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Ein Dokumentarfilm über das Spannungsfeld zwischen kulturellem Anspruch und Wirtschaftlichkeit in der Festivalindustrie

Jan Müllers „Reflektor“-Kolumne, Folge 4: Warum zwischen Tocotronic und den Beatsteaks eine besondere Verbundenheit herrscht

von
Jan Müller
Jan Müller

Zum ersten Mal trafen wir mit Tocotronic Ende der 90er-Jahre auf die Beatsteaks. Naturgemäß bei einem Festival: „Rock am See“ in Losheim. Vermutlich waren wir uns nicht sonderlich grün. Höchstwahrscheinlich hielten wir Tocos in jenen Tagen sämtliche Rockmusik aus Berlin für minderwertig. Und die Beatsteaks sahen in uns sicherlich dilettierende, nörgelnde Studenten. Es geht sogar die Legende, dass sich einer von ihnen während unseres Auftritts hinter uns auf die Bühne gelegt und sich schlafend gestellt habe.

Über Jahre lebte ich in dem Irrglauben, die Beatsteaks seien eine Crossover-Band. Dieser war bei mir aufgrund ihres von mir als doof bewerteten Bandnamens entstanden. Wirklich angehört habe ich sie mir lange nicht. Ich genoss seinerzeit noch das Privileg der jugendlichen Ignoranz. Einige Jahre später, genauer gesagt im Sommer 2004, nehmen wir mit Tocotronic in einem winzigen Kreuzberger Keller-Proberaum unser Album PURE VERNUNFT DARF NIEMALS SIEGEN auf. Wir sind in die Fänge des genialischen Produzenten Moses Schneider geraten. Genau wie zwei Jahre zuvor die Beatsteaks. Sie sind in jenen Tagen mit ihrem Album SMACK SMASH mitten im Durchbruch.

Unfassbar gut, wie heftig die berlinern!

Natürlich lernen wir uns nun auch richtig kennen. Zunächst denke ich: Unfassbar gut, wie heftig die berlinern! (Ausnahme: Thomas, der schwäbische Schlagzeuger.) Wir entdecken gemeinsame Hardcore-Wurzeln (7 Seconds! All! Youth of Today!). Fabelhaft, mit wem kann man denn sonst darüber in den Nullerjahren reden? Außerdem scheinen sie sehr offen gegenüber Musik zu sein, die anders ist als die eigene. Das muss ich mir in jenen Tagen erst noch ein wenig antrainieren.

Aber ich kam nicht umhin, mir einzugestehen: Die können was. Und sie haben sich alles genommen, was an Punkrock cool, charmant und lässig war und allen anderen Ballast über Bord geworfen. Folgerichtig geht bei ihren Konzerten dann auch eine unglaubliche Luzie ab. Alles, was ich eigentlich grauenvoll finde: Zirkus und Animation. Arme hoch, hinsetzen, aufstehen. Dreifacher Rittberger und so weiter und so fort. Aber bei den Beatsteaks hat das alles einen ganz eigenen Charme. Mal davon abgesehen, dass Sänger Arnim bei erstbester Gelegenheit mit einem Gitarrenkoffer, einer Berliner-Weiße-Molle oder mit sonst irgendetwas, was gerade greifbar ist, übers Publikum crowdsurft.

Eine Band, die sich ihr  Interesse für Neues bewahrt hat und mit offenen Augen und Ohren durch die Welt geht

Im Sommer 2018 schließlich stehen wir Tocos als Support der Beatsteaks auf der Berliner Waldbühne. Seit 1994 haben wir nicht mehr Support gespielt. Dieses Konzert vor 23.000 Menschen erzeugt bei mir dann doch ein ungewohntes Kniezittern. Während wir versuchen, uns und auch dem Publikum der Beatsteaks gerecht zu werden, merke ich wieder, wie anders wir doch funktionieren als diese Band. Aber ich spüre trotzdem diese große Verbundenheit. In einer Band zu sein, selbstbestimmt, als Freunde, als Gemeinschaft.

Erst in Vorbereitung auf mein Reflektor-Interview setzte ich mich dann ausführlich mit ihrem Gesamtwerk auseinander. Und ich begriff, welch weiten Weg sie bereits gegangen sind. Man betrachte ihr Album YOURS von 2017: Ein Song wie „I Do“ mit seinen ca. 18.965 Spuren von dem Produzententrio Krauts steht neben der wundervoll lebendigen Stereo-Total-Kooperation „Velosolex“, in welcher die Beatsteaks Brezel Göring und seinem Achtspur-Kassetten-Aufnahmegerät volles Vertrauen schenken. Außerdem lassen sie sich textlich ganz auf den eigenwilligen Kosmos der im Februar dieses Jahres viel zu früh verstorbenen Françoise Cactus ein.

Beim Reflektor-Interview mit Peter und Torsten bestätigt sich der Eindruck, dass es sich bei den Beatsteaks um eine Band handelt, die sich ihr Interesse für Neues bewahrt hat und mit offenen Augen und Ohren durch die Welt geht. Vermutlich ist diese Haltung für eine langjährig aktive Band die beste Möglichkeit, interessant und relevant zu bleiben. Zu ihrer aktuellen Beatsteaks-EP „In The Presence Of“ gibt es ein Gänsehaut erzeugendes Video ihrer Version von „Afterhours“ von The Velvet Underground. Sänger Arnim streift durch die stillgelegten Berliner Konzertorte. Vermutlich spürt kaum jemand deutlicher als die Beatsteaks, was wir zurzeit alle kulturell zu entbehren haben.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 06/2021.


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