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Popkolumne, Folge 104

Bumms, Cactus, Nichols: Linus Volkmanns Popwoche im Überblick

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann
Kolumne

LOGBUCH KALENDERWOCHE 08/2020

Françoise Cactus ist tot. Ihr 57. Lebensjahr hat die Sängerin mit Schalk im Nacken und Akzent in der Stimme nicht mehr erreicht. Geschätzt, gehört, geliebt haben sie viele, wie die betroffenen Reaktionen letzte Woche zeigten, gewusst hatte dagegen kaum jemand von ihrer Krankheit. Der Schock war und ist groß. Ihre Band Stereo Total und deren schier unversiegbaren Output hatte man als naturgegeben hingenommen. Von einem Moment zum nächsten ist das nun vorbei. Wie traurig. Doch Stereo Total, das war neben Françoise immer auch ihr Gefährte Brezel Göring. Und jener leistete diese Woche auf Radio Eins eine Trauerarbeit, die ihresgleichen suchen dürfte. Auf dem Sendeplatz der Verstorbenen erinnerte er an sie, mit Songs, kleinen Anekdoten, Hörspielfetzen. Brezel bildete alles ab, was einem der Tod abverlangt. Er war bei seiner tief berührenden Revue gleichzeitig tapfer, ratlos, verlassen, verzweifelt und fest entschlossen, der Endlichkeit mit diesem Gedenken noch ein paar Momente abzutrotzen. Wer’s nicht gehört hat, unbedingt nachholen: Das ist wirklich Radiogeschichte – und ein bisschen Trost.

VIDEOPREMIERE DER WOCHE: CHRISTIN NICHOLS

„Sieben Euro Vier“ … Für mich jetzt schon einer der, wenn nicht DER Song des Jahres. Diese Mischung aus Misanthropie, Düsterness und Pop-Geilness, wo kriegt man die denn noch, seitdem man The Smiths einfach nicht mehr hören kann? Wegen Morrissey dem Trottel, versteht sich.

Christin Nichols ist die rothaarige Hoffnung des Pops mit deutschen Texten. „Sieben Euro Vier“ beziffert dabei die exakte Summe, die die Wahlberlinerin im Lotto gewonnen hat. Wenn Träume real werden und sich aber bloß anfühlen wie an einem grauen Tag Pfandflaschen abgeben. Bald kommt das Solo-Album, aber jetzt erstmal nur der Song hier, um alle schon total fickerig zu machen. Also bei mir ist es gelungen 5000! Hört diesen Hit in meiner kleinen Familien-Kolumne, bevor es ab morgen alle anderen überall tun werden.

BOOMER DER WOCHE: Manuel Andrack

Cancel Culture nimmt uns so viel, Leute! Zum Beispiel können Comedians gar nicht mehr in andere Rollen schlüpfen, sagt uns Manuel Andrack zumindest in einem aktuellen YouTube-Interview und sieht dabei allerdings aus wie Sigmar Gabriel. Das scheint wohl gerade noch zu gehen.

Doch der einstige Harald-Schmidt-Sidekick meint natürlich das unverrückbare glücksversprechende Blackfacing, das wird dem armen weißen Mann heute richtiggehend verleidet. Andrack ist es in seinem altersfleckigen Plädoyer auch nicht zu doof, noch das N-Wort zu benutzen. Man darf ja gar nichts mehr sagen! Das lebensfeindliche Ambiente der geschmacklosen Regaleinheit hinter ihm möge eine Erklärung für dieses Nassmüll-Interview darstellen – liefert aber gewiss keine Entschuldigung.

INDIEPOPSTAR DER WOCHE: Susi Bumms

Bei Videos der Gruppe The Screenshots sieht man oft den Mann Dax Werner performen, den die Mitteldeutsche Zeitung folgendermaßen zitiert: „Ich bin einfach die geborene Rampensau. Wenn ich Bühne dann klinke völlig aus!“ Oops, Verzeihung, wenn einige Worte im letzten Satz dieses komplett ausgedachten O-Tons gefehlt haben sollten.

Doch so long, Werner! Die neue Screenshots-Single inklusive Video gehört Susi Bumms. Die nachdenkliche Bassistin mit Herz. Das Thema des Stücks lautet sowas wie „Körper – ein Wunderland“, will aber eigentlich die Idealisierung des (weiblichen) Körpers als gedankenarme Plattitüde mit Übergriffs-Potenzial outen. Gelingt auch. Danke Screenshots, danke Bumms!

 

DEUTSCHPUNK DER WOCHE: ERSATZKOPF

Denke ich an Punk 2021, sehe ich Campino vor mir, wie er sich mit seinen Bandkollegen Musikspuren hin- und herschickt und in ein Google-Dokument Textfetzen packt, vielleicht kann einer der acht Autoren, die darauf zugreifen, was damit anfangen. In drei Worten: Punk ist Schmerz.

Wie federleicht brettert dagegen Ersatzkopf aus dem Lautsprecher? Einfach gestörte Musiker, die sprühend geilen Scheiß zusammenschieben. Diese Woche erscheint auf bandcamp ihre EP „Geil für immer“ mit Songs wie „Krätze im AZ“ und „Trompeten raus aus dem Punk“.

PODCAST DER WOCHE (3): Awkward Brunch

Manche Namensgebungen sind ja bloß dahingesagt, Die Ärzte zum Beispiel – das bedeutet gar nichts. „Awkward Brunch“ von diesen zwei Stand-Up-Comedians aus Berlin wirkt auf den ersten Blick auch wie etwas, das man halt einfach mal so als Titel genommen hat, weil’s irgendwie interessant klingt.

Doch beispielsweise die Episode „Große Brüste, kleine Männer“ geht schon folgendermaßen los: Man erfährt, dass Erika Ratcliffe bei Thomas Ewald gleich nach dem Einlass auf dem Klo war. Sie hat dort dann, wie wir ebenfalls erfahren, nicht das Klopapier von der Halterung ganz aufgebraucht, sondern eine neue Rolle geöffnet. Warum sie nicht erst die alte leer gemacht habe, darauf sprach Thomas sie kurz darauf an, nachdem er offenbar das Badezimmer auf Unregelmäßigkeiten kotrolliert hatte – und jetzt, on air während des Podcasts, macht Erika genau das zum Thema.

Bitte, wenn das nicht „awkward“ ist, ja was denn dann?!

Aber nicht falsch verstehen, dieser (über die Folgen übrigens immer obszöner werdende) Podcast spielt lustvoll mit Fremdscham, ist ihm aber nicht ausgeliefert. Die beiden Protagonist:innen nutzen ihre Differenzen (sie ist eine Austro-Japanerin, er ein Mann) immer wieder, um den Talk genauso abwechslungsreich wie unmöglich zu gestalten.

DAS KLEINSTE INTERVIEW DER WOCHE: Ratcliffe und Ewald

Eigentlich weiß ich durch ihren Podcast schon viel zu viel über die beiden. Aber für drei Fragen hat es noch gereicht. Hallo Erika, hallo Thomas!

Foto: Karo Krämer

Wie habt Ihr Euch gefunden für das Format?

ERIKA RATCLIFFE: Ich wollte einen Podcast mit jemandem machen, der auch in meinem Schatten stehen kann. Jede Beyoncé braucht eine Kelly Rowland. Ich bin Beyoncé in diesem Szenario…

THOMAS EWALD: Als Erika mich nach einer Show gefragt hat, ob wir zusammen einen Podcast aufnehmen, war mir sofort klar: Sag ja, sonst verprügelt sie dich.

Ihr seid beide im Stand-Up-Betrieb – was findet Ihr beim anderen lustig, was nicht so?

ERIKA: Thomas ist lustig, wenn er nicht versucht, lustig zu sein. Also nie.
THOMAS: Ich mag Erikas Menschenhass. Finde es aber nicht so lustig, wenn sie ihn an mir auslebt.

Gibt es Podcast-Themen, mit denen Ihr immer landen könnt beim Gegenüber? Welche sind das?

ERIKA: Ich versuche alles zu besprechen, was ich interessant finde. Thomas redet gerne über sein Fahrrad.
THOMAS: Alle Themen, bei denen ich den Boomer raushängen lassen und Erika sich über meine Spießigkeit lustig machen kann.

MEME DER WOCHE

Allerletzte Folge, Kids:
GUILTY OR PLEASURE (90S-EDITION, PT.25)

Die Sache ist ganz einfach: Ein verhaltensauffälliger Act aus dem Kanon der 90er wird noch mal abgecheckt. Geil or fail? Urteilt selbst!

FOLGE 25: Lucilectric

HERKUNFT: Berlin
GENRE: Deutsch-Pop
DISKOGRAPHIE: Drei Alben und acht Singles
ERFOLGE: In Deutschland reichte es mit „Mädchen“ knapp nicht für die Eins der Charts, einen Platz davor war Schluss. Immerhin in Österreich grüßte die Single von ganz oben
TRIVIA: Der Song „Mädchen“ wurde produziert von Annette Humpe.

PRO
Es ist vielleicht DER Post-NDW-Hit des Jahrzehnts. Ein Jahrzehnt, das auf Techno und Grunge, aber nicht wirklich auf deutsche Texte stand. Insofern stellt der Erfolg ihres Ausnahme-Hits eine noch größere Leistung dar. Auch ohne Zeitgeist im Nacken schrieb er sich ins kollektive Gedächtnis deutschsprachiger Popkultur ein.

CONTRA
Lucilectric und der Song „Mädchen“ tragen große Mitschuld an dem Boom der sogenannten „Girlie“-Bewegung. Jungen Frauen wurde suggeriert, ihre Generation sei irgendwie „das Ding“ jetzt. Allerdings nur wenn sie jung, kokett, verführbar blieben – und sich damit zufrieden gaben, dass mit dieser kommerziellen bis schlüpfrigen Fetischisierung keine wirklichen gesellschaftlichen Forderungen einhergingen. Mädchen vs. Frauen, Girlies vs. Emanzen. Eine Frontlinie der Neunziger, auf der jenes Lied „Mädchen“ als Soundtrack lief. Eher Regress denn Ermächtigung.

Mehr zu Lucilectric auch in der One-Hit-Wonder-Episode des ME-90er-Podcasts NEVER FORGET.

Karo Kraemer

Gedanken zum Gegenwärtig*innen, Folge 2: Reframing Alles
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