Popkolumne, Folge 102

Flugzeuge im Bauch, „Die beste Instanz“ und Die Geilen: Volkmanns Popwoche im Überblick

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LOGBUCH KALENDERWOCHE 06/2021

Was die Woche bei mir passiert ist? Keine Ahnung, obwohl … doch, Moment, ich habe eine Folge der 80er-Jugenddetektiv-Reihe „Die Funkfüchse“ angehört. Ach was, nicht EINE, sondern DIE Folge: „Funkfüchse – die Haschischbande wird entlarvt“.

Die „Handlung“ ist schnell erzählt. Der „dicke Heino“ verkauft Kids Haschisch – in Form von „weißem Pulver in kleinen Tütchen“. Doch da hat der „blöde Hammel“ die Rechnung ohne die drei Jungs und das Mädchen aus der „Papageiensiedlung“ gemacht. Die greifen lustvoll zu ihren „Handgurken“ und verhindern die „endgültige Höllenfahrt“ der Rauschgiftsüchtigen.

Dieses ungelenk didaktische TKKG-Rip-Off spricht allzu oft eine Art ausgedachte Jugendsprache, die sicher niemand unter 50 damals abgesegnet hatte. Dass die Serie von Rüdiger Greif alias Franz Kurowski (ein Autor mit Nazi-Vergangenheit) nicht mehr aufgelegt wird und sie auch im aktuellen Hörspiel-Boom auf Streaming-Portalen keinen Platz findet, wundert an keiner Stelle – und das trotz der bis heute bekannten Gebrüder Marek und Fabian Harloff in Hauptrollen.

Für gefestigte Zivi-Bullen und halb-urbane Big Styler wie mich ist „Die Funkfüchse“ allerdings auch eine Art bis zum Bersten gefüllter Eiterpickel, an dem man immer wieder zwanghaft herumpuhlen möchte. Wer sowas nicht lassen kann… das Vermächtnis dieser fragwürdigen Reihe findet ihr komplett bei YouTube.

DIE KORREKTUR DER WOCHE: DIE BESTE INSTANZ

Schmerz, Fremdscham und Ärger bestimmten die Wahrnehmung der Talk-Show „Die letzte Instanz““. Dort diskutierte ein (wohl selbst für 1950) erstaunlich einseitiger Querschnitt biodeutscher Mehrheitsgesellschaft (beziehungsweise „Dominanzkultur“, Max Czollek) über Betroffene von Rassismus und wie diese sich wohl mit bestimmten abwertenden Begrifflichkeiten fühlen. Fazit: Sollen sich jetzt auch mal nicht so anstellen. Aus dieser peinlichen Groteske folgt in dieser Woche nun allerdings etwas Gutes.

Enissa Amani lädt zu einer aufwendig produzierten Talkshow, die bereits im Wording ihre Impulsgeber vom WDR alt aussehen lässt. „Die beste Instanz“ unterhält sich eben mit Betroffenen von Rassismus, unter anderem Gianni Jovanovic, der als Roma über Alltag mit diskriminierenden Fremdbezeichnungen spricht. Genauso wird gesprochen über das ewige Argument: „Wieso? Ich kenne einen Schwarzen, der findet das N-Wort überhaupt nicht schlimm!“ Alle Themen werden kompetent, bisweilen kämpferisch und immer reflektiert angegangen. Tja, so einfach können diskriminierungsfreie Talks mit TV-Format sein. Öffentlich-Rechtliche hassen diesen Trick.

POP-REVUE DER WOCHE: SUPERGRABEN

Als der Lockdown im Frühjahr 2020 noch etwas Spannendes, Verwegenes besaß, schaute ich immer die YouTube-Show von Die Supererbin. Das ist eine Künstlerin aus Berlin, die eigene Stücke macht, bei Bohemian Strawberry Records (#DieGrethers) veröffentlicht, Musik mit Moses Schneider rausbrachte und die zuletzt noch mit Egotronic auf Tour war.

Ziemlich überraschend – zumindest für mich – ist ihre Webshow nun wieder zurück: „Supergraben“ heißt sie und statt dass die Gastgeberin wie einst mit großer Brille und verschlungenem Strohhalm im bunten Drink auf ihrer Couch sitzliegt, sieht plötzlich alles aus wie „Wetten Dass…?“ Komplett next level einfach.

Zu Gast in der ersten neuen Folge dieses LED-Porn XL sind Malonda („Es ist scheinbar ein totales Unding, dass ich kein Beyoncé-Fan bin“) und die Band Sie kamen Australien (neues Album). Wer Lust hat auf ein bisschen VIVA2-Feeling, als jener Sender noch wild ausprobieren durfte, der muss in dieses bunte Bällchenbad beziehungsweise den Supergraben fallen. Viel Spaß, Kids. Ich hol euch dann später ab und geh erstmal in die Kantine auf ein paar vegane Hackbällchen. Wenn was sein sollte, lasst mich ausrufen.

PODCAST DER WOCHE (2) – Die Geilen

Dem Phänomen El Hotzo stehen ja längst schon die Feuilletons auf den Füßen, gleich hinterher kommen offensive Influencer-Agenturen, Job-Anfragen aus Berlin, Booker für irgendwas mit live (falls das je wieder geht) – und in fünf Jahren wird El Hotzo dann vom WDR der Sendeplatz von Kaya Yanar im Dritten angetragen. Die 27 Redakteur*innen stellen sich sowas vor mit lustigen Mitmachspielen und Einblendungen von Memes aus dem WhatsApp-Familienchats des Intendanten. Wird dann aber nach drei Folgen abgesetzt.

So wird’s kommen. El Hotzo gehört ja jetzt schon allen. Ach, was waren das noch für Zeiten (vor einem Dreivierteljahr), als er nur uns hunderttausend Early Adoptern auf Twitter gehörte!

Wer dieses Gefühl zurückwill, dem sei der Podcast „Die Geilen“ empfohlen, den Sebastian Hotz zusammen mit seinem Freund Nico unterhält. Dort ist alles noch richtig insidermäßig, bei diversen Gags muss man auf Reddit nachschlagen und Hotzo spricht gern mal nebens Mikro in die Heizung, um all die Audiophilen abzuhängen. Sein Counterpart Nico lacht oft so dreckig und laut, dass man die Tonspur von Beavies & Butthead rückblickend für einen Enya-Soundtrack halten möchte. Bei „Die Geilen“ geht es um Aliens, Pizza (bisschen verkohlt am Rand) und den kommenden Sommerhit von Fettes Brot. Einfach eine gute Mischung aus komplett spleenig und totalem Entertainment – und von beiden vorgetragen in ihren gemütlichen Dialekten. „Die Geilen“ vertonen keine sauberen High-End-Tweets fürs tägliche Repost-Gewitter, das ist ehrliches wie nahbares Ablabern, das sich vor allem selbst unterhalten will – und daher auch für die Hörer*innen funktioniert.

DAS KLEINSTE INTERVIEW DER WOCHE

Apropos „Die Geilen“, da gibt’s doch auf jeden Fall noch ein Machtvakuum in der medialen Repräsentation. Denn El Hotzos attraktives Mindset bekommen wir in unzähligen Reposts eingehämmert, aber wer ist bitte dieser andere Dude aus dem Podcast mit der interessanten Selbstbeschreibung „Zwei ehrliche Trucker erzählen vom Leben und neben der Straße“? Nico heißt @Bong.Iver auf Instagram, aber das kann doch nicht alles sein? Die drei Fragen im „kleinsten Interview“ der Woche können vielleicht auch noch kein Biographie füllen, aber hey, es ist immerhin ein Anfang! Enjoy.

Lieber Nico, erste Frage immer ganz einfach: Wie geht es Dir aktuell im Februar 2021?

Eigentlich ganz gut. Ich ziehe Ende der Woche um und wohn‘ dann das erste Mal ganz allein. In eine ruhige Gegend, schöne Gründerzeithäuser. Ich hab mir ’nen Trockner gekauft. Ich bin letzten Donnerstag 29 geworden, und das fühlt sich altersgemäß spießig an. Aber maybe bin ich auch einfach daneben, dass ich mich über sowas freue.

Was gefällt Dir am besten bei Eurem Podcast „Die Geilen“, was am wenigsten?

Am besten ist es mit Sebastian zu reden. Wenn man befreundet ist, aber nicht in derselben Stadt wohnt, verliert man sich ja leicht aus den Augen. Ist dann einfach schön, dass man da so’nen festen Grund hat regelmäßig zu quatschen. Am wenigsten mag ichs, wenn Leute sagen, ich lach scheiße. Weils aber bissi wahr ist.

Du hast also einen Podcast, studierst, machst einiges mit Memes und kennst Dich gut aus zum Thema Engelsdarstellung in der Kunstgeschichte. Was sollte man unbedingt noch über Dich wissen?

Ich bin noch Teil einiger super erfolgreicher Bands, wie die Michel-aus-Lönneberga-Blackmetal-Band Katthult und die Post-Reggae Combo 28ANGST. Ich bin in einem 2-Personen-Proust-Lesekreis. Ich hab mal im Wald gewohnt.

ZITAT DER WOCHE

„Yeah, the world is better now that corporations read our most private communications and then sell back at us the very things they’ve eavesdropped about.”

Im Lockdown vielleicht keine unerhebliche Information: Auf Netflix ist eine neue Staffel „Family Guy“ zu sehen, aus der dieses Zitat auch stammt. Für Google-Ads vielleicht ebenfalls eine interessante Information: Ich wäre wieder soweit liquide und bereit, mir irgendwelche „witzigen“ Nerd-Shirts zu TV-Sendungen zu bestellen. Je später die Werbe-Einblendung und je betrunkener ich vorher auf Instagram kommentierte, desto erfolgsversprechender. Aber wem sage ich das, liebe Ad-Bots? Ich hoffe, das habt ihr alles eh schon notiert.

MEME DER WOCHE

https://www.instagram.com/bandmemes666/

GUILTY OR PLEASURE (90S-EDITION, PT.24)

Die Sache ist ganz einfach: Ein verhaltensauffälliger Act aus dem Kanon der 90er wird noch mal abgecheckt. Geil or fail? Urteilt selbst!

FOLGE 24: Oli P.

HERKUNFT: Geboren in Berlin, aufgewachsen in Nordrhein-Westfalen
GENRE: Soap-Opera-Gangsta-Rap
DISKOGRAPHIE:
7 Alben
ERFOLGE: Goldene Schallplatten in Deutschland, Österreich und der Schweiz für das Debüt-Album „Mein Tag“ aus dem Jahr 1998. Die darauf enthaltene Single „Flugzeuge im Bauch“ erreichte in Deutschland zudem dreifachen Platin-Status.
TRIVIA: Für die Bühnenveranstaltung „Feminismus und Autotune“, die ich in unregelmäßigen Abständen mit Paula „The Voice“ Irmschler in Köln abhalte, wollte ich eben jene mit einem Auftritt von Oli P. überraschen. Immerhin stellte Paula sich mir in einem besetzten Haus als dessen größter Fan vor. Oli P.s Management allerdings antwortete nie auf die Anfrage. Auch nicht als ich das Auftritts-Honorar auf – ich schwöre! –  Blankoscheck erhöhte. Schlussfolgerung: Oli P. ist entweder steinreich, dem schnöden Streben nach Einnahmen lange entbunden oder hat das faulste Management der Stadt.

PRO
Oli P. nahm den Pop des neuen Jahrtausends bereits in den 1990ern vorweg. Nicht mehr konservativer Kram wie Handwerk, Stimmvolumen oder Innovation waren Maßgabe für Erfolg, sondern mediale Bekanntheit und der Wille, vertraute Musik auf aktuelle Trends runterzubrechen. Oli P. machte so aus Rap 1998 eine Art TikTok-Challenge – und ging damit in analoger Zeit schon viral.

CONTRA
Oli P. machte aus Rap bereits 1998 eine Art TikTok-Challenge und ging damit viral. Und das muss nun wirklich nicht per se etwas Gutes sein.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

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GAGA, MAGA! – Paulas Popwoche im Überblick
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