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Kindesmissbrauch: Diese Doku könnte Michael Jacksons Ruf endgültig ruinieren

Aktuell findet in Park City, Utah, das einst von Robert Redford gegründete Sundance-Filmfestival statt. Sundance ist bekannt für seine Indie-Filme, Blockbuster haben dort nichts zu suchen. Der Fokus liegt auf kleineren Filmen mit geringem oder mittlerem Budget, Newcomer werden dort entdeckt und Studios kaufen sich ihr jährliches Programm an smarten Filmen zusammen. Am Wochenende stand nach einer emotionalen Premiere beim Festival aber schnell fest, dass Sundance 2019 vor allem wegen einer Dokumentation in Erinnerung bleiben wird.

„Leaving Neverland“ heißt das Porträt über zwei Männer, die über die Zeit sprechen, die sie in ihrer Kindheit mit Michael Jackson verbrachten. Wade Robson und Jimmy Safechuck waren keine zehn Jahre alt, als sie mit Jackson in Kontakt kamen. Gemeinsam mit ihren Familien wurden sie von Jackson und seinen Leuten verwöhnt und zugleich missbraucht – dies erzählen die beiden Männer nun ausführlich in der Dokumentation von Filmemacher Dan Reed.

Michael Jackson war einer der größten Musiker aller bisherigen Zeiten. Doch der Name des 2009 Verstorbenen wird auch ewig mit Vorwürfen des Kindesmissbrauchs verknüpft sein. Dass Michael Jacksons Nähe zu Kleinkindern grotesk war, daran gibt es keine Zweifel. Auf seiner Neverland-Ranch baute er einen halben Vergnügungspark, übernachtete dort in Zimmern mit Kleinkindern, deren gesamte Familien dafür am Wohlstand des Musikers partizipieren konnten.

Kooperation

Aber war Jackson auch kriminell? Dieser Frage ging auch ein Gerichtsprozess nach, der 2005 mit einem Freispruch für Jackson endete. „Im Zweifel für den Angeklagten“ hieß es damals, für einen konkret verhandelten Missbrauchsvorwurf gab es nicht genügend Beweise. Dafür aber die Versicherung der Jury, dass sie ihre Kinder ganz bestimmt nicht in Jacksons Bett schlafen lassen würden.

Mini-Demo vor dem Kinosaal

 

Michael Jackson mit einem seiner wahrscheinlichen Opfer.

Zahlreiche Eltern haben aber genau dies getan, dem Superstar Einfluss und Kontrolle über ihre Jüngsten gegeben. Laut „Leaving Neverland“ und den mutmaßlichen Opfern Robson und Safechuck hat Jackson diese Macht für höchst kriminelle Akte missbraucht. Die mittlerweile erwachsenen Männer berichten in der vierstündigen Dokumentation über den Glamour im Dunstkreis von Jackson, die Briefe von ihm, die Vorteile für die Familie. Und dann über einen Superstar, der plötzlich in ihrem Elternhaus übernachtet hat und der angeblich – Achtung, Details – Kinder die Backen spreizen ließ, um zu dem Anblick zu onanieren. Der einem Achtjährigen seinen Penis in den Mund steckte.

Die Dokumentation hat direkt nach der Premiere stark an Aufmerksamkeit gewonnen. Zum Teil auch, weil die Festivalleitung die Zuschauer auf Notärzte im Foyer des Kinos hinwies, sollten sie Nervenzusammenbrüche bei der Sichtung von „Leaving Neverland“ erleiden – unnötiger Werbezirkus. Viel wichtiger als der Rummel waren in Sundance die Stimmen, Artikel und Statements der Zuschauer, in denen sich kaum etwas anderes als Entsetzen spiegelte.

So sei Dan Reeds Film über die Verbrechen Jacksons so lückenlos wie möglich, die Opfer haben zudem viele Dokumente und private Aufnahmen, die sie im engsten Umfeld des Künstlers zeigen, ihre Anschuldigungen seien kaum mehr bestreitbar. Detailliert beschreiben sie geheime Zimmer auf der Neverland Ranch und sogar ein Warnsystem aus Glöckchen, mit denen Jackson überprüfen konnte, ob sich jemand näherte, während er sich gerade an den Jungs verging. Michael Jacksons Familienangehörige haben den Darstellungen mit einem Statement in der Washington Post widersprochen.

Vor dem Screening des Films beim „Sundance“-Festival erschienen zur Verteidigung des verstorbenen Popstars einige wenige Protestanten, die den Wahrheitsgehalt der Dokumentation und vor allem die Aussagen der heute 36- und 40-jährigen Männer anzweifeln. Sie stützen sich auf die Tatsache, dass Wade Robson und Jimmy Safechuck im Gerichtsprozess nicht gegen Jackson aussagten und erst jetzt mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gehen. Die Männer, die in der Dokumentation in aller Ausführlichkeit über die laut ihnen begangenen Straftaten Jacksons sprechen, traten nach der Premiere des Films auch auf die Bühne des Kinos und erklärten in einer Fragerunde ihre Motive sowie die Gefühlswelten, die sie bei der jetzigen Aufarbeitung ihrer Kindheit durchlebt haben. Ein Video davon könnt gibt es auf YouTube:

Wann „Leaving Neverland“ in Deutschland zu sehen sein wird, ist noch nicht bekannt.

Sundance

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