 10 weitere Filme gesehen hat.

 

Seit einigen Jahren möchten andere Studios dieses Prinzip nun kopieren und stampfen eigene Filmuniversen aus dem Boden, ohne sich dafür neue Stoffe ausdenken zu müssen. Legendary hat 2014 „Godzilla“ im MonsterVerse wiederbelebt, 2017 folgt nun King Kong im Film „Skull Island“. Der langfristige Plan sieht vor, die Monster 2020 in einem gemeinsamen Film aufeinander treffen zu lassen. Die Ankündigung dafür ist schon lange fix, immerhin ist die Aussicht auf einen Kampf der Kino-Ikonen für Fans ein weiterer Grund, die 2018 erscheinende Godzilla-Fortsetzung zu sehen.

Filmwebsites erhalten den Hype aufrecht

Warner Bros. verfährt ähnlich: Superhelden-Filme, die etwas düsterer und deutlich liebloser sind als die von Marvel, wurden bereits bis ins Jahr 2020 angesetzt. Weil sich mit dem Wissen einer „Wonder Woman“-Fortsetzung der erste Teil, der erst in diesem Sommer anläuft, deutlich besser verkaufen lässt. „Ich setzte fort, also bin ich“, lautet das aktuelle Motto im Blockbuster-Segment. Die Fans nehmen es noch solange an, bis es nicht in zu viel Arbeit ausartet. Unterstützt werden die Studios dabei von etlichen Filmwebseiten und YouTubern, die jede noch so belanglose Marketing-Aussage zu kommenden „Verse“-Filmen in vermeintlich handfeste News verwandeln. Und dann völlig außer Acht zu lassen, ob die Filme überhaupt etwas taugen.

Als sich „Batman V Superman“ und „Suicide Squad“, teil des DC Extended Universe von Warner als inhaltliche Katastrophen entpuppten, war das schnell vergessen. Denn der nächste Teil wurde ja bereits angekündigt, Spekulationen über weit entfernte Verse-Filme werden gefühlt ernster genommen als Ursachenforschung bei verhunzten Mega-Produktionen.

„Die Mumie“

Universal, die nun Cruise, Depp und Bardem zu einem sogenannten Dark Universe zusammenwerfen, droht ein ähnlicher Fehler zu unterlaufen wie zuletzt Warner mit den Superhelden oder Guy Ritchie mit „King Arthur“. Sein Film floppte kolossal – und damit auch die Pläne für ein halbes Dutzend Folgefilme, die in der mittelalterlichen Fantasywelt angesiedelt sein sollten. Das Universum brach zusammen, bevor es richtig Fahrt aufnehmen konnte. Weil der erste Film einer Reihe nicht mit voller Konzentration auf wesentliche Punkte wie Handlung oder Figuren gedreht wurde. Sondern nur mit der Aussicht auf den lukrativen Rattenschwanz, der dann eben im Marketing-Sprech als Verse beschönigt wird. Dabei wäre es für Zuschauer und Filmemacher besser, das volle Potenzial jedes Films auszuschöpfen und erst im Erfolgsfall an die Fortführung der Geschichte zu denken.

Das Dark Universe ist nun die jüngste Blockbuster-Totgeburt, die das Publikum auf Jahre hinaus bei der Stange halten soll. Universal hat seine Filmrechte an klassischen Monstern zusammengekratzt und die eingangs genannten Stars mit Geld überhäuft. Und so wird Johnny Depp zum „Unsichtbaren Mann“, Javier Bardem in „Frankensteins Braut“ (Kinostart 14. Februar 2019) zu Frankensteins Monster und Sofia Boutella zur berühmten Mumie. Ihr Film startet am 8. Juni 2017 in Deutschland, Tom Cruise spielt die Hauptrolle, in der er auch auf den von Russell Crowe gespielten Dr. Jekyll/Mr. Hyde treffen wird.

Die letzten Jahre voller verknüpfter Blockbuster und Pseudo-Universen machen Universals Pläne unangenehm berechenbar. „Die Mumie“ wird ein mittelmäßiger Blockbuster ohne endgültiges Ende und mit dem Gefühl, dass sich die Macher selbst Zügel angelegt haben. Immerhin dürfen die Filme des Dark Universe genauso wenig satt machen wie ein Marvel-Abenteuer.

Nostalgie als Köder

Der Zuschauer soll für den vollen Kinopreis zwar seinen Spaß, aber keine abgeschlossene Geschichte bekommen. Damit er zwei Jahre später unbedingt sehen möchte, wie Tom Cruise in einen Film hereinstolpert, in dem Javier Bardem sich allen Ernstes als Frankensteins Monster verkleiden lässt. Wirklich neue Ideen sind aus der Reihe nicht zu erwarten, die Zuschauer werden schlichtweg mit Nostalgie und der Aussicht auf Fortsetzungen geködert, wie das Release-Video des Dark Universe belegt.

Gestoppt werden kann diese Systematik, die Regisseuren die Möglichkeiten raubt und Fans zu Logistik-Arbeitern werden lässt, nur durch eines: Desinteresse und Flops. Guy Ritchie hat mit seinem „King Arthur“ den Anfang gemacht – hatte der Film also doch noch etwas Gutes.

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