Klaus Nomi


Schwer zu sagen, was aufregender ist: Klaus Nomis Stimme oder sein aufsehenerregendes Styling. Dekadentes Cabaret-Flair vermitteln nicht nur der geometrische Smoking-Panzer und das mimenhafte Make up. Sein Mezzo-Sopran ist gut für lupenreine Arien und seine theatralische Intonation macht aus jedem Song eine Kuriosität. In New Yorker Clubs gefeiert und von David Bowie im TV präsentiert, steuert dieser musikalische Zwitter jetzt Europa an.

Erste Begegnung mit Klaus Nomi: Das „Zeit-Magazin“ leistet sich ein aufsehenerregendes Titelbild und damit auch gleich eine Art von Etikettenschwindel. Klaus Nomi, Blickfang im ausladenden Kunststoff-Tuxedo wird hier (Juli ’80) sozusagen als Gallionsfigur einer neuen Bewegung „verkauft“. Es geht um die „Mondsüchtigen“, eine Gruppe von liebenswerten Spinnern, die sich für ein Weiterleben im All vorbereiten. „Völlig absurd!“ distanziert sich der Künstler mit dem faszinierenden Mezzosopran. „Das sind Leute, die ich kenne, die sind ziemlich abgefahren in dem Sinne, daß sie … you know… in den Weltraum wollen. Ich bin zwar ziemlich an der Weltraumwissenschaft interessiert, aber auf dem Mond möchte ich schon mal gar nicht leben, denn da ist ja nichts außer Sand und Steinen. Die Frau, die das geschrieben hat, hat mich da einfach mit diesen Leuten zusammengewürfelt. Das hörte sich auch so an, als sei das eine Bewegung in New York, aber das stimmt überhaupt nicht… mit mir hatte das nichts zu tun. Ich fühlte mich natürlich sehr geehrt, als ich mein Foto auf dem Titel gesehen habe, aber sogar meine Mutter hat sich über diesen dummen Artikel aufgeregt…“

Wäre dieser Artikel nicht gewesen, hätte ich möglicherweise meine dritte Begegnung mit Klaus Nomi in der Form schon gar nicht mehr erlebt, denn die zweite habe ich mehr oder weniger verschlafen. „Total Eclipse“, kommerzielles Pop-Falsetto-Stück auf dem Soundtracksampier des Films „URGH! A Music War“, rauschte ohne Initialzündung an mir vorbei. Die hatte ich erst, als ich die LP in der Hand hielt. Der geometrische Smokingpanzer, der kunstvoll zurechtrasiert und -gezwirbelte Haarputz (übrigens auch ein Werk von Robert Fripps Haarstylistin Mary Lou Green), das schwarzweiße Make up mit dem Cabaret-Flair … sowas vergißt man nicht. Eine Figur, die geradewegs aus den Lehrbüchern des Konstruktivismus entsprungen scheint, jener geometrisch orientierten Strömung der Bildenden Kunst im Deutschland der frühen 20er. Kein Wunder, daß sein Auftreten in New York schnell ein verzücktes Publikum fand. Klaus Nomi selbst reagiert eher erstaunt über die ausschweifenden Interpretationen seiner – wie er betont – eher zufälligen Stilisierung. „Das Kostüm ist einfach unigue, einzigartig und hat eine vielseitige Verwendbarkeit. Die einen erinnert es an die Vergangenheit, andere wieder halten es für futuristisch. Ich lasse das offen.“

Doch zurück zur dritten Begegnung mit der Nomi 1 sehen Art, dem Album. Lupenreine Arien („Samson And Delilah“), das kommerzielle „Total Eclipse“ (aha!), ein düster verschlepptes Chubby ‚ Checker-Stück („The Twist“) – und die geniale Umstrukturierung eines ehemals harmlosen, aber eingängigen Pop-Hits, nämlich „Lightning Strikes“, in den 60er Jahren ein Riesenerfolg für Lou Christie. Völlig zerpflückt und auf dekadente Art neu zusammengefügt erhält es durch Klaus Nomi die fesselnde Anrüchigkeit einer längst verwesten Kokain-Society. Dabei kannte er diesen Titel ursprünglich gar nicht. In seiner Jugend, die er zum Teil in Berlin verbrachte, war er eher damit beschäftigt, seinen Gesangslehrer davon abzuhalten, ihn auf Tenor zu trimmen. Seine Faszination galt der Oper und kaum den Pop-Charts. Und da niemand bereit war, diese seltene männliche Stimmlage zu fördern, hatte er sich schließlich nach New York abgesetzt.

„Ich hatte eigentlich noch nie eine Beziehung zu derartigen Liedern. Freunde meinten, ich solle dies Stückmal aufnehmen, denn jeder würde es kennen, und keiner habe es seit damals wieder gehört. Ich fand die Idee gut, sah da auch einige visuelle Effekte. Ich habe es nun völlig anders interpretiert, die Originalversion war ja auch völlig naiv. Es hat mir jedenfalls Spaß gemacht, und als ich in Amerika zum erstenmal damit aufgetreten bin, haben die Leute geschrien! Die landen das wahnsinnig lustig.“

Nun ist es für jemanden, der wie Klaus Nomi seine Wurzeln nicht gerade in der Rock/Popmusik hat, sicher recht schwierig, entsprechendes Repertoire zusammenzustellen. Ich gehe unter die Oberfläche … Eine meiner nächsten Coverversionen wird wieder von Lesley Gore sein, ‚Just One Look‘.“ (Ebenfalls von L. Gore: „You Don’t Own Me“ auf dem Debüt-Album). – Cole Porter würde sich vielleicht anbieten … Ja, ich werde wahrscheinlich in andere Richtungen gehen. Cole Porter.. .Irving Berlin… ‚Kurt Weill? Nein, der ist schon zu perfekt, den darf man eigentlich nicht mehr umfunktionieren. „Das würde ich sowieso nicht machen. Ich mag es überhaupt nicht, wenn Brecht-Songs in einer anderen Sprache als in Deutsch interpretiert werden. Ich linde es auch unmöglich, Wagner in Englisch oder Französisch zu singen. Oder italienische Oper in deutsch. Ebenso kann man keine amerikanischen Musicals in deutsch bringen. Ich linde, man sollte den Originalstil beibehalten, alles andere ist eine Verfremdung. Es tut mir immer weh, wenn ich höre, wie alles synchronisiert wird. Inhalte ergeben sich aus dem Ausdruck, der Interpretation und der Atmosphäre.“

Um beim Thema Sprache zu bleiben, können wir meine vierte Begegnung mit Klaus Nomi, nämlich seinen quasi über Nacht bestellten Auftritt für URGH! (siehe Filmtips) nur insoweit kurz streifen, als das zusammengestoppelte Bühnenbild geradezu eine Beleidigung für seine Erscheinung war. Discodancer, sommerlich ausstaffierte Chorsängerinnen … wie gesagt, es war ein Zeitproblem. Vorteilhafter war da schon die Kulisse, die man in Thomas Gottschalks neuer Show „Na sowas“ mittels gradliniger Neonlinien geschaffen hatte. Schade, daß diese fünfte Begegnung mit Klaus Nomi im Rahmen so einer Sendung mit Zoo-Charakter stattfinden mußte. Aber als Spätzündung ging mir hier endlich bewußt auf, was ich bislang nur unterschwellig registriert hatte. Klaus Nomi pflegt einen theatralischen deutschen Akzent mit rollendem Rrr. Zarah Leander goes Rockdiva. Dies hat durchaus Momente verkappter Komik, setzt das i-Tüpfelchen auf seine bizarre Originalität.

„Wenn ich das im amerikanischen Slang bringen würde, hätte das ja auch gar keine Wirkung. Ich habe es zwar versucht, aber das ging überhaupt nicht. Wie ich aussehe, das ist so stilisiert, so muß natürlich auch die Aussprache sein. Irgendjemand hat mich in der deutschen Presse kritisiert und meinte, daß Klaus Nomi nach acht Jahren noch immer nicht der englischen Sprache mächtig sei. Der Mann hat leider nicht verstanden, daß das mein Stil ist,“ erklärt der Kultur-Dissident der sich die amerikanische Sprachmentalität einst vom Original Lucille Ball absaugte, nämlich über die von ihm heißgeliebte TV-Show „Hallo Lucie!“ „Ich kann nicht in ’nem schludrigen Brooklyn-Englisch singen das kann ich auch heymanwhatsupman, whodoyathinkwhotthefuckiam ? – aber so würde ich nicht singen, ich singe mit spitzer Zunge, damit mich jeder versteht, hoffentlich. Es ist natürlich schwierig, mit opernhafter Stimme in den hohen Frequenzen verstanden zu werden.“

Sechste Begegnung mit Klaus Nomi. Im häßlichsten Hotel der Welt in München. Seine metallische Stimme hallt mir schon aus der Entfernung entgegen. Interview jagt Interview. Der Künstler sitzt in der Bar. Ein Hut verbirgt den Haarschopf, Fallschirmspringerstiefel geben seiner New Yorker Understatement-Kleidung den verräterischen Pfiff. Nur die hochgezupften Augenbrauen deuten auf die Maske hin.

Ich habe aufgeschnappt, daß er Märchen liebt, zum Thema Science Fiction meint er lakonisch: „Science Fiction is a fact – alles ist möglich, wenn man nur will. „Diesen Grundsatz überträgt er auch auf seine Karriere, die nicht zuletzt durch David Bowies Einladung in die renommierte amerikanische TV-Show „Saturday Night Live“ einen fruchtbaren Kick bekommen hatte. Die Franzosen haben ihn längst entdeckt, auch London wacht auf und auch hierzulande mag sich nach so viel Promotion bald einiges tun. „Total Eclipse“ gibt’s jetzt als Single. Die B-Seite, „Falling In Love Again/Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ fiel originell, fast lustig aus, erhärtet aber die These, daß Songs mit starkem Eigenprofil kaum durch neue Formen zu überbieten sind. Eine Tournee hängt natürlich auch von den Angeboten ab, in jedem Fall will Klaus Nomi ersteinmal seine zweite LP vorbereiten, um dann das Material von beiden Platten für die Bühne parat zu haben. „Ich bin in dem Sinne aber kein Rock Act,“ gibt er zu bedenken. „Ich mache ja eher Musiktheater wie in der Oper. Deshalb möchte ich meine Show auch lieber auf einer richtigen Bühne mit Aufbauten und Drehvorrichtung haben.“

Seine Ziele sind noch weitgesteckt. Das erste hat er erreicht: Anstatt weiterhin auf irgendetwas Neues, Aufregendes zu warten, stellte er sich selbst ins Rampenlicht Von seinem Auftritt in URGH! war er dementsprechend auch ohne falsche Bescheidenheit begeistert Was ihm vorschwebt, ist außerdem eine richtige Rockoper mit opernhafter Gesangstechnik. Und daß es noch niemandem gelungen ist, ein rundum befriedigendes Musiktheater auf die Beine zu stellen, ist für ihn geradezu eine Herausforderung.

„Irgendwo fehlt immer etwas“, seufzt er. „Ich sehe eine tolle Tanztruppe und sage, naja, die tanzen ja alle ganz toll, aber was nun ? Ich bin nie befriedigt. Dann gehe ich in die Oper, und da fehlt mir wieder der schnelle Rhythmus. Ich mag das ja auch – aber dann ist wieder die Sängerin zu dick. Dann gehe ich ins‘ Rockkonzert, und das ist ja ganz flott da. Aber die sehen ja auch nicht so gut aus, der Sound ist außerdem schlecht, und ein Lied klingt wie das andere. Dann gehe ich ins Kino. Naja, Kino ist ja auch immer ganz nett. So versuche ich eben immer, alles zusammenzumachen. Das ist viel!Eine große Aufgabe, die ich mir da gestellt habe.“